Aachen: Comics als „Schmutzliteratur“ verbrannt

Aachen: Comics als „Schmutzliteratur“ verbrannt

Das Martinsfeuer, das am 11. November 1958 an der Katholischen Volksschule Feldstraße, die zur Pfarre St. Martin gehörte, entzündet wurde, erfüllte nicht nur seinen traditionellen Zweck als Endpunkt des Martinszuges.

Vor 60 Jahren diente es auch dazu, den Schülern eine Möglichkeit zu geben, Comics und andere, sogenannte „Schund- und Schmutzliteratur“ ins Feuer zu werfen und zu verbrennen.

Zur damaligen Zeit gab es in vielen deutschen Städten so genannte „Schmökergrab“-Aktionen. Dabei erhielten die Schüler das Angebot, ihre in pädagogischen, aber auch kirchlichen Kreisen sehr kritisch betrachteten Comic-Hefte und andere, vermeintlich nur der niederen Unterhaltung dienende Literatur gegen als pädagogisch wertvoll angesehene Bücher umzutauschen.

Viele dieser Umtauschaktionen mündeten in wohl damals als reinigend empfundenen Comic-Verbrennungen. Und auch wenn Comics in den 1950er-Jahren oft pauschal als so jugendgefährdend angesehen wurden, dass viele von ihnen auch auf dem Index landeten, verwundert dennoch die Form, mit der auch in Aachen gegen die unerwünschte Literatur vorgegangen wurde: Nur 25 Jahre nach den großen Bücherverbrennungen der Nationalsozialisten wurden wieder Bücher und Zeitschriften verbrannt und auf diese Weise geächtet.

Die Aachener Nachrichten kündigten die Bücherverbrennung in einem Vorbericht zum Martinszug im zeitgenössischen Duktus an: „Die 250 Schulkinder werden heute Abend im Anschluss an den Martinszug Schmutz- und Schundliteratur in das lodernde Feuer werden. […] Wohl erstmalig in Aachen dürfte die Aktion sein, zu der ebenfalls das Lehrerkollegium der Volksschule Feldstraße aufgerufen hat. Heute Abend sollen im Martinsfeuer auf einem Feld in der Nähe der Schule alle jugendgefährdenden Schriften verbrannt werden, die die Schulkinder zum Leidwesen der Pädagogen immer noch in ihren mehr oder weniger heimlichen Verstecken zu Hause haben und die trotz aller Mahnungen von Eltern und Lehrern gelesen werden.

Nach den Worten des Schulleiters wird der Aufruf zu dieser Aktion bestimmt nicht ungehört bleiben, haben sich doch die meisten Schülerinnen und Schüler schon bereit erklärt, ihre vor allen Dingen geistlose Schundliteratur, die auch heute nur allzu oft noch unter den Schulbänken hervorgeholt wird, dem Martinsfeuer anzuvertrauen.“ (AN, 11.11.1958)

Bis heute haben es Comicautoren und ihre Werke in Deutschland schwer als eigene Kulturform Anerkennung zu finden, ganz anders als zum Beispiel in Belgien oder Frankreich.

Wer sich von der Verarbeitung historischer Themen in Comics ein Bild machen möchte, kann jederzeit den Lesesaal des Stadtarchivs besuchen. Dort steht eine Auswahl entsprechender Comics zum Lesen bereit.

Über aktuelle Themen rund um das Thema Comic kann man sich dagegen bei der Comiciade informieren, die am Wochenende vom 14. und 15. April im Alten Schlachthof stattfindet.

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