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Aachen: Citykirchen-Pfarrer Eller: „Möchte Inseln für die Menschen schaffen“

Aachen : Citykirchen-Pfarrer Eller: „Möchte Inseln für die Menschen schaffen“

Hier redet er mit einigen spontanen Besuchern, dort steht er auf der Leiter, um an einem Leuchter etwas zu richten, schließlich steht er in der Kapelle und singt lateinische Choräle zum Stundengebet: Timotheus Eller ist offensichtlich gut an seinem neuen Wirkungsfeld — der Citykirche St. Nikolaus — angekommen. Es ist eine von vielen Stationen eines bewegten Priesterlebens, wie er im Gespräch mit Rauke Xenia Bornefeld erzählte.

Sie sind seit einem Jahr an der Citykirche. Was war bisher die größte Herausforderung?

Timotheus Eller: Das war eine längere Zeitspanne im vergangenen Jahr, in der krankheitsbedingt meine evangelische Kollegin sowie der Vorsitzende des Vereins „Kirche für die Stadt“ nicht da waren und der Hausmeister auch eine Zeitlang ausgefallen war. So stand ich vor vielen Fragen allein. Das hatte aber den positiven Nebeneffekt, dass alle anderen näher zusammengerückt sind. Die Ehrenamtlichen haben mehr Verantwortung übernommen, die Hausmeister haben einiges ausgeglichen. Das war ein anstrengender Einstieg, aber dadurch fühle ich mich jetzt in der Citykirche zuhause.

Welche Erfahrung haben Sie am wenigsten erwartet?

Eller: Den Aufwand um die Nacht der offenen Kirchen. Wie viele Einzelfragen da kamen, die ich auf Anhieb nicht beantworten konnte. Ich war auf das Erinnerungsvermögen anderer angewiesen und stellte fest, dass ich auf die gleiche Frage bei drei verschiedenen Leuten auch drei verschiedene Antworten bekam.

Aber Sie haben es gestemmt, waren Sie denn zufrieden?

Eller: Ja, ich sollte zufrieden sein. Ich stehe mir da mit meinen Ansprüchen manchmal selbst im Weg.

Was hat Sie an der Arbeit in der Citykirche gereizt?

Eller: Die Vielfältigkeit der Angebote — dieser weite Bogen von der frommen Anbetungskapelle mit sehr römisch-katholischem Akzent bis zur Offenheit für politische Diskussionen, Gottesdienste mit politischem Anspruch, nicht zuletzt als ökumenisches Projekt. Meine ganzen Lebensstränge laufen hier zusammen, und ich kann meine vielfältigen Erfahrungen einbringen. Ich habe Ökumene immer verstanden als ein sich gegenseitiges Bereichern. In meiner Ausbildung hatte ich dagegen den Eindruck, dass Ökumene so verstanden wurde, dass in einem katholischen Gottesdienst so viel weggelassen wird, dass am Ende ein evangelischer übrig bleibt.

Haben Sie den Eindruck, dass in ökumenischen Gottesdiensten Katholiken immer mehr aufgeben oder aufgeben müssen?

Eller: Direkt nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil war es sicher notwendig, dass alte Zöpfe abgeschnitten wurden, dass überladene Symbolik aufgegeben wurde. Aber die Zukunft sollte sein, dass man Dinge situativ zusammenbringt. Wir standen jetzt gerade vor dem kalendarischen Phänomen, dass der Valentinstag auf den Aschermittwoch fiel. Hier in der Citykirche haben wir seit einigen Jahren die Tradition, dass es am Valentinstag eine ökumenische Segnungsfeier für frisch Verliebte und lang Geübte gibt. Nun standen wir vor der Frage, ob wir diese Tradition wegen Aschermittwoch ausfallen lassen oder ob wir es nicht zusammenbringen können. Wir haben uns fürs Zusammenbringen entschieden: Der Titel war „Feuer und Flamme oder Glut unter der Asche — Valentinstag und Aschermittwoch begegnen sich“. Das ist für mich gelungene Ökumene.

Sie erleben Ökumene hier also anders als früher?

