Aachen: „Der Boss“: Herrlicher deutsch-türkischer Kulturclash

Aachen: „Der Boss“: Herrlicher deutsch-türkischer Kulturclash

Werbetexter Daniel (Tobias Steffen) kann sein Glück kaum fassen. Die Hochzeit mit seiner großen Liebe Aylin ist zum Greifen nahe. Bis zum Ja-Wort muss er sich aber noch Herausforderungen des deutsch-türkischen Kulturclashs stellen, von 374 neuen türkischen Familienmitgliedern ganz zu schweigen. Und damit geht der Spaß erst richtig los. Überlebt eine Liebe diesen orientalisch-deutschen Wahnsinn?

Jede Menge Turbulenzen, einen überragenden Schauspieler, Figuren zum Liebhaben und geniale Pointen am laufenden Band brachte das Das Da-Theater am vergangenen Freitag auf die Bühne. Vor ausverkauftem Haus fand die Premiere des Stückes “Der Boss” von Moritz Netenjakob auf Gut Hebscheid statt. Für das Publikum gab es zusätzlich Kulinarisches zum Kulturgenuss: Zwischen den einzelnen Abschnitten des Stückes wurden fünf Gänge serviert — von Kürbis-Currycremesuppe über Maishähnchenbrust bis zum Orangen-Tiramisu.

Tolle Musikeinlagen

Noch Monate, Wochen, Tage, Stunden vor der Hochzeit: Daniel läuft auf einer überdimensionalen Torte hin und her und lässt das nur wenige Meter entfernte Publikum an der Entwicklung seiner Leidens- und Liebesgeschichte teilhaben. Laut Aylin ist er eigentlich „der Boss”. Daniel stellt aber schnell klar, was in Wirklichkeit mit diesem Titel gemeint ist. „Also entscheide ich, dass wir das tun, was Aylin gesagt hat“.

Und Entscheidungen gibt es viele zu treffen. Ob er die Lüge, er sei ein Moslem, auffliegen lassen soll? Und wohin gehen überhaupt die Flitterwochen? Neben der beherrschenden Tante Emine und dem traditionsbewussten Onkel Abdullah machen auch Daniels 68er-Eltern ihrem Sohn das Leben nicht leicht. Sie sind so tolerant und direkt, dass es fast schon wieder diskriminierend ist. Aufgeregt berichtet Daniel von der gemeinsamen Weihnachtsfeier seiner atheistischen Eltern mit Aylins muslimischer Familie.

Für tolle Musik zum „Boss“-Dasein sorgt Christoph Eisenburger, der Daniel bei seinen musikalischen Gefühlsausbrüchen am Klavier begleitet. Eindrucksvoll singt Daniel unter anderem Songs von Bob Marley und Whitney Houston. Als er dann noch akzentfrei den populären Song „kdm“ von Tarkan singt, scheint die Integration fast vollends geglückt. Das Publikum ist nicht mehr zu halten und applaudiert laut und fröhlich mit. Durch Daniel bekommt man Eindrücke anderer Kulturen serviert und das so köstlich angerichtet, dass es einen zum Schmunzeln, Lachen aber auch Leiden bringt. Gegen Ende stellt sich nämlich nicht mehr die Frage, wann, sondern ob die Hochzeit überhaupt stattfindet.

Glaubhafte Geschichte

Nach dem Erfolg des Theaterdinners „Macho Man“ im letzten Jahr folgt mit „Der Boss“ nun die Fortsetzung. Der Kölner Autor der beiden Erfolgsromane, Moritz Netenjakob, ist bei der Premiere selbst anwesend und hat vor Lachen Tränen in den Augen. Seine Geschichte überzeugt besonders durch ihre Glaubhaftigkeit, weil Netenjakob autobiografische Elemente in seine Romane einbaut und oft aus eigener Erfahrung erzählt. Auch die Aufführung unter künstlerischer Leitung von Maren Dupont spielt mit Vorurteilen über Türken, Deutsche, aber auch Russen, Kölner und andere Personengruppen — nicht beleidigend und stets mit einem Augenzwinkern.

Trotz „Ein-Mann-Stück“ schafft Tobias Steffen es immer wieder, die Dialoge, Charaktere und Figuren authentisch und unterhaltsam zu präsentieren. Das Premierenpublikum belohnte die Leistung aller Beteiligten mit Standing Ovations. Eins scheint sicher: Fortsetzung Nummer drei wird nicht lange auf sich warten lassen.