Das Studierenden-Netzwerk Erasmus erhält die Karlsmedaille

Korrespondenten für Europa : Das Studierenden-Netzwerk Erasmus erhält die Karlsmedaille

Fehlende Solidarität war für den gebürtigen Portugiesen João Pinto 2012 der Anstoß dafür, sich für mehr Austausch innerhalb der Europäischen Union einzusetzen. „Als mein Land und viele andere südliche europäische Länder in dieser Zeit in eine tiefe Krise gerutscht sind, habe ich miterlebt, wie viele Menschen direkt davon betroffen waren, und das hat sich für mich sehr ungerecht angefühlt.“

Für ihn mangelte es an Miteinander unter den europäischen Menschen, weswegen er begann, sich beim Erasmus Student Network (ESN) zu engagieren.

Und das mit großem Erfolg. Am Donnerstag nahm er stellvertretend für das ESN als dessen Präsident im Krönungssaal des Rathauses in Aachen die Médaille Charlemagne pour les médias européens (Karlsmedaille für die europäischen Medien) entgegen. Der Medienpreis wird im Rahmen des Karlspreises bereits seit dem Jahr 2000 verliehen und ehrt Personen oder Institutionen, die sich um die europäische Einigung verdient machen.

Oberbürgermeister Marcel Philipp sprach dem Erasmus-Netzwerk als einem „Medium der menschlichen Elementarkontakte“ das deutlich zu. Jeder Erasmus-Studierende sei in gewisser Hinsicht sowohl Inlands- als auch Auslandskorrespondent für die Europäische Union: In seinem eigenen Land erzähle er von seinen Erfahrungen im Ausland, und im Ausland berichte er von seiner eigenen Heimat.

Auch Medaille-Vereinsvorsitzender Michael Kayser betonte den Stellenwert des Netzwerkes. Zu seiner Studienzeit sei ein Austausch nur für diejenigen mit den besten Noten möglich gewesen, zu denen er damals nicht zählte, da für ihn „das Fach Feiern am wichtigsten war“. Mit Erasmus stehe heute neben dem akademischen vor allem der zwischenmenschliche Austausch im Fokus, was es viel mehr Menschen ermögliche, internationale Kontakte zu knüpfen.

Das ist die Karlsmedaille, die an Erasmus verliehen wurde. Foto: Heike Lachmann

Als die Laudatorin, die frühere Vizepräsidentin der Europäischen Kommission, Viviane Reding, das Wort ergriff, war ihr Enthusiasmus für Europa spürbar. Mit dem Netzwerk Erasmus würden junge Menschen dazu animiert, aus ihrem gewohnten Umfeld auszubrechen und über sich selbst hinauszuwachsen. Erasmus sei „ein Symbol von dem Europa, wie wir es uns wünschen“. Nicht nur die steigenden ErasmusTeilnehmerzahlen zeigten, dass das Netzwerk bei der Zusammenführung von Menschen innerhalb Europas extrem erfolgreich sei, sondern auch die stolze Zahl von einer Million sogenannter Erasmus-Babys, die aus den Austauschen entstanden seien, fügte Reding mit einem Augenzwinkern hinzu.

Und auch für den Fall, dass es mit der Liebe mal vorbei sei, habe sie eine Lösung: Zurzeit werde an einem europäischen Scheidungsregelwerk, was die nationalen Rechte zusätzlich unterstützen soll, gearbeitet. Zwei Wünsche für die Zukunft hielt Reding zum Schluss fest: Zum einen die Bildung eines Erasmus-Alumni-Netzwerkes. Zum anderen hoffe sie, dass die Erwachsenen die Wünsche und Forderungen der jungen Menschen ernster nehmen werden.

Von den Vorteilen Europas mussten ESN-Präsident João Pinto und die vier Vorstandsmitglieder Tijana Stojanovic, Tim Bastiaens, Kacper Olczyk und Jeroen van Lent nicht mehr überzeugt werden. Die fünf jungen Leute wirkten bei der Preisverleihung sehr energisch, was untere anderem daran lag, dass sie die Aufgaben des Erasmus-Prokjekts noch längst nicht vollendet sehen. So ist eine Zukunftsvision von ihnen, dass nicht nur Studierende vom europäischen Austausch profitieren können, sondern die sogenannte Erasmus-Blase aufgebrochen wird und auch enger Kontakt von ausländischen Studierenden zu vor Ort lebenden Menschen außerhalb der Universität entstehen kann.