Aachen: Das Schängche ist bereit für die digitale Zukunft

Aachen : Das Schängche ist bereit für die digitale Zukunft

So ganz geheuer scheint ihm die Situation nicht zu sein. Ein wenig skeptisch schaut das Öcher Schängche drein. Aber kein Wunder: Immerhin steht, oder besser gesagt hängt, es ganz nackt auf einem langen Stab und beobachtet, wie ein Mann vor ihm mit einem seltsamen Gerät ganz schön nah kommt.

„Hier, diese kleine Lücke, die müssen wir auch draufhaben. Sehr gut“, sagt er. Der Mann ist Prof. Dr. Jan Borchers vom Lehrstuhl für Informatik, Medieninformatik und Mensch-Computer-Interaktion an der RWTH. Und das Gerät, mit dem er jeden einzelnen Winkel des Schängche scannt, dient dazu, in einem späteren Schritt einen detailgetreuen Druck von der bekannten Öcher Stadtpuppe anzufertigen.

Schängche ganz digital: Prof. Dr. Jan Borchers scannt mit Jan Zimmermann (hinten) die Aachener Stockpuppe. Foto: Andreas Steindl

Die Idee dazu kam von Bernd Steinbrecher, der in der vergangenen Karnevalsession unter Prinz Mike als Schang Teil des Hofstaates und dementsprechend mit dem Schängche unterwegs war. „Ich hatte so viele Erinnerungen an diese Zeit und wollte etwas Bleibendes. Ich sprach mit Professor Borchers über meine Idee, einen 3D-Druck anzufertigen. So kam dann eins zum anderen. Ich fände es schön, wenn in Zukunft jeder, der möchte, sein persönliches Schängche aus der Session drucken kann“, sa Steinbrecher.

Er hatte die Idee zum Projekt: Initiator Bernd Steinbrecher mit seinem Schang. Foto: Andreas Steindl

Deshalb brachte er die Puppe ins „Fab Lab“ in der Ahornstraße, wo sie nun genau unter die Lupe genommen wird. In „Fab Labs“ (Fabrication Laboratories) — den Werkstätten der Zukunft, können Basistechnologien im Bereich des 3D-Drucks ausprobiert und weiterentwickelt werden. Das „Fab Lab“ in Aachen bietet neben dem üblichen Werkzeug verschiedene 3D-Drucker, einen Lasercutter, eine Platinenfräse und mehrere Arbeitsplätze zum Löten und Basteln mit Arduino-Microcontrollerboards an. Borchers eröffnete 2009 das „Fab“ an der RWTH als erstes „Fab“ in Deutschland.

Aber zurück zum Schängche. Knapp 20 Minuten lang werden sein Körper, der Kopf sowie die Beine gescannt. Die verwendete Kamera sendet Messsignale aus und liefert Tiefeninformationen zum Körper der Figur. Auf dem angeschlossenen Laptop werden die gesammelten Informationen mit einer Software zusammengeführt, und auf dem Display erscheinen kleine Punkte, die beim näheren Betrachten zu kleinen Dreiecken werden. Jede Farbe und jeder noch so kleine Riss auf dem Schängche ist nun sichtbar.

Gedruckt wird die Figur bei der Firma Kisters in Oberforstbach. „Der Druckvorgang dauert zwischen 12 und 36 Stunden. Je nachdem, wie lange es tatsächlich sein wird, überlegen wir, ob wir den Körper nicht drucken lassen, sondern ihn aus einem anderen Material anfertigen“, sagt Borchers.

Keramik-Gips-Mischung

Für den 3D-Druck kommt wahrscheinlich eine Keramik-Gips-Mischung in Frage oder Kunststoff. Wobei Kunststoff bisher nicht farbig gedruckt werden kann. So stabil wie das Schängche selbst wäre allerdings auch die erste Variante nicht. Ans Original kommt man eben nicht so einfach dran. „Angesichts der Größe drucken wir nicht von oben nach unten, sondern von hinten nach vorne. In ein bis zwei Monaten soll es fertig sein“, betont Borchers.

Über die Kosten schweigt er, allerdings hat schon der Kopf einen Materialaufwand von 50 Euro. Für ihn und seinen ehemaligen Mitarbeiter und Künstler Jan Zimmermann ist dieses Projekt neu und wissenschaftlich interessant zugleich. „Es ist das erste Mal, dass wir mit so teurem Equipment arbeiten und eine derart große Figur scannen. Das Modell, mit dem wir scannen soll dann eventuell gekauft und hier im „Fab Lab“ regelmäßig genutzt werden und Interessierten zur Verfügung stehen“, so Borchers. Denn die Werkstatt der Zukunft ist für alle Interessierten nach vorheriger Anmeldung nutzbar.

Das Schängche ist derweil fertig gescannt. Die Klamotten, die es während der Session trug, werden ihm angezogen, sobald er quasi druckfrisch aus dem 3D-Drucker kommt. Dann erhält das Duplikat einen Ehrenplatz bei Steinbrecher im Büro. Bis es wieder abgeholt wird, muss das Original eine Nacht alleine in dem Uni-Gebäude verbringen. Mit Sicherheit findet das Schängche dort die ein oder andere spannende Geschichte, von der es später erzählen kann.

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