Eller: Ja, ich erlebe es hier als ein gemeinsames Ringen darum, was den Menschen gut tut. Es besteht eine Offenheit bei meiner evangelischen Kollegin gegenüber auch sehr traditionell-katholischen Elementen. So gab es beim Valentinstagsgottesdienst neben der Segnung der Paare für jeden, der wollte, das Aschekreuz — für einen evangelischen Christen eher ein ungewöhnliches Angebot.

Sie sind ganz unterschiedliche Wege gegangen. Sie sprachen von verschiedenen Lebenssträngen…

Eller: Ich kann hier tatsächlich mit dem meisten, was vorher in meinem Leben passiert ist, etwas anfangen. Dazu gehört, dass ich als Junge zwischen dem neunten und zwölften Lebensjahr mit einer Hüftkopfdegeneration im Beckengips gelegen habe und danach neu laufen lernen musste. Ich habe ein Gefühl dafür, was es heißt, im Bett zu liegen, und die Leute schauen auf einen herab. Ich habe ein Gefühl dafür, was es heißt, im Rollstuhl zu sitzen. Aber auch, was für ein riesiges Geschenk es war, nach zweieinhalb Jahren im Bett das erste Mal im Rollstuhl sitzen zu dürfen und in den Garten gefahren zu werden, oder als ich das erste Mal wieder auf meinen Beinen stand. Ich glaube, deshalb habe ich ein Gefühl dafür, wie es ist, mit Einschränkungen zu leben und auch mit der Angst des Rückfalls. Eine wesentliche andere Prägung ist aber vor allem, dass ich mit sechs Geschwistern aufgewachsen bin.

Warum?

Eller: Erstens war ich das berühmte Nesthäkchen, zweitens habe ich am meisten mit meinem zweieinhalb Jahre älteren Bruder unternommen. Dadurch habe ich immer Sachen gemacht, die meinem Lebensalter zweieinhalb Jahre voraus waren.

Auch in Ihrer Entscheidung, ein enthaltsames Leben als Priester und Mönch zu führen?

Eller: Nein, da lagen einige Jahre dazwischen. Ich war als Jugendlicher ein Revoluzzer und stolz darauf, dass ich weder einen Gott noch eine Kirche brauche.

Woher kam dann der Sinneswandel für den doch radikalen Schritt, Benediktinermönch zu werden?

Eller: Über einen meiner Brüder habe ich den Schritt getan vom Atheisten zum Christen. Beim Katholikentag in Düsseldorf 1982 habe ich dann zum ersten Mal katholische Kirche als beeindruckend kennengelernt — besonders die Ordensleute und Priester. Das hat mich dazu gebracht, zum Abendgymnasium Viersen zu wechseln. Das Studienheim für Priesternachwuchs des Nikolausklosters der Oblatenmissionare in Jüchen gab mir die Möglichkeit, meinen Schulabschluss in geistlicher Umgebung zu machen und ein spirituelles Leben zu führen. Da habe ich allerdings auch die herbste Enttäuschung meines Lebens erlebt. Ich bin mit hoffnungslosen Idealen in die katholische Kirche gegangen und habe dort einen tiefen Einblick in die Schattenseiten des Priester- und Ordenslebens bekommen. Deswegen habe ich nach anderthalb Jahren das Studienheim verlassen und die restliche Zeit bis zum Schulabschluss in Viersen gewohnt. In St. Josef habe ich mich als Hilfsküster und Ehrenamtlicher engagiert.

Was waren die Schattenseiten?

Eller: Ich hatte den Eindruck, dass meine Mitstudierenden sich nur für Gewänder, Bischöfe, Posten interessierten — Dinge, die mir völlig fremd waren. Das war nicht meine Sicht von Priesterwerden und Kirche. Ernüchtert musste ich feststellen, dass auch in der Kirche sämtliche Schwächen des menschlichen Daseins zu finden sind.

Sie haben sich dann doch entschieden, in einen Orden einzutreten.

