Der ehemalige Polizeipräsident Klaus Oelze im Interview

Klaus Oelze im Interview : „Bewusstes Eintreten für die Gesellschaft“

Vor fast fünf Jahren wurde Klaus Oelze mit Eskorte als Polizeipräsident verabschiedet – sein Engagement im Projekt „Willkommen“ bei der Bürgerstiftung Lebensraum Aachen hat er jetzt deutlich leiser niedergelegt. Im Gespräch mit Rauke Xenia Bornefeld blickt er auf das Ehrenamt in der Bürgerstiftung, in der Stadt Aachen und in der Bundesrepublik insgesamt.

Sie wohnen in Neuss, wurden vor fast fünf Jahren als Aachener Polizeipräsident verabschiedet. Trotzdem waren Sie weiterhin in Aachen ehrenamtlich aktiv. Warum?

Oelze: Ich hatte gute Verbindungen nach Aachen. Das waren gute Freunde – der ehemalige Chefredakteur Ihrer Zeitung, der damalige Landgerichtspräsident –, mit denen ich mich weiterhin regelmäßig in Aachen getroffen und denen ich signalisiert habe, dass ich eine ehrenamtliche Tätigkeit suche. Beide rieten mir zur Bürgerstiftung Lebensraum Aachen. Ich kannte die Bürgerstiftung natürlich, aber hatte bis dahin keinen Kontakte hinein.

Warum haben Sie sich denn dann für die Bürgerstiftung entschieden?

Oelze: Ich fand das 2016 gerade in der ersten Überlegungsphase befindliche Projekt „Patenschaften für Flüchtlinge“ sehr spannend. Und ich hatte gleich eine gute Verbindung zum Leiter des Gesamtprojektes „Willkommen“, Norbert Greuel, und zum Vorsitzenden der Bürgerstiftung, Jochen Geupel. Da lag es nah, etwas gemeinsam zu machen.

Was hat Sie denn inhaltlich an dem Projekt „Willkommen“ gereizt?

Oelze: Es war die Zeit, als die Leute mit Spielzeug auf dem Münchner Bahnhof standen, um die Geflüchteten von der Balkanroute in Empfang zu nehmen. Diese große Euphorie war natürlich ansteckend. Aber ich wusste auch aus meiner vorangegangenen Tätigkeit, welche Schwierigkeiten auf eine Gesellschaft zukommen können durch die Problematik der unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge. Gerade nach Aachen als Grenzstadt kamen viele. Ich hatte mitbekommen, dass sich eine gewisse Unruhe breitmachte. Fakt war und ist: Diese Menschen sind da, und sie werden mit hoher Wahrscheinlichkeit auch nicht so schnell wieder gehen. Und wir tun sehr gut daran, sie willkommen zu heißen, sie zu unterstützen. Aber auch uns mit ihnen auseinanderzusetzen, ihnen begreiflich zu machen, was unsere Gesellschaft ausmacht. Sie sind ja nicht nur wegen der wirtschaftlichen, sondern auch wegen der freiheitlichen Vorzüge nach Europa und Deutschland gekommen. Aber sie kennen oftmals die damit einhergehenden Verpflichtungen nicht. Das Nebeneinander von Rechten und Pflichten aus unserem Grundgesetz müssen wir ihnen nahebringen. Dann können sie sich in diese Gesellschaft integrieren. Beherrschen ausschließlich Nachrichten wie „Flüchtling vergewaltigt Mädchen“ oder „Migranten steuern Drogenhandel“ die Schlagzeilen, gehen nicht nur die jungen Geflüchteten, sondern geht auch unsere Gesellschaft daran kaputt.

Was haben Sie dieser Angst, der gesellschaftlichen Spaltung mit dem Projekt entgegengesetzt?

Oelze: Ganz wichtig war das Paten-Projekt. Wenn es gut läuft – nicht alle, aber die ganz große Mehrzahl der Patenschaften sind gut gelaufen – stellt sich ein Gefühl des Aufgehobenseins bei den jungen Geflüchteten ein. Darüber hinaus bieten wir Sprachunterricht an, und wir haben versucht, auch erwachsene Frauen zu erreichen. Das ist gar nicht so einfach bei muslimischen Frauen und funktioniert meistens übers Kochen. Es gab auch ein Fahrradprojekt mit Jugendlichen und vieles mehr.

Was war Ihre Rolle im Projekt?

Oelze: Ich war für die Organisation und Durchführung zuständig. Die Patinnen und Paten brauchten Informationen über das, was auf sie zukam, Hilfestellungen und Austausch untereinander. Diese zu gewährleisten, war und ist Aufgabe des Projektes. Dabei haben wir sehr von den Kooperationen mit den „Aachener Händen“ und dem Café Zuflucht profitiert, die unsere Paten sehr gut informiert haben. Besonders die Mitarbeiter des Café Zuflucht sind einfach sehr kompetent in den Themenbereichen Asyl-, Aufenthalts- und Sozialrecht. Deshalb haben wir uns als Bürgerstiftung auch sehr eindeutig positioniert mit Briefen an die Bundes- und Landesregierung sowie an die Stadt, als dem Café Zuflucht im vergangenen Jahr die Schließung drohte. Ich bin froh, dass wir dort mit vielen anderen sehr deutlich Stellung bezogen haben und dass das Café Zuflucht weiter Bestand hat. Diese Kooperationen mit hauptamtlichen Fachleuten sind und bleiben wichtig, sie sind eine große Hilfe für uns als ehrenamtliche Kräfte.

Konnten Sie Fähigkeiten aus Ihrer Zeit als Polizeipräsident in Ihre ehrenamtliche Tätigkeit einbringen?

