Aachen: Depot Talstraße: 85 Prozent der Flächen sind weg

Aachen: Depot Talstraße: 85 Prozent der Flächen sind weg

Für gewöhnlich sind es die Spatzen, die Neuigkeiten von den Dächern pfeifen. Im Fall des Depots Talstraße ist es an diesem Tag dagegen eine Taube, die die gute Nachricht gewissermaßen von einem Stahlträger unter dem gewölbten Dach heruntergluckt und -gurrt.

Immer wieder verirrt sich in letzter Zeit der ein oder andere Vogel in das ehemalige Straßenbahndepot im Aachener Norden. „Das Problem bekommen wir auch noch in den Griff“, meint Architekt Achim Wolf von „pbs architekten“ mit einem Lachen. Denn die guten Neuigkeiten überwiegen jede ungewünschte gefiederte Intervention: Die Umbauarbeiten des Depots zu einem gigantischen Stadtteilzentrum für Soziales und Kultur liegen in den letzten Zügen — nachdem das „Leuchtturm“-Projekt vor einem guten Jahr vor allem mit steigenden Kosten und zeitlichen Verzögerungen für Negativschlagzeilen sorgte.

Neues Schmuckstück von innen und von außen: Das sanierte Depot Tal-straße punktet künftig vor allem mit der spektakulären „Piazza“ — einem Veranstaltungssaal für bis zu 1000 Besucher. Foto: Michael Jaspers

Nun visieren die Planer Ende September als Datum für die endgültige Bauabnahme an. Ab Oktober können die neuen Mieter ihre Bereiche einrichten, so dass Ende des Jahres offiziell die Sektkorken zur offiziellen Eröffnung knallen können.

Der Bau in Zahlen: Die Maxime an der Talstraße lautete durchaus „Klotzen statt kleckern“. Das belegt nicht nur der sicherlich stolze Preis von zwölf Millionen Euro für ein Kulturzentrum, das ab 2009 geplant und seit 2013 konkret (um-)gebaut wird. Entstanden sind nun rund 8300 Quadratmeter Nettogeschossfläche, wovon rund 5600 Quadratmeter an die unterschiedlichsten Nutzer vermietet wird. Dafür haben die Arbeiter in die imposante alte Wagenhalle aus dem Jahr 1926 rund 5000 Quadratmeter neue Wände eingezogen, 1500 Quadratmeter neue Betondecken haben in der alten Gleishalle ein zusätzliches Geschoss geschaffen. 700 Quadratmeter Fenster garantieren viel Licht im alten Gemäuer.

Zudem wurden im 2300 Quadratmeter großen Dach Oberlichter in einer Größenordnung von 450 Quadratmetern als so genanntes „raumprägendes Element“ wiederhergestellt und unterstützen so die helle Gesamtwirkung des Depots, in dem zugleich der industrielle Charme erhalten bleibt. Die puristisch anmutenden modernen Elemente fügen sich dabei dezent in das Gesamtensemble ein. Installateure haben 73 Kilometer neue Versorgungsleitungen verlegt, davon allein 40 Kilometer für die Elektrik. Und neben 200 neuen Heizkörpern komplettieren elf große Lüftungsanlagen mit einer Frischluftleistung von 30.000 Kubikmetern pro Stunde die Sanierungsoffensive.

Die neuen Nutzer: Alle Bürger, vor allem natürlich die des Stadtteils, sollen vom Zentrum profitieren, das im Rahmen des Förderprogramms „Soziale Stadt“ entsteht. Zu den neuen Mietern im Gebäude gehört vorneweg das Atelierhaus Aachen. Diesem hat die Politik Mittwochabend noch einen jährlichen Zuschuss in Höhe von 40.000 Euro gewährt, damit die Künstler Miete und Betriebskosten in Höhe von 7,90 Euro pro Quadratmeter überhaupt stemmen können.