Eller: Das war tatsächlich eine wunderbare Frucht des Nikolausklosters. Dort habe ich jemanden getroffen, der mich auf die Benediktiner aufmerksam gemacht hatte, weil er selbst dort eintreten wollte. So bin ich einfach mal hingegangen. Aber auch dort war der erste Eindruck schrecklich. Aus Höflichkeit habe ich aber das Angebot angenommen, mehrere Tage im Kloster zu verbringen. Da ist etwas passiert — das kann ich nur vergleichen mit Verliebtsein. Diese Lebensform mit klösterlichem Leben mit Gebet und Arbeit mit Jugendlichen fand ich klasse. Die Entscheidung, in die Benediktinerabtei Gerleve einzutreten, brauchte aber noch einige weitere Besuche.

Sie sind heute aber nicht mehr Benediktiner.

Eller: Nach dem Studium in Salzburg und Rom war ich ein sehr zufriedener Mensch und Mönch. Aber ganz zart keimte in mir die Frage: Ist es das jetzt? Die Antwort suchte ich zunächst in lauter neuen Projekten. Sie kamen sehr gut an, die Menschen waren sehr zufrieden. Doch ich musste mir jedes Mal eingestehen: Das war nicht die Antwort auf meine Frage. So suchte ich 2003 den Abt auf, von 2005 und 2009 eine Auszeit zu nehmen. Das ist grundsätzlich möglich. Ich wollte aber erst noch das 100-jährige Jubiläum des Klosters abwarten, weil ich dort sehr involviert war. Der Abt meinte aber: „Wenn Sie jetzt unzufrieden sind, Pater Timotheus, dann gehen Sie bitte jetzt. Was möchten Sie denn machen?“ Darauf hatte ich noch keine Antwort. Bis zu diesem Zeitpunkt war ich zwar suchend, aber nicht unglücklich. Die nächsten 14 Tage suchte ich eine Antwort und hörte mich schließlich sagen: „Eigentlich wolltest du doch mal Schauspieler werden.“ Ich bin voll auf die Bremse gestiegen.

Eine Lebensbremse…

Timotheus: Ja, wenn Sie so wollen. Das war die Antwort: Ich mache eine Schauspielerausbildung. Allerdings war ich jetzt 38. Viele Schulen haben mich deswegen abgelehnt. In Köln hat mich schließlich eine private Schule zur Aufnahmeprüfung angenommen. Weiberfastnacht 2003 hatte ich meinen ersten Tag — da komme ich ins Schwärmen. Aus Boxen, die an einer ganzen Straßenfront aufgebaut waren, dröhnte Udo Jürgens: „Ich weiß, was ich will, tadadi, tadada…“ (singt). Ich ging durch die Straße und dachte: „Genau!“ Ich bestand die Aufnahmeprüfung. Der Abt war allerdings überhaupt nicht damit einverstanden. Das Kloster würde nicht für die Finanzierung sorgen. Danach hatte ich im Bistum Köln die Zusage auf eine Kaplanstelle, die allerdings zurückgenommen wurde. Das Bistum Aachen hatte da ein weiteres Herz. Hier wurde mir zugehört.

Wie konnten Sie hier überzeugen?

Eller: Die, die mir eine halbe Stunde zugehört haben, mussten zugeben: „Das ist zwar eine verrückte Idee, aber wie Sie es darstellen, hört sich das für Ihren Lebensweg vernünftig an.“ Ich wusste immer, dass ich in der Schauspielerei Dinge lerne, die für mein spirituelles Leben als Mönch und Priester wichtig sind. Aber ich wollte zugleich die Offenheit haben, solange aufs Meer hinauszurudern, bis ich das Ufer nicht mehr sehe und sich der zukünftige Weg für mich eröffnet. Ungefähr nach der Hälfte der Ausbildung war klar: Ich möchte nicht hauptberuflich als Schauspieler arbeiten. Ins Kloster wollte ich aber auch nicht mehr zurück. Meine Berufung zum Priester war aber die ältere und ist es auch geblieben.

War das die prägendste Phase Ihres Lebens?

Eller: Ja, auf jeden Fall die spannendste. Stellen Sie sich vor: Morgens spende ich im damals selbstverständlich getragenen Ordensgewand die Krankensalbung, verbringe dann einige Stunden in der Schauspielschule im Tanzunterricht oder ähnliches und feiere abends die Heilige Messe. Zugleich war ich an der Schauspielschule der Opa, als Pfarrer mit 38 Jahren aber einer der jüngsten. Ein Mitbruder