Aachen: Der Fall Ben Johnson: Unfreiwilliger Verdienst eines Betrügers

Aachen: Der Fall Ben Johnson: Unfreiwilliger Verdienst eines Betrügers

Die Muskelmaschine kauert in den Startblöcken wie ein Panther vor dem Sprung. Aus seinem tiefschwarzen Umriss sticht nur das Weiß der Augäpfel hervor. Der Startschuss knallt. 9,79 Sekunden brutaler Dynamik später jubelt Ben Johnson als König der Athleten bei den Olympischen Spielen 1988 in Seoul.

Der Kanadier dominiert das Finale des 100-Meter-Laufs derart, dass er auf den letzten Metern sogar Zeit findet, den rechten Arm in die Luft zu reißen und sich nach links umzuschauen, um zu sehen, wo sein härtester Konkurrent Carl Lewis bleibt.

Nimmt seinen Vater gegen die Vorwürfe in Schutz, er sei ein Doping-Täter gewesen: Alexander Donike.

Trotz dieser Nachlässigkeit läuft Ben Johnson an diesem Sommerabend in Südkorea Weltrekord und glänzt in einer Sternstunde des Sports . . . Alles Lüge!

Pionier: Manfred Donike, der ehemalige Leiter des Doping-Analyselabors in Köln, entwickelte ein Verfahren, mit dem Ben Johnson die Einnahme des anabolen Steroids Stanozolol nachgewiesen werden konnte.

Drei Tage später, heute auf den Tag genau vor 25 Jahren, mutiert die Sternstunde zum größten Skandal in der Geschichte des Sports. Ben Johnson stürzt vom Thron. Zu Fall gebracht hat ihn die Forschung eines Mannes aus Düren.

Kurz vor den Spielen war es Professor Manfred Donike, dem Doping-Jäger Nummer eins auf der Welt, gelungen, ein neues Verfahren zu entwickeln, mit dem das Dopingmittel Stanozolol auch Tage später noch nachgewiesen werden kann.

In den frühen Morgenstunden des 27. Septembers 1988 wird Marie Therese Donike wach und merkt, dass ihr Mann Manfred immer noch nicht in das gemeinsame Hotelzimmer in Seoul zurückgekehrt ist. Sie vermutet ihn in der Lobby des Hotels, in dem die Funktionäre des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) untergebracht sind, und geht daher hinunter.

Dort sitzt oder schläft eine Horde Journalisten auf dem Boden. Die Nachricht, dass Ben Johnson zum Doping-Labor gerufen worden war, hatte sich verbreitet wie ein Lauffeuer. Plötzlich öffnet sich eine Türe, die Medienvertreter kommen augenblicklich aufgeregt in Bewegung.

„Da stand er dann, der Donike, in seiner ganzen Pracht im weißen Kittel“, erinnert sich seine Frau, die die Szene etwas abseits beobachtete. IOC-Sprecherin Michelle Verdier gibt bekannt, dass in Johnsons A- und B-Proben Stanozolol nachgewiesen wurde, dass der Kanadier von den Spielen ausgeschlossen werde und seine Goldmedaille verliere.

Doping-Generalverdacht

Seit diesem Tag klebt der Doping-Generalverdacht am Leistungssport wie ein zäher Kaugummi an einer Schuhsohle. Bis heute ist das Thema nicht komplett aufgearbeitet.

Die Studie „Doping in Deutschland von 1950 bis heute“ der Berliner Humboldt-Universität brachte diesen Sommer die spektakuläre Erkenntnis ans Tageslicht, dass nicht nur in der Doping-Hochburg DDR, sondern auch in der Bundesrepublik schon lange vor Johnson Sportler systematisch mit Substanzen „verbessert“ wurden.

Die mehr als 800 Seiten lange Forschungsarbeit beschreibt dabei unter anderem Donikes Pionierarbeit als Einzelkämpfer, wie er die Doping-Analytik aufgebaut und professionalisiert hat und seinen jahrelang vergeblich geführten Kampf dafür, dass Sportler bereits in der Trainingsphase kontrolliert werden.