Weitere Mieter sind: der Kinderschutzbund, der Mieterschutzverein, das Stadtteilbüro der IG Aachen-Nord, die Jugendberufshilfe der Stadt, das Jugendzentrum OT Talstraße, die Stadtteilbibliothek, das Medienzentrum, das Familienbildungswerk des DRK, der Verein „Ungarisch-Deutscher Freundeskreis“, das Theater Rosenfisch sowie das Centermanagement. Da andere Lösungen bisher nicht realisiert werden konnten, soll nach Willen der Politik zunächst der städtische Kulturbetrieb als Träger des Depots fungieren.

Diskussion ums Geld: Die kam im Frühjahr 2015 auf, als herauskam, dass die komplette Maßnahme deutlich teurer wird als die zunächst angegebenen 9,4 Millionen Euro. Zum einen traten bei der Sanierung erhebliche Probleme bei der Statik des Gebäudes zutage, so dass in diesem Bereich deutlich nachgebessert werden musste. Zum anderen gab es Irritationen über die Kosten für die Depot-Außenanlagen. Wurde deren Neugestaltung bei der ersten Kalkulation gar vergessen? Die Stadt dementierte seinerzeit und sprach von unterschiedlichen Maßnahmen. Fakt ist: Auch bei diesem Posten musste letztlich deutlich draufgesattelt werden — und zwar um gut 500.000 Euro auf über 700.000 Euro. Von Finanzierungstrennung ist unterdessen im Juli 2016 keine Rede mehr. Man werde nun den Kostenrahmen von zwölf Millionen Euro für das Komplettpaket — also Gebäudesanierung und Außenanlagengestaltung — einhalten, versichert Manfred Lennartz, Abteilungsleiter beim städtischen Gebäudemanagement. Dabei wird das gesamte Projekt vom Land NRW gefördert, das 80 Prozent der Kosten übernimmt.

Die Hingucker: Ganz klar, die sogenannte Piazza im Innern dürfte schnell zu einer von Aachens angesagtesten Locations werden. Bis zu 1000 Besucher finden dort Platz. Kunstaktionen und Konzerte sind ebenso angedacht wie Feiern. Ein erster Abi-Jahrgang hat sich die spektakuläre Halle bereits für die Abschlussparty in einem Jahr gesichert. Bewusst haben die Planer von „pbs Architekten“ den Charme der alten Straßenbahnhalle erhalten, die Gleise im Boden bleiben sichtbar. Vor allem sei es gelungen, einen über Jahrzehnte verfallenden städtebaulichen Schandfleck in das genaue Gegenteil zu verwandeln. „Dieses Haus hat nun eine ganz eigene Qualität“, ist Dieter Begaß, Fachbereichsleiter Wirtschaftsförderung der Stadt, begeistert.

Offene Fragen: Davon gibt es wenige Monate vor der offiziellen Eröffnung trotz der positiven Grundstimmung bei den Verantwortlichen noch einige. So ist weiterhin ungeklärt, wer den Gastronomiebetrieb, der gleich rechts des großzügigen Eingangsbereich liegen soll, übernimmt. Die von Politik und Verwaltung zunächst favorisierten Partner — im Gespräch war unter anderem die gemeinnützige Beschäftigungsgesellschaft „low-tec“ — sind offenbar aus dem Rennen. „Wir sind an dem Thema aber weiter dran“, ist Dieter Begaß optimistisch, auch dafür zeitnah eine Lösung zu finden. So soll eine Aachener Großbäckerei an dem Standort interessiert sein. Auch sind 15 Prozent der Flächen im Depot Tal-straße noch nicht vermietet. Begaß gibt jedoch in dieser Causa ebenfalls Entwarnung. „Wir sind in den letzten Wochen von Interessenten regelrecht überrannt worden“, zeigt er sich zuversichtlich, dass das Kulturzentrum in kürzester Zeit „vollläuft“.

Ein weiteres Problem: Gut 60 Parkplatze gibt es künftig auf dem Areal. Die dürfen aber wegen Lärmschutzvorgaben nur bis 22 Uhr genutzt werden. Abifeiern und weitere Veranstaltungen dürften da aber erst so richtig Gas geben. Die Stadt arbeite aber gerade daran, auch hierfür eine praktikable Lösung zu finden.