Brand: Debatte um Kulturförderung: 20.000 Besucher, 225 Euro Zuschuss

Brand : Debatte um Kulturförderung: 20.000 Besucher, 225 Euro Zuschuss

Seit 1988 ist Michael Ziemons ehrenamtlicher Mitarbeiter der Bücherinsel St. Donatus. Da war er zwölf Jahre alt. 2004 ist Michael Ziemons ehrenamtlicher Leiter der Brander Einrichtung am Donatusplatz geworden. Da war er 28. Heute ist Michael Ziemons immer noch Leiter der Bibliothek, die es seit 1857 gibt.

Ehrenamtlich, denn im Hauptberuf ist der 37-Jährige als Professor Dr. vielbeschäftigter Hochschullehrer für Sozialpädagogik. Dass er — wie alle 45 Ehrenamtler — viel Herzblut in die Bücherinsel mit ihren 12.000 Medien vom Buch über die CD, vom Hörbuch über das Computerprogramm bis hin zum E-Book steckt, lässt sich an diesem „Werdegang“ leicht ablesen. Verständlich, dass der Blutdruck von Michael Ziemons dieser Tage merklich angestiegen sein dürfte — im Zusammenhang mit der Diskussion um die städtischen Zuschüsse für die „freie Kultur“, wie sie auch beim AZ-Forum geführt wurde. Da wäre Ziemons, der an diesem Tag verhindert war, gerne hingekommen und hätte gesagt, was denn „seine“ Einrichtung so an Zuschüssen bekommt. „Ich hätte einfach mal gerne die Gesichter der Verantwortlichen gesehen“, sagt er. Denn es sind „sagenhafte“ 225 Euro (!) aus bezirklichen Vereinsfördermitteln, über die die Bücherinsel im Jahr verfügen kann. 90 Euro gibt es für die Bibliothek selbst, 135 Euro für die Jugendarbeit.

Und so sieht er es an der Zeit, den Blick auch auf dieses Thema zu lenken. Denn die Bibliothek sei mit ihren 20.000 Besuchern pro Jahr die größte Kultureinrichtung des Stadtteils — ebenso wie es die ebenfalls finanziell nicht auf Rosen gebettete Stadtbibliothek mit 377.000 Besuchern für ganz Aachen sei. Doch es ist nicht einmal die Quantität, an der Ziemons seinen Denkanstoß festmacht. Vielmehr ist es die Qualität des Angebots. Schon die Öffnungszeiten seien für eine derartige Einrichtung NRW-weit einzigartig. Jeden Tag — auch sonntags - ist die Bücherinsel zwei bis drei Stunden offen. Darüber hinaus gibt es etliche Lesungen, Vorträge, Schulungen. Und ein enormes pädagogisches Angebot, angefangen mit Kinderlesungen alle zwei Wochen.

Die Bücherinsel ist indes eine von der Kirchengemeinde getragene Einrichtung. Diese übernehme die Nebenkosten für die Räume, vom Bistum gebe es einen Zuschuss von rund 5000 Euro pro Jahr. Für die Stadt habe die Arbeit der Bücherinsel jedoch auch einen erheblichen Mehrwert, denn die Mitarbeiter gehen in Schulen und Kindergärten, legen wertvolle Grundlagen in Sachen Lesen. In Kooperation mit einer Elterninitiative der Brander Marktschule werde beispielsweise eine Schulbibliothek gestemmt. Die Leseförderung als Baustein der Kultur vor Ort rentiere sich für die Stadt.

Michael Ziemons sagt: „Wir würden das Angebot sehr gerne weiter ausbauen. Wir arbeiten zum Beispiel nur mit zwei Kindergärten zusammen, mehr geht mit unserem Budget nicht.“ Rund 15.000 Euro müsse man per anno in neue Medien investieren, um auf dem aktuellen Stand zu bleiben. Da ist der Leiter dankbar, dass die Bezirksvertretung für den Aufbau des E-Book-Angebots mehr als 1000 Euro locker gemacht hat. Aber das war eben ein einmaliger Zuschuss.

Dabei ist die Bibliothek auch aus sozialen Gesichtspunkten heraus nicht wegzudenken. Ein Buch kann man für 30 Cent drei Wochen lang ausleihen. Refinanzieren kann man ein Buch damit natürlich nicht. Mit einer von 5000 Menschen unterzeichneten Petition hat man einst bei der Landespolitik um Unterstützung geworben. Doch das Land fördere keine Einrichtung, die „nur“ mit Ehrenamtlern arbeite. Im Protokoll der entsprechenden Sitzung habe gestanden, dass der Bücherinsel die „Leistungsfähigkeit“ fehle. „Das war ein Schlag ins Gesicht“, ärgert sich Ziemons heute noch.

Und was wünscht er sich von der Stadt? Michael Ziemons hat wahrgenommen, dass das Das Da Theater 50.000 Euro Zuschuss für 50.000 Besucher bekommt. Mehr als berechtigt, wie er unterstreicht. Wenn er pro Besucher zehn Cent — also 2000 Euro — bekäme, wäre er schon glücklich: „Dann könnten wir unser Angebot in Schulen und Kindergärten deutlich ausweiten.“ Vielleicht, so sagt er, werde er bald einmal ein politisches Frühstück in der Bücherinsel organisieren, um den Blick der Verantwortlichen für den Bereich Literatur zu schärfen: „Ich glaube, denen ist gar nicht klar, was Bibliotheken in Sachen Kulturarbeit vor Ort leisten. Und dieses Potenzial ist längst noch nicht ausgeschöpft.“ Mit 225 Euro im Jahr kann man da allerdings ziemlich wenig reißen.

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