Aachen: Das „Lothringair“-Fest: Ein Tag im Freiluft-Wohnzimmer

Aachen: Das „Lothringair“-Fest: Ein Tag im Freiluft-Wohnzimmer

Premiere gelungen — so könnte das Fazit des ersten Straßenfestivals „Lothringair“ lauten. Ab 14 Uhr verwandelte sich die Lothringerstraße in einen bunten Jahrmarkt. Sogar das Wetter spielte mit: Im Sonnenschein machte das Flanieren und Genießen doppelt Spaß. Wer ausruhen wollte, konnte es sich gleich in der Chill-out-Area zu Beginn bequem machen.

Die angrenzenden Ladenlokale Dreist, Farbschlüssel und Taschentrude hatten den Außenbereich in ein Freiluft-Wohnzimmer verwandelt. Die ausgestellten Motorräder und Oldtimer ließen wohl das Herz mancher Autoliebhaber höher schlagen. Wer hier einfach sitzen blieb, verpasste allerdings einiges, denn es gab viel zu sehen.

Die Straße lebt: Das Ensemble „Tacky Habits“ macht die Lothringerstraße beim ersten „Lothringair“-Fest zum Tanzraum. Foto: Andreas Schmitter

Nur einige Häuser weiter bot die „Raststätte“ Herberge für Streetart und Graffiti der Aachener Künstler Käpten Nobbi, Señor Schnu, Bernase und Frietje. Schaurig-schön: „Hommage an Kalle“, eine Nachbildung des Signums Karls des Großen, nachgebildet aus gekauten Kaugummis. Schräg gegenüber boten die Künstler einen Streetart-Workshop an, bei dem Besucher ein Gemeinschaftskunstwerk vervollständigen konnten. Ein paar Meter weiter rekelt sich eine Menschengruppe auf dem Boden immer wieder verschlingen sie sich um-, in- und übereinander, spontane Zurufe aus dem Publikum lösen das Menschenknäuel kurz auf, um es später wieder in sich verknoten zu lassen.

„Was wir hier zeigen wollen, ist eine interaktive menschliche Skulptur“, erklärt Choreograf Dwayne Halliday, der mit seinem sechsköpfigen Ensemble „Tacky Habits“ („Schlechte Angewohnheit“) den Tanz an Orte bringen möchte, wo er sonst keinen Raum hat. Eine „Schlafperformance“ bot die Künstlerin „Gik“ (Gisela Klaßen) mit ihrer Kollegin Gabriele Prill im Schlafparadies dar. Inhaber Roland Mertens stellte seinen Raum gerne zur Verfügung. „Straßenfeste finden hier so selten statt. Und die Veranstalter stehen mit so viel Herzblut hinter der Sache, das muss man unterstützen.“

Kunst und Musik waren im ehemaligen Alfonskloster zu erleben. Heinz X stellte dort einige seiner Kunstwerke aus. Musikalisch verzauberte unter anderem der Pianist Renzo Vitale mit Stücken aus seinem Album „ZeroSpace“. Ein Kunsterlebnis der besonderen Art bot auch das Atelier Prozitron. Mit ihrer Aktion „Dein Gesicht — meine Sicht“ lud Künstlerin Ute Göbel-Groß Besucher ein, mit ihr ins Gespräch zu kommen. Und auch im Parkhaus ging die Entdeckungsreise weiter: mit Videokunst und Theater.

Für Kinder bot das Institut Francais eine Mal-Aktion an, im „Regal „wurde gebatikt, Bei Antik-Möbel und Art las Marian Reguli aus seinem Büchern und Clown Scheibub unterhielt die kleinen Besucher mit Pantomine und Schabernack. Und dazwischen immer wieder Musik: Die Ska-Band „The Jigs“ spielte vor der Gründerwerkstatt gleich bis 22 Uhr durch. „Heinz im Sinn & die Geteiltdurchs“ sowie der „Rock‘n‘Roll Diktator“ bespielten mit ihren Gigs an Gullis die gesamte Straße und die große Lothringair-Bühne bot ein Programm vom afrikanischen Trommel-Ensemble über Country-Folk mit der Band „Puddunghaut“, Indie-Rockmit „Lavender“ bis hin zum Electronic-DJ-Set mit „Elektro Willi und Sohn“. Alle Aktionen und Konzerte waren kostenlos, die Künstler verzichteten auf ihr Honorar — stattdessen hatten die Geschäfte Spendenboxen aufgestellt.

Und die Besucher? Die kamen in Scharen, den ganzen Tag lang war es richtig voll in der Lothringerstraße, als hätten alle auf dieses Fest sehnsüchtig gewartet. Ja, die Premiere ist definitiv gelungen.