Aachen: Das Dach des Doms soll 1000 Jahre dichthalten

Aachen: Das Dach des Doms soll 1000 Jahre dichthalten

Solch eine knifflige Aufgabe muss Michael Raupach auch nicht alle Tage lösen: Bitte entwickeln sie für uns ein Dach, dass möglichst die nächsten 1000 Jahre dichthält. „Normalerweise geht man bei Dächern von einer Lebensdauer von 50 Jahren aus“, erzählt der Professor vom RWTH-Institut für Bauforschung IBAC. Aber was ist am 1200 Jahre alten Aachener Dom schon normal?

Denn dort sind Raupach, seine Mitarbeiterin Cynthia Morales Cruz samt Team und zahlreichen Handwerker derzeit zugange — und setzen unter anderem auf Materialien, die sonst bei Formel-1-Autos und im Flugzeugbau verwendet werden. Der Auftraggeber des Ex-trem-Haltbarkeitsdachs hört auf den Namen Helmut Maintz, seines Zeichens Dombaumeister. Und der ist mit der Umsetzung bisher rundum zufrieden — auch wenn sich die aufwendige Erneuerung des 700 Quadratmeter großen Bleidachs auf dem Sechzehneck des Münsters einige Monate länger hinzieht als zunächst geplant.

Freuen sich über jeden, der die Sanierung des Doms unterstützt: Dombaumeister Helmut Maintz (r.) und Hubert Herpers, Vorsitzender des Karlsverein-Dombauvereins. Foto: Michael Jaspers

Wie oft Maintz dem Dom in den vergangenen 30 Jahren aufs Dach gestiegen ist, kann er anno 2016 nicht mehr sagen. Die Zahl geht in die ungezählten Tausende. Damals, im Jahr 1986, nahm er die Arbeit am Aachener Dom auf. Seit eben jenem Jahr laufen auch die umfangreichen Sanierungen des Sakralbaus aus der Karolingerzeit. 37 Millionen Euro wurden in den vergangenen drei Dekaden in das Unesco-Weltkulturerbe gesteckt. Jetzt geht der gigantische Sanierungsmarathon in die Endphase. Eigentlich, verrät Maintz, wollte man mit den Arbeiten am Sechzehneck Ende Mai 2016 fertig sein — pünktlich zum großen Domfest. Doch wie das so häufig ist: Schaut man hinter die Fassade, entdeckt man immer noch das ein oder andere, was gemacht werden muss. Zudem gestaltete sich die Planung der einzelnen Arbeiten komplizierter als gedacht. Daher visiert der Dombaumeister nun den Oktober an. Bis dahin sollen die Gerüste verschwunden sein und auch das neue Dach in rundum erneuertem Glanz erstrahlen.

An der Nordseite tut es das — zumindest in Teilen — bereits in diesen Tagen. Allerdings gut versteckt unter einem ausgeklügeltem Wetterschutzdach, unter dem die Handwerker auch bei Wind und Regen die Bleiabdeckungen verlegen können. Und „Dachdecken“ findet hier im XXL-Format statt: Allein für die Nord-Hälfte des Sechzehnecks werden 15 Tonnen Blei, 22 Kubikmeter Naturstein, 23 Kubikmeter Holz und 1,3 Tonnen Edelstahl verbaut. Hinzu kommen noch 22.000 Schrauben, die dem Dach den richtigen Dreh verpassen.

Multipliziert man das Ganze mal zwei — schließlich kommt ähnlich viel Material auf der südlichen Seite Richtung Münsterplatz zum Einsatz — erhält man einen Eindruck davon, wie weit die Dachsanierung eines solch monumentalen Gebäudes vom Wirken eines einfachen Häuslebauers entfernt ist. Das liegt auch an Prof. Michael Raupach und seinem Team. Die haben in ihrem Institut nämlich ein neuartiges „Klammerpflaster“ entwickelt, das Risse am Dom schließt, die sich bei einem schweren Erdbeben im Jahre 803 im Gemäuer aufgetan haben.

Dieses „Pflaster“ enthält ein äußerst stabiles und zugleich flexibles Netz aus Karbonfasern — ein Material, das man vor allem aus Formel-1-Boliden kennt. In Aachen stützt nun also Hightech aus dem 21. Jahrhundert die hohen Hallen des Münsters. Die Stabilisation der Erdbebenrisse erfolgt auf einer Gesamtlänge von 35 Metern. Zusätzlich werden am Sechzehneck noch rund 80 Meter Dachrinnen und Brüstungen erneuert. Kostenpunkt für die gesamte Baumaßnahme: etwa zwei Millionen Euro.

Nach 50 Jahren marode

Wo wir wieder bei den 1000 Jahren wären. Denn das letzte Bleidach hielt gerade einmal 50 Jahre, wurde in den 1960er Jahren aufgetragen. Doch bei einer Überprüfung entdeckten Maintz und seine Mitarbeiter, dass die Abdeckung völlig marode war. Feuchtigkeit war eingedrungen, zudem hatten einst verwendete ätzende Imprägniermittel Blei und Dachstuhl stark angegriffen. Teilweise hatten sich von unten bereits Löcher in die Platten reingefressen. Daher stand für Maintz fest: Jetzt muss eine richtig gute, möglichst langhaltende Lösung her — erdbebensicher, wasserfest, hitzebeständig.

Wer nun jedoch denkt, nach 30 Jahren aufwendiger Außensanierung sei Schluss mit Arbeiten am und rund um den Dom, der sieht sich getäuscht. Maintz plant bereits die nächsten Projekte. Die Innenbeleuchtung des Doms muss erneuert werden, ebenso wie die Dächer des Kreuzgangs. Zudem werden die Fugen des Gemäuers ständig überprüft. „Wir haben noch genug zu tun“, versichert der Dombaumeister. Damit das Münster auch in 1000 Jahren die Menschen noch in seinen Bann zieht.

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