"Dein erster Tag": Berufsorientierung mit 360-Grad-Filmen

Aachener Verein ax-o informiert : Mit der VR-Brille mitten in den Berufsalltag

Aus dem Tower am Frankfurter Flughafen hat man einen prächtigen Ausblick rundum auf Rollfelder und Startbahnen. Wie es sich anfühlt, von diesem Turm aus die Flieger zu dirigieren, können junge Leute in exakt zwei Minuten und 43 Sekunden hautnah erleben.

Das Berliner Unternehmen Studio2B GmbH bietet unter dem Titel „Dein erster Tag“ Filme zur Berufsorientierung mit VR-Brillen an. Der Verein ax-o hat jetzt ein Brillen-Set leihweise nach Aachen geholt, um das Angebot in der Region bekannter zu machen. Am Donnerstag wird eine Schülergruppe die VR-Brillen ausprobieren. Und auch Fachleute, die mit Jugendlichen arbeiten, können die Brillen dann kennenlernen.

Die 360-Grad-Filme sollen jungen Leuten Berufswege und Unternehmen nahebringen, zu denen diese sonst vielleicht keinen Zugang hätten. An mehr als 2000 Schulen in ganz Deutschland waren die Brillen schon im Einsatz. VR-Brillen entführen die Nutzer in „virtual reality“, eine Wirklichkeit, die zwar virtuell ist, dem Betrachter aber das Gefühl gibt, mittendrin zu sein. So sollen die jungen Leute nicht nur sehen, sondern quasi erleben, was eine Fachkraft für Abfallwirtschaft im Job macht. Oder womit ein Medientechnologe seinen Tag verbringt. Oder was es mit dem Dualen Studium Elektro- und Informationstechnik auf sich hat.

Eva Köhl, Gründerin und Projektleiterin von ax-o, hat die Brillen am Rand einer Fachtagung in Berlin kennengelernt. Im Film, sagt sie, ist man zum Beispiel in der Gießerei eines Stahlwerks unterwegs oder erlebt, wie man im bunten Gewusel einer Kita zurechtkommt. Die Filme seien professionell gemacht, dauerten nur ein paar Minuten und machten junge Leute zunächst einmal neugierig, sagt Köhl: „So kann man seinen Horizont erweitern und bekommt Anregungen, welchen Bereich man sich bei der Berufsorientierung genauer anschauen sollte.“

Verschickt an Schulen im ganzen Land

Und das sei ganz im Sinne der Erfinder, bestätigt Robert Greve, Gründer und Geschäftsführer des Berliner Unternehmens Studio2B GmbH, das die 360-Grad-Filme produziert und an Schulen in ganz Deutschland verschickt. „Im Film kann man einen Azubi im Alltag begleiten.“ Mittlerweile, sagt Greve nicht ohne Stolz, arbeite man bei „Dein erster Tag“ mit rund 15 Prozent aller weiterführenden Schulen in Deutschland zusammen, die meisten davon in NRW. „‘Dein erster Tag‘ ist mittlerweile eines der größten Berufsorientierungsprogramme und ein wirklich niedrigschwelliges Angebot“, sagt Greve.

Kostenlos können Schulen die VR-Brillen ausleihen. Mitgeliefert werden ein Handy mit der entsprechenden App und ein Controller, über den die einzelnen Filme angesteuert werden können. Nicht einmal WLAN braucht die Schule dafür. Seit zwei Jahren ist „Dein erster Tag“ auf dem Markt, und die Nachfrage sei sehr gut, sagt der Geschäftsführer. „Aktuell sind wir bis fast in den November ausgebucht.“ Schulen, die VR-Brillen ausleiehen wollen, sollten also früh genug planen.

Studio2B GmbH bezeichnet sich als Sozialunternehmen. „Unsere Hauptmission ist das Soziale“, betont Robert Greve. „Wir wollen Schulen dabei unterstützen, coole Angebote zu machen.“ Studio2B GmbH hat unter anderem auch eine Plattform für Schülerpraktika sowie digitale Lernkonzepte im Portfolio.

Jeder der 360-Grad-Filme für „Dein erster Tag“ ist bei einem Unternehmen gedreht worden. Und die Firmen lassen sich das einiges kosten, sie zahlen 10.000 Euro pro Filmproduktion. Zwar empfehlen sich die Unternehmen mit den Filmen als Arbeitgeber und Ausbilder, doch betont Robert Greve, dass es keinesfalls um Imagepflege für die Firmen gehe: „Wir haben da strenge Richtlinien. Und Aussagen über Umsatz, Mitarbeiter oder Standorte wären für die Schüler ohnehin irrelevant.“ Besonders beliebt bei den Jugendlichen sind übrigens die beiden Filme über die Arbeit bei Polizei und Feuerwehr.

Zahlreiche Berufe hat Greve nach eigenen Angaben noch auf der Film-Wunschliste. Klassische Handwerksberufe wie zum Beispiel Bäcker oder Metzger gehören dazu, Berufe, in denen dringend Nachwuchs gesucht wird.. Aber gerade kleine und mittlere Betriebe könnten sich die Kosten für eine Filmproduktion oft nicht leisten, weiß der Geschäftsführer. „Wir wollen deshalb versuchen, für solche Projekte Fördergelder zu bekommen.“

Gespannt auf Reaktionen

Der Gründer von Studio2B GmbH hat natürlich auch einen persönlichen Favoriten unter den Filmen: den über die Arbeit zweier Azubis, die bei Hapag Lloyd zu Schiffsmechanikern ausgebildet werden. Eva Köhl wiederum hat sich den Einsatz der Towerlotsen auf dem Frankfurter Flughafen gerne angeschaut. Sie ist jetzt gespannt, was die jungen Leute von der GHS Drimborn am Donnerstag von den VR-Brillen und den Filmen halten. „Denn auf die Jugendlichen kommt es schließlich an.“

Aus Sicht von Sozialarbeiter Hanno Boskma, Mitarbeiter bei ax-o, knüpfen die 360-Grand-Filme gut an die bisherige Arbeit des Vereins in Sachen Berufsorientierung an. „Beim Boys‘ Day haben wir den Jungen immer gesagt: Geht in die Betriebe rein und guckt, wie sich das anfühlt. Mit den VR-Brillen kommt man dem ein bisschen näher.“

www.deinerstertag.de

https://ax-o.org

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