Aachen: Der ganz große Knall bleibt am Tivoli aus

Aachen: Der ganz große Knall bleibt am Tivoli aus

Eine knappe halbe Stunde vor Spielbeginn ist Dieter Lübbers zumindest in einem Punkt noch halbwegs guter Dinge. Na ja, wie man das eben sein kann bei einem Spiel, das das letzte sein könnte im Profifußball für seinen von der Insolvenz bedrohten Lieblingsverein.

Und sich in der Brust „Trauer, Verzweiflung und Hass” breitmachen. Aber eines, hofft der Vorsitzende der Fan IG der Alemannia, wird es an diesem Samstag nicht geben: Ausschreitungen. Am Vorabend beim Fan-Treffen, an dem auch die beiden verfeindeten Ultra-Gruppierungen teilnahmen, habe man sich ausdrücklich auf friedliche Proteste verständigt, sagt der 51-Jährige. „Wir wollen endlich noch mal gemeinsam etwas zeigen.”

Gut zwei Stunden später droht diese Hoffnung zu zerplatzen. Hunderte Fans rennen in Richtung Treppenaufgang zwischen Stadion und Parkhaus, dort wo der Eingang zu Geschäftsstelle und Businessbereich liegt. Einige vermummen sich, ein Feuerwerkskörper explodiert - dann kommt die Menge zum Stehen: Dutzende Polizeifahrzeuge und Hunderte Einsatzkräfte blockieren den Weg. Eine halbe Stunde lang liegt eine Eskalation in der Luft, dann beruhigen sich die Gemüter. „Wir wollen den Vorstand sehen!”, skandieren die Fans - bis Stadionsprecher Robert Moonen und Aufsichtsrat Helmut Kutsch den Weg in die Menge wagen und mit den Leuten reden.

Eine merkwürdige Mischung aus Resignation und Fassungslosigkeit, aber auch Gereiztheit und Wut hat zuvor bereits das ganze Spiel über rund um den Tivoli geherrscht. Und auf die große und entscheidende Frage, ob der Klub überleben kann, gibt es noch keine Antwort. Zwar lässt Robert Moonen aufhorchen mit der Durchsage: „Alles wird nicht gut, alles ist gut!” Die vier Aufsichtsräte Meino Heyen, Helmut Kutsch, Dr. Christoph Terbrack und Michael Nobis können dies allerdings kurz vor dem Anpfiff auf dem Rasen nicht mit Fakten untermauern und werden gnadenlos ausgepfiffen.

Während sich die Akteure beim Spiel danach der allgemeinen Begräbnisstimmung anpassen, gehören „Kraemer raus” (gemeint ist Geschäftsführer Frithjof Kraemer) und „Vorstand raus” zu den beliebtesten Anfeuerungen. „Ihr macht den Verein kaputt”, wird gesungen - das meiste andere ist hier nicht zitierfähig.

Der ganze Nachmittag ist eine einzige Demo gegen die Verantwortlichen. „Totenkraemer” heißt es auf Spruchbändern, „Tschö Meino” und „Tschö Frithjof” in der „Choreo” der Fans bei Spielbeginn. Dazu werden weiße Taschentücher verteilt. Man verabschiede mit Kraemer einen der wichtigsten Protagonisten der letzten fünf Jahre, steht auf Flugblättern - „fünf Jahre, in denen wir unter seiner Geschäftsführung von einem finanziell gesunden Erstligisten zu einem aus dem letzten Loch pfeifenden Drittligisten geworden sind”.

Bizarre Szenen sind am Rande dieser Demo zu sehen. Da halten kleine Kinder „Kraemer raus” Schilder in die Höhe, ohne die Situation wohl verstehen zu können. Da fliegt vor dem Spiel von den Sitzrängen ein Böller auf den Rasen, Ordner ziehen auf, worauf ein Ordner einen der „Täter” mit Handschlag begrüßt. Und da hängt die „Karlsbande” wieder ihre Fahne auf, obwohl das verboten ist. Aber die Alemannia hat wohl drängendere Probleme.

Wie es weitergeht? „Wir arbeiten wie die Stiere dafür, dass der ganz große Knall ausbleibt”, sagt Aufsichtsrat Kutsch, nachdem er mit den aufgebrachten Fans gesprochen hat. Dass sich denen überhaupt jemand stellt, trägt mit dazu bei, dass auch der ganz große Knall vor den Stadiontoren ausbleibt. Neben den Hunderten Polizisten natürlich.

Als sich wenige Stunden vor dem Spiel Hinweise verdichten, dass sowohl der Platz als auch die Geschäftsstelle gestürmt werden sollen, alarmiert die Aachener Polizei unter anderem Hundertschaften aus Wuppertal und Essen. Daran gemessen, endet das Ganze glimpflich: Ein Polizist wird durch einen Becherwurf leicht verletzt, ein „Fan” festgenommen.