Oelze: Kenntnisse über die Organisation als solche haben mir sicherlich geholfen. Ich habe im Polizeipräsidium gelernt, was eine gute Organisation ausmacht. Diese Kenntnisse umsetzend habe ich mich im Projekt als Organisator und Koordinator gesehen. Aber vielleicht noch wichtiger waren meine damals noch sehr guten, persönlichen Kontakte in die Stadtverwaltung, in die Städteregion, in die Polizei, ins Jobcenter. Dadurch konnte ich leicht Türen öffnen.

Wie beurteilen Sie denn die Notwendigkeit und die Zukunftsfähigkeit des Ehrenamtes in Aachen?

Oelze: Das kann man nicht allein auf Aachen beziehen. In der Bürgerstiftung haben wir mit „Offenes Aachen“ ein Projekt begonnen, um deutlich zu machen, dass wir für unsere Demokratie einstehen müssen. Sie ist nicht selbstverständlich gegeben. Die schlichte Aussage ist: Die Demokratie überlebt nur, wenn die Menschen sich für sie einsetzen. Wenn ich mich für die demokratische Gesellschaft einsetze, bejahe ich sie. Das Engagement kann im ersten Anschein höchst unpolitisch sein: im Sportverein oder in der Bürgerstiftung im Projekt „Thermalwasser“. Aber es ist eben im hohen Maße doch politisch. Denn dieses Engagement ist ein ganz bewusstes Eintreten für die Gesellschaft. Deshalb halte ich es für ausgesprochen bedeutsam, dass das Ehrenamt institutionell – in Politik und Verwaltung – „hoch gehalten“ wird. Ich habe aber auch den Eindruck, dass sich die Institutionen in Aachen sehr bewusst sind, wie wichtig das Ehrenamt für die Kommune, für die Gemeinschaft ist und es entsprechend unterstützen.

Warum haben Sie jetzt bei der Bürgerstiftung aufgehört?

Oelze: Ich merke, dass es immer bedeutsamer wird, dass ich nicht in Aachen lebe. Das hat nichts mit dem Fahren zu tun. Der Grund ist eher, dass ich nicht Teil dieser Stadt bin. Ich kann nicht schnell reagieren. Ich betrachte immer alles von außen. Der zweite Grund ist, dass ich meine Stärke aus der Anfangszeit – Türen öffnen – heute nicht mehr so gut einbringen kann. Ich bin jetzt seit fast fünf Jahren aus dem Berufsleben in Aachen ausgeschieden und lebe in Neuss. Meine Bekannten von damals sind mit mir älter geworden und ebenfalls im Ruhestand. Ich kann der Bürgerstiftung in diesem Punkt nicht mehr helfen.

Gehen Sie traurig oder mit neuen Plänen?

Oelze: Nein, ich gehe nicht traurig. Es ist richtig so! Mein Lebensmittelpunkt ist in Neuss. Meine Frau ist jetzt auch im Ruhestand. Und wenn beide Partner nicht mehr im Beruf stehen, muss man so eine Beziehung auch neu erarbeiten. Außerdem bin ich Gasthörer an der Uni Düsseldorf. Dort höre ich Vorlesungen zum Beispiel zu Antisemitismus, zur Geschichte des Völkerrechts und zur Frage, wie Demokratien enden. Ich genieße es, diesen interessanten Vorträgen zuzuhören, ohne mich mit Vor- und Nachbereitungen oder gar Prüfungen belasten zu müssen. Und im Sommer wollen wir wahrscheinlich ein wenig länger verreisen.

Was nehmen Sie mit aus der Zeit bei der Bürgerstiftung?

Oelze: Einen ganz großen Respekt für das Engagement der Menschen, die in der Bürgerstiftung ehrenamtlich tätig sind. Auch, dass die Arbeit mit Ehrenamtlichen etwas ganz anderes ist als mit hauptberuflichen Mitarbeitern bei der Polizei. Auch wenn es mir nicht immer ganz geglückt ist, habe ich gelernt, die Freiwilligkeit des ehrenamtlichen Engagements mehr zu berücksichtigen. Ich erkenne aber auch, dass die Euphorie aus 2015/16 einer gewissen Ernüchterung Platz gemacht hat. Ich rede damit nicht diesen ziemlich unverantwortlichen Diskussionen über Migrantenfurcht das Wort. Aber damals haben wir nicht genügend berücksichtigt, dass eine Gesellschaft darauf vorbereitet sein muss, fremde Menschen aufzunehmen.

Es ist wohl ein normaler Reflex, auf Fremdes abwehrend zu reagieren. Es ist gut, sich das bewusst zu machen, dann für sich zu entscheiden, ob der Fremde kommen soll. Und wenn er da ist, was ich dauerhaft bereit bin, ihm zu geben, und welche Erwartungen ich an ihn habe. Mit einer euphorisch-naiven Herangehensweise klappt das nicht. Wir müssen den Menschen, besonders den vielen jungen Männern sagen, was wir von ihnen erwarten. Und wir müssen realistisch bewerten, was sie können. In einer Vorlesung habe ich gerade ein sehr passendes Bild gehört: Einwanderungsgesellschaften wie zum Beispiel die USA sehen sich oft als Schmelztiegel, sie sind aber eigentlich eine Salatschüssel mit vielen verschiedenen Salatsorten: Eisberg, Feldsalat, Radicchio. Das Verbindende ist die gute Soße, die alles umhüllt. Das ist für mich ein tragendes Bild für eine gut funktionierende Gesellschaft mit vielen verschiedenen Herkunfts-Nationalitäten: Kurdisch, indisch, deutsch und viele mehr – jeder darf seine kulturelle Identität behalten, wird aber umhüllt und mit den anderen verbunden durch unsere Grundwerte, die im Grundgesetz verankert sind.

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