Joachim Eichenseher hilft am Lebensende: Der Fremde wird zum Vetrauten

Joachim Eichenseher hilft am Lebensende : Der Fremde wird zum Vetrauten

Als Joachim Eichenseher an Leukämie erkrankt, fasst er den Entschluss, anderen in den letzten Lebensjahren zu helfen. Heute weiß er, wie wichtig die Begleitung von Sterbenden ist.

Weder Furcht noch Routine fühlt Joachim Eichenseher, wenn er sich viermal in der Woche auf den Weg nach Aachen-Walheim begibt. Dort, in einem Seniorenzentrum, konfrontiert er sich regelmäßig mit einem der letzten Mysterien menschlicher Existenz: dem Tod. Der 77-Jährige ist ehrenamtlicher Sterbebegleiter. Seit 1999 steht er Menschen auf ihren letzten Lebenswegen bei. Sterbenden, aber auch deren Angehörigen, leistet er Beistand als einer von rund 40 ehrenamtlichen Mitarbeitern des Aachener Malteser-Hospizdienstes „DaSein“.

„Bei der aufrichtigen Auseinandersetzung mit würdigem Sterben“ kann er unterstützen, wie er sagt, weil er den Tod weder verdrängt noch tabuisiert. Manchmal, erzählt er, wird der Tod auch mit deart großem emotionalem Gewicht belegt, dass sterbenden Menschen das Loslassen erschwert wird. Ein leichtes, nicht von Schmerzen geplagtes Sterben wünschen sich alle. Die Palliativmedizin- und -pflege kann ihren Teil dazu beitragen, diesen Wunsch weitestgehend zu erfüllen.

Endgültigkeit bereitet Angst

Dem gegenüber steht aber die Auseinandersetzung mit dem Tod auf der Gefühlsebene, die Angehörige und Zugehörige schwerkranker oder sterbender Menschen häufig emotional überfordert. Lebensstrukturen stellt der nahende Tod auf den Kopf, tiefe, langjährige familiäre Bindungen, Freundschaften und Ehen werden von schweren Krankheiten und dem Sterben bedroht. Die Endgültigkeit des Todes bereitet Angst. Die kann so schwer wiegen, dass vor dem geliebten, sterbenden Menschen regelrecht geflüchtet wird. „Manchmal“, berichtet Joachim Eichenseher aus seiner langjährigen Erfahrung, „spüren Sterbende, dass ein ruhiger, letzter Atemzug gar nicht möglich ist, wenn sie von schmerzerfüllten Nahestehenden umgeben sind. Dann begeben sie sich möglicherweise in den wenigen Sekunden auf ihre letzte Reise, in denen sie allein sind.“ Das Durchlaufen einer dreivierteljährigen Schulung ist beim Hospizdienst der Malteser in Aachen notwendig, um Sterbende begleiten zu können. Und natürlich auch die gefühlte Berufung, dieses oft fordernde Ehrenamt überhaupt auszufüllen.

Joachim Eichensehers Lebensgeschichte ließ ihn emotionale Not früh erkennen. Seinen Geburtstag kann er nicht genau benennen. Im Juni 1942, in der damals besetzten Stadt Posen als Sohn einer polnischen Mutter geboren, wurde er unmittelbar nach seiner Geburt gegen das tote Baby einer Besatzer-Familie ausgetauscht. „Ich habe mich in dieser Familie nie wohlgefühlt“, erzählt er in fränkischem Akzent. 1944 zog er mit der nicht blutsverwandten Sippschaft nach Nürnberg, wo er aufwuchs. Bei der kleinsten Kleinigkeit wurde damals auf ein gepacktes Köfferchen gezeigt, in dem sich seine Kleidung und Schuhe befanden.

Mit dem Fingerzeig ging die unausgesprochene Drohung einher, zu seiner leiblichen Mutter nach Polen zurückgeschickt zu werden. Dass er ein ausgetauschtes Kind war, wurde tabuisiert. „Ich war damals überaus verletzbar. Mein Bewusstsein darüber ging so weit, dass ich mich beliebt machen wollte, in dem ich freiwillig einkaufen ging und sogar schon als kleiner Junge das Bügeln lernte. Immer wenn mir mit der Rückkehr nach Polen gedroht wurde, weinte ich, weil ich meine leibliche Mutter ja gar nicht kannte. Diese Familie brauchte meine Tränen wohl“, mutmaßt er.

Es ist nur eine kleine, menschliche Geste, aber mit großer Wirkung: Joachim Eichenseher erlebt oft, dass die Berührung der Hände Trost spendet. Foto: ZVA/Harald Krömer

Mehr als 40 Jahre später erkrankte Joachim Eichenseher schwer. Diagnose: Leukämie. Elf Monate verbrachte er in einer Erlangener Klinik. Während seiner Krankenhausbehandlung verstarben dort 22 Menschen. Drei Abschiede und Tode erlebte er sukzessive direkt im 2-Bett-Zimmer. „Dabei erfuhr ich unfreiwillig, wie Zugehörige meiner sterbenden Zimmernachbarn mit dem drohenden Tod umgingen“, erinnert er sich. „Es wurde so getan, als sei nichts gewesen. Dem Sterbenden war bewusst, dass es kein Zurück geben konnte. Den Angehörigen war es, aufgeklärt durch die Ärzteschaft, auch klar. Aber es wurde Theater gespielt, der Tod wurde verdrängt. Diese Erfahrung bekräftigte damals meinen Wunsch, in der Sterbebegleitung tätig zu werden, wenn ich meine Leukämie-Erkrankung überleben sollte. Um den Menschen redlich beistehen zu können, die gehen müssen. Diese Ehrlichkeit kommt bei sterbenden Menschen an. Das erlebe ich immer wieder.“

Seine Lebensgeschichte, die ihm seine eigene Verletzbarkeit immer wieder vor Augen führte, habe in ihm das Feingefühl für andere Menschen in Not geschaffen, sagt Eichenseher. Sein besonnener Duktus wirkt wachsam, interessiert, gleichsam beruhigend, beinahe tröstend. Er ist in der direkten Begegnung buchstäblich da. Den Namen „DaSein“ des Hospizdienstes, unter dessen Ägide er tätig ist, findet er entsprechend zutreffend gewählt. „Ich erlebe oft, dass Menschen einen Tag oder eine Stunde vor ihrem Tod nach meiner Hand greifen – obwohl sie schon lange nicht mehr sprachen, nur noch regungslos Im Bett lagen. Dann, plötzlich, zucken ihre Augenlider,  und ihre Hände suchen nach meinen. In solchen Momenten spüre ich, dass mein wochenlanges Dasein für Sterbende wichtig ist.“

Dass aus dem eigentlich fremden Sterbebegleiter im entscheidenden Moment ein Vertrauter wird, ist dem Loslassen vom irdischen Leben geschuldet. Wenn alle Besitztümer unbedeutend werden und aller Hochmut seine Sinnlosigkeit offenbart, zählt nur noch der nackte Moment, das Dasein. Mitunter begleitet Joachim Eichenseher Menschen bis zu anderthalb Jahre lang, bevor sie sterben.

Gerade in einer derart langen Zeitspanne, ist seine Präsenz von großer Wichtigkeit, fühlen sich Angehörige doch speziell in dieser Übergangsphase zwischen Leben und Tod hilflos. Diese Ohnmacht führte, so erinnert er sich, auch schon zu regelrechten Eifersuchtsbekundungen. Warum regieren Sterbende auf seine Zuwendungen, während sie ihren Verwandten gegenüber kaum Regungen zeigen? Wie kann es sein, dass Menschen, die sich noch artikulieren können, ihm Erinnerungen ihres Lebens anvertrauen, die sie ihren Verwandten verschweigen? Eichenseher vermutet, dass er von denen, die gehen müssen, für einen kurzen Zeitraum lang als nicht richtender Verbündeter geachtet wird.

Ein geschärftes Gespür

Seine regelmäßigen Besuche im Seniorenzentrum haben sein Gespür dafür geschärft, wann und bei wem seine Hilfe benötigt wird. Er nimmt damit eine Sonderrolle beim Malteser-Hospizdienst ein. Zwar werden auch die Unterstützungsangebote seiner Kollegen vorwiegend in Seniorenzentren wahrgenommen. Aber nicht in der gleichen Kontinuität an einem Ort. Eher selten werden „DaSein“-Mitarbeiter in die direkten wohnlichen Umgebungen sterbender Menschen gebeten. Das Angebot besteht allerdings ausdrücklich. Der Sohn, der seine Mutter fünf Jahre lang bis zu ihrem Tod daheim umsorgte und die Unterstützung des Hospizdienstes in Anspruch genommen hat, ist nach wie vor die Ausnahme von der Regel.

Gleichwohl äußert das Gros der Menschen den Wunsch, daheim zu sterben. Die Statistiken zeigen allerdings, dass es nur rund 20 Prozent aller Sterbenden vergönnt ist, ihre letzte Reise tatsächlich in den eigenen vier Wänden anzutreten. Gestorben wird zumeist immer noch in Krankenhäusern, Hospizen und Seniorenzentren. Dabei können Joachim Eichensehers Kollegen pflegende Angehörige und Sterbende gerade daheim mit Fachkenntnissen enorm unterstützen. Kostenfrei und zunächst auch unverbindlich.

Ungeachtet der Frage nach dem Ort des Sterbens leisten ehrenamtliche Sterbebegleiter buchstäbliche Dienste am Menschen, einfühlsam und aufrichtig. Und mit einem großen Gewinn an eigenen Erkenntnissen, wie Joachim Eichenseher feststellt. „Vor einiger Zeit traf ich auf eine ältere Dame, die meine Hand nahm und mir gestand, dass ihr bange war. Sie hatte Angst. Vielleicht vor dem Sterben, vielleicht vor Erinnerungen. In der Regel reagieren wir Menschen auf Angstbekundungen, indem wir die Ängste kleinreden. Ich sagte ihr nur: ‚Das kann ich gut verstehen. Sie haben ein langes Leben gelebt, in dem sicher viele Dinge geschehen sind, die Sie sich nicht erklären können, und wegen derer Ihnen bange wird‘.

Seither haben wir ein überaus herzliches Verhältnis zueinander aufgebaut. Ich gebe etwas in meiner Tätigkeit, aber ich bekomme auch viel zurück. Vor allem die Gewissheit, dass sich Aufrichtigkeit immer lohnt. So wie ich meine Gefühle erlebe, wenn ich mit mir selbst ehrlich bin, kann ich auch mitfühlen. Der Tod erlaubt kein Vertuschen. Er ist immer ehrlich.“

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