Aachen: Das Land legt Zuschüsse für „Café Zuflucht“ auf Eis

Aachen: Das Land legt Zuschüsse für „Café Zuflucht“ auf Eis

„Bei dem Gedanken, dass die wichtige Beratung für all die Betroffenen wegbricht, wird uns Mitarbeitern schlecht.“ Sagt Johanna Grotendorst. Sie ist eine jener 13 Mitarbeiter des „Café Zuflucht“ an der Wilhelmstraße.

Für sie — wie auch für tausende Flüchtlinge, die von der Beratungsstelle jährlich betreut werden — sieht es zappenduster aus. Schon Mittwoch wird die Institution, die erst kürzlich 25-jähriges Jubiläum feierte, Insolvenz anmelden. Genauer gesagt wird dies der Trägerverein „Refugio“ tun. Insolvenz bedeutet salopp gesagt: Das „Café Zuflucht“ ist pleite. Was bei der gemeinnützigen Einrichtung nicht etwa damit zu tun hat, dass man Misswirtschaft betrieben hätte.

Vielmehr ist der Beratungsstelle völlig unvermittelt, wie es „Refugio“-Vorsitzende Elisabeth Hodiamont sagt, vom Land der Großteil der überlebenswichtigen Zuschüsse gestrichen worden. Und zwar, weil seit Ende letzten Jahres gegen einen Mitarbeiter seitens der Staatsanwaltschaft wegen des Verdachts der gewerbsmäßigen Schleusung von Flüchtlingen ermittelt wird. Für das Café kommt das Nein zur Auszahlung der Gelder nun wie eine Art „Kollektivstrafe“ daher.

Entsprechend groß ist der Schock bei Verantwortlichen und Mitarbeitern: „Es ist für uns völlig unverständlich und bitter, dass alles, was in mehr als 25 Jahren aufgebaut wurde, nun den Bach hinuntergehen soll“, ärgert sich Vorstandsmitglied Andrea Genten. Denn eigentlich hätten die Zuschüsse — 70 Prozent des jährlichen Etats von 400.000 Euro kommen vom Land — wie immer im dortigen Haushalt gestanden. Und auch seitens der neuen Landesregierung habe es die feste Zusage gegeben, die Arbeit der Einrichtung weiter zu unterstützen. Immerhin ist das „Café Zuflucht“ laut Hodiamont die Beratungsstelle mit den meisten Klienten im ganzen Land. Rund 3000 Menschen wurden 2017 betreut, etwa 800 davon auch aus der Städteregion. In den vergangenen vier Jahren sind die Zahlen dabei regelrecht explodiert. „Wir arbeiten hier mit 150 Prozent“, sagt Johanna Grotendorst zur Auslastung der Beratungsstelle.

„Katz-und-Maus-Spiel“

Stocksauer sind die Verantwortlichen über das Vorgehen des Landes, das Genten als „Katz-und-Maus-Spiel“ bezeichnet. Im Januar sei dem Verein mitgeteilt worden, dass außer den Zuschüssen für die Stelle des Beschuldigten alle weiteren Gelder ausgezahlt würden. Im April kam dann noch einmal ein Fragenkatalog der zuständigen Bezirksregierung zu den Vorwürfen. Elisabeth Hodiamont sagt, dass man umgehend alle Fragen beantwortet habe.

Insbesondere habe man von Beginn an völlig transparent agiert, habe auch der Staatsanwaltschaft jegliche Unterstützung bei der Aufklärung zugesagt. Dann herrschte erstmal Funkstille. Im Mai sei eine rasche Klärung in Aussicht gestellt. Und wieder Funkstille. Am 7. Juni habe man eine „Brandmail“ geschrieben. Denn zwischenzeitlich hatte man sich wegen der schwindenden Liquidität Rat eingeholt und erfahren, dass bis zum 13. Juni Insolvenz angemeldet werden müsse, wolle sich der Vorstand nicht persönlich haftbar machen.

Einen Tag später, am vergangenen Freitag, habe man dann die Mitteilung aus Düsseldorf erhalten, dass vor einer endgültigen Aufklärung des Falles kein Bewilligungsbescheid ergehen könne. Mehr noch: Kommen die Zuschüsse vom Land nicht, kann auch die Stadt ihre Zuschüsse nicht auszahlen, wie Fachbereichsleiter Rolf Frankenberger montags auf Anfrage bestätigte. Diese Auszahlung sei an einen Finanzierungsplan gebunden, den es aber ohne die Landesmittel nicht mehr gebe. Frankenberger bedauert die Entwicklung aus Sicht der Stadt zutiefst: „Es ist für uns sehr wichtig, dass es eine neutrale Beratungsstelle außerhalb von Behörden gibt“, sagt er. Frankenberger sagt auch, dass die Stadt von sich aus die Zuschüsse nie gestrichen hätte: „Das käme einer Vorverurteilung gleich.“

Ein Hintertürchen

Das Ministerium ließ sich auf Anfrage unserer Zeitung am Montag noch ein Hintertürchen offen: „Nachdem sich Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nunmehr erstmalig Ende letzter Woche zur Sache eingelassen und somit an der Aufklärung des Sachverhaltes mitgewirkt haben, hat das Flüchtlingsministerium am Dienstag die Verantwortlichen des Vereins Refugio zu einem Gespräch in dieser Woche nach Düsseldorf eingeladen, mit dem Ziel, eine konstruktive Lösung zu finden.“ Immerhin. Doch in Sachen Insolvenzantrag könnte das zu spät kommen. „Refugio“ nimmt die Politik in die Pflicht.

Schließlich hätten beim 25-Jährigen viele hochrangige Politiker die Arbeit der Beratungsstelle als unverzichtbar gepriesen — darunter der heutige Ministerpräsident Armin Laschet. In der Beratungsstelle kann jeder, der die Bemühungen zur Rettung unterstützen möchte, vorgefertigte Brandbriefe an Laschet und Flüchtlingsminister Joachim Stamp erhalten.

Ab Mittwoch wird jedoch wohl erstmal ein Insolvenzverwalter das Ruder übernehmen. Er wird dann zu entscheiden haben, ob der Betrieb aufrecht erhalten werden kann oder nicht. Zu beneiden ist er nicht. Denn es geht um viele Schicksale. Jene der Mitarbeiter natürlich — aber auch jene von tausenden Flüchtlingen, die bis dato im „Café Zuflucht“ Hilfe suchen.

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