Walheim: „Datenbrille“ soll im Notfall helfen, Leben zu retten

Walheim: „Datenbrille“ soll im Notfall helfen, Leben zu retten

Zwei Waggons sind entgleist. Eine Frau schreit um Hilfe. Ein Mann liegt blutend am Boden. Andere Menschen liegen bewegungslos im Zug. Die Lage ist kaum überschaubar. Insgesamt zählt man 16 Verletzte. Rettungskräfte eilen herbei. Doch wem helfen sie zuerst?

Im Rahmen des Forschungsprojektes „AUDIovisuelle Medizinische Informationstechnik bei komplexen Einsatzlagen“ (kurz: Audime) hat die Sektion Medizintechnik der Klinik für Anästhesiologie an der Uniklinik der RWTH gemeinsam mit Partnern aus der Industrie und dem RWTH-Lehrstuhl für Informationsmanagement innovative technische Methoden zur Optimierung des Managements einer Großschadenslage entwickelt, die jetzt in einer groß angelegten Simulation in den Praxistest gegangen sind.

Wer braucht jetzt am dingendsten Hilfe? Die Frage stand bei der gestrigen Großübung in Walheim im Mittelpunkt. Mit der neuen „Datenbrille“ kann das System der schnellen Therapie noch effektiver gestaltet werden. Sie sorgt für optimale Vernetzung im Einsatzgeschehen, ermöglicht zum Beispiel die Einbindung eines Leitenden Notarztes via Livestream (kleines Bild) und hilft so, bei der Behandlung von Verletzten Prioritäten richtig zu setzen. Foto: Andreas Cichowski

Denn große Notfallereignisse und Katastrophen treten immer wieder in den Blickpunkt, sei es bei Terroranschlägen, Naturkatastrophen oder Unfällen. Ein Massenunfall stellt für alle Beteiligten eine außergewöhnliche Situation dar. Unübersichtliche Einsatzorte, Hektik sowie das Zusammenwirken zahlreicher Organisationen wie Feuerwehr, Rettungsdienst und Technischem Hilfswerk sorgen vor allem in der Initialphase für Unsicherheit. Hinzu kommen unterschiedliche Wissensstände der einzelnen Einsatzkräfte, die zu verschiedenen Entscheidungen und Abläufen führen, und letztlich auch zu Unterschieden in der Patientenbehandlung.

Wer braucht jetzt am dingendsten Hilfe? Die Frage stand bei der gestrigen Großübung in Walheim im Mittelpunkt. Mit der neuen „Datenbrille“ kann das System der schnellen Therapie noch effektiver gestaltet werden. Sie sorgt für optimale Vernetzung im Einsatzgeschehen, ermöglicht zum Beispiel die Einbindung eines Leitenden Notarztes via Livestream (kleines Bild) und hilft so, bei der Behandlung von Verletzten Prioritäten richtig zu setzen. Foto: Andreas Cichowski

Durch eine technische Unterstützung versucht „Audime“, die Einsatzkräfte in den verschiedenen Phasen der Rettungsaktion — von der Sichtung über die Sondierung der räumlichen Situation bis hin zur individualmedizinischen Behandlung zu unterstützen. Wie dieses System in der Realität funktioniert, wurde am Sonntagvormittag nach gut dreijähriger Entwicklung mit einer Großübung am alten Stellwerk in Walheim an zwei Eisenbahnwagen der Eisenbahnfreunde Grenzland eindrucksvoll demonstriert — einmal mit der neuen Technik und parallel dazu ohne diese.

„Die Brille stellt Fragen“

Maßgebend ist die neue „Datenbrille“, mit der jeder Rettungssanitäter ausgestattet ist. Sie bietet eine Vernetzung im Einsatzgeschehen, ermöglicht die Anbindung eines Leitenden Notarztes via Live-stream, überträgt Vitalparameter, gibt Leitlinien und hilft bei der Kategorisierung der Verletzten. „Die Brille stellt Fragen“, erläutert Michael Czaplik, Leiter der Forschungsgruppe „Audime“ am Uniklinikum und selbst erfahrener Notarzt. Atmet der Patient, ist er bewusstlos, ist der Kreislauf gestört, hat er starke Schmerzen?

Per Algorithmus werden vor allem Personen der Sichtungskategorie rot und gelb ermittelt, also Opfer mit lebensbedrohlichen Verletzungen sowie Schwerverletzte, die eine schnellstmögliche Versorgung benötigen. Schließlich wird ein sogenannter QR-Code auf einer Anhängekarte eingescannt, der den Patienten zunächst personalisiert und ihn automatisch im System registriert. „Die Personalien werden erst später beim Transport abgefragt, das sind alles zeitfressende Ressourcen, die behandlungstechnisch zunächst uninteressant sind“, so Rettungssanitäter Paul Berrill.

Rettungsassistent Mentor Krasniqi vergleicht die derzeitige Phase mit der Anfangszeit des sogenannten Tele-Notarztes: „Das ist reine Gewöhnungssache — stören tut die Brille nicht“. Auch die Bedienung sei handlich und einfach. „In der Zeit des Smartphones sollte das für keinen ein Problem sein“, meint Krasniqi.

In zwei Großübungen sei das „Audime“-System bereits getestet worden, mit positivem Ergebnis, denn die Datenbrille steigere das Sicherheitsgefühl der Einsatzkräfte.

Dies konnte man auch bei der gestrigen Übung beobachten. Zwar hat es im direkten Vergleich zur herkömmlichen Vorgehensweise länger gedauert, bis alle Personen aus dem vorgeblich havarierten Waggon gerettet wurden, allerdings wurden wichtige Entscheidungen anders getroffen, zum Beispiel wurden Verletzte durch das Zuschalten des Tele-Notarztes direkt im Zug behandelt.

Für Professor Rolf Rossaint, Direktor der Klinik für Anästhesiologie, war die Entwicklung der Datenbrille eine Herzensangelegenheit: „Ein Ziel der neuen Technologie ist es, Patienten möglichst schnell perfekt richtig zu diagnostizieren. Ich möchte sicher sein, dass der Patient genau die richtige Behandlung bekommt.“ Die Idee dahinter sei, dass der Mensch nicht in der Lage sei, alles datenkonform aus dem Kopf zu bewerkstelligen — erst recht nicht bei einer so seltenen Schadenslage.

„Interdisziplinäre Zusammenarbeit spielt insbesondere in der Forschung zur zivilen Sicherheit eine große Rolle, nur wenn Mediziner und Ingenieure, Wissenschaftler und Unternehmen unter der Einbindung der Anwender, also Rettungskräften und Feuerwehrleuten, zusammenarbeiten, werden schlussendlich Produkte entwickelt, die die Sicherheit in Großschadenslagen steigern können“, meint Michael Czaplik. Er ist überzeugt, dass die Technik noch in vielen anderen Fällen Einzug finden wird.

Mehr von Aachener Zeitung