In der Studie wird der Gründer des Instituts für Biochemie an der Kölner Sporthochschule aber auch angeklagt, nicht nur Jäger, sondern auch Täter gewesen zu sein.

Einer der Vorwürfe: Der deutsche Chemie-Professor soll dem kanadischen Sprintstar die positive Probe untergejubelt haben. „Was ich noch so mitbekommen habe, hat wahrscheinlich der Donike ihm (Johnson; Anm. d. Red.) was reingetan.

Denn das, was da drin war, hat der nie genommen. Der hatte was anderes genommen . . .“ Das Zitat stammt aus einem Interview mit einem anonymen Zeitzeugen zum Abschluss der Studie. Aufgrund der großen Ähnlichkeit zu nicht anonymisierten Aussagen in anderen Passagen liegt der Rückschluss nahe, es könnte sich um Professor Heinz Liesen handeln, ein früher Weggefährte und später erbitterter Widersacher Donikes.

„Es ist faktisch unmöglich, dass Donike die Proben manipuliert hat“, sagt Professor Mario Thevis vom Kölner Institut für Biochemie. Anonymisiert wären die Proben schon damals im Labor angekommen, lediglich mit einem Code gekennzeichnet.

„Die Wissenschaftler im Labor hatten überhaupt keine Ahnung, wessen Probe sie analysiert haben“, sagt Thevis. Das wissen zunächst nur der Kontrolleur, der die Probe genommen hat, und der Athlet. So laufe das noch heute.

Erst wenn die B-Probe geöffnet werden muss, erfährt der Wissenschaftler, um welchen Sportler es geht. Der muss als Zeuge vor dem Öffnen nämlich bestätigen, dass die Probe von ihm stammt und das Siegel unversehrt ist.

Donikes neue Analysemethode, die Johnson überführte, suchte zudem nicht nach Stanozolol, sondern nach dem Abbauprodukt 3´-Hydroxy-Stanozolol, das erst entsteht, wenn der Körper das Dopingmittel verarbeitet hat. Stanozolol in die Probe zu mischen, hätte keinen positiven Befund ergeben.

„Außerdem ist bekannt, dass Donike als Mitglied der IOC-Doping-Kommission gar nicht im Labor gearbeitet hat“, erklärt Thevis weiter. Erst bei der Untersuchung der B-Probe sei er dabei gewesen.

Ein weiterer Vorwurf im anonymisierten Interview: Donike habe die Analyseinstrumente, die das Innenministerium seinem Labor zur Verfügung gestellt habe, in Zeiten des Kalten Krieges an die Russen verkauft. Beweise dafür fehlen, in der Studie steht nur die Behauptung im Raum.

Testosteron war der Grund

Anfang der 80er Jahre kam es zum Disput zwischen Donike und Liesen. Testosteron war der Grund. Donike spielte damals eine streitbar ambivalente Rolle. Er beteiligte sich an der Forschung, wie sich Doping auf die Sportler auswirkt. Allerdings nicht, wie viele andere Wissenschaftler, mit dem Ziel „höher, schneller, weiter“.

Der Dürener wollte wissen, wie er die Mittel am besten nachweisen kann. Ende der 1970er Jahre gab er Liesen nach dessen Darstellung noch den Tipp, krankheitsanfälligen Sportlern Testosteron zu verabreichen, weil der Wirkstoff zunächst nicht nachgewiesen werden könne.

Als das möglich war, kämpfte Donike ab Anfang der 1980er Jahre dafür, das Hormon auf die Dopingliste zu setzen, während Liesen bis in die 1990er Jahre pro Testosteron war.

1986 war Liesen als Arzt der Nationalmannschaft bei der Fußball-WM in Mexiko dabei. Laut Studie soll er während des Turniers im Schnitt jedem Spieler 150 Spritzen verpasst haben.

Ein Jahr später machte Torwart Toni Schumacher die Medizin in Mexiko und das Doping im Fußball allgemein zum Thema in seinem Buch „Anpfiff“. Schumacher, wie Donike Dürener, galt als Hochverräter und Lügner, erhielt beim 1. FC Köln die Kündigung und flog unehrenhaft aus der Nationalmannschaft.

„Dass Dr. Liesen in dieser Studie zu Wort kommt, ist in etwa so, als würde man den Bock zum Gärtner machen und ihm auch noch die Möglichkeit geben nachzutreten“, äußert sich Donikes Sohn Alexander. Ein Täter — wie Liesen — sei sein Vater jedoch nicht gewesen.

„Ich bin mir sicher, dass mein Vater das ganze Ausmaß des Dopings in Deutschland damals gekannt hat“, sagt Alexander Donike, Kommissär beim Weltradsportverband und stellvertretender Vorsitzender im Bundessport- und Schiedsgericht des Bundes deutscher Radfahrer, 25 Jahre nach dem Fall Ben Johnson.

„Es lag damals nicht in seinem Aufgabenbereich und in seiner Zuständigkeit, mit jedem positiven Test an die Öffentlichkeit zu gehen.“ Manfred Donike hatte Verträge mit den Sportverbänden, die seine Arbeit finanziell absicherten.

Denen teilte er die Testergebnisse mit. „Was die Verbände damit gemacht haben, war deren Sache und nicht die meines Vaters.“

Kompromissloser Jäger

Das Problem Doping war so groß, dass eine völlige Aufklärung zum Kollateralschaden für viele Sportarten geworden wäre. Manfred Donike hat das offenbar schon bei den Olympischen Spielen 1984 in Los Angeles festgestellt. Er gehörte der Doping-Kommission des IOC an.

Als das US-Organisationskomitee die Liste beschlagnahmte, auf der die Codenummern der Dopingproben den Namen der Athleten zugeordnet waren, setzte die Kommission ein Schreiben an das IOC auf. Darin informierte es über die Absicht der Amerikaner, auf diese Weise Dopingskandale zu verhindern.

Die vier Unterzeichner des Schreibens, unter ihnen Donike, verpflichteten sich weiterhin, die Angelegenheit nicht publik zu machen, um die Spiele nicht zu gefährden.

Seine Rolle als kompromissloser Jäger hat der ehemalige Profiradfahrer trotz des Ausmaßes der Dopingmanipulationen und der finanziellen Abhängigkeit des Dopinglabors von seinen Auftraggebern nie aufgegeben.

„Auch wenn er dadurch vielleicht als eine Art Feigenblatt missbraucht wurde, hinter dem die Verbände ihr Tun verstecken konnten“, erklärt Alexander Donike. Ein solches Knebeln der analytischen Arbeit ist laut Alexander Donike heute „glücklicherweise nicht mehr vorstellbar.

Damals war das den Umständen geschuldet. Mit heutigen Maßstäben kann man das nicht messen.“ Den wichtigsten Schritt im weltweiten Kampf gegen Doping hat der Wegbereiter Manfred Donike nicht mehr miterlebt. 1999, vier Jahre nach seinem plötzlichen Herztod im Alter von 61 Jahren, gründete sich die Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA), um den Kampf gegen Betrug im Sport unabhängig und kompromisslos führen zu können. „Das hätte meinem Vater gefallen. Da bin ich sicher“, sagt Alexander Donike.

Ben Johnson engagiert sich heute als Botschafter im Kampf gegen Doping. 1989, ein Jahr nach Seoul, gestand er vor einem kanadischen Gericht, vor dem auch Manfred Donike als Zeuge ausgesagt hatte, über Jahre systematisch gedopt zu haben.

„Ich habe das gemacht, weil alle anderen es auch gemacht haben.“ In den folgenden Jahren bestätigte sich diese implizite Anklage. Fünf der acht 100-Meter-Finalisten von Seoul, darunter auch Johnsons Rivale Carl Lewis, wurden später überführt. Johnson war lediglich der erste, der vom Fortschritt der Anti-Doping-Forschung eingeholt wurde.

Nach wie vor behauptet der Kanadier übrigens, bei den Spielen 1988 nicht wissentlich mit Stanozolol gedopt zu haben. Sein Arzt Jamie Estefan schweigt zu diesem Thema. Bis heute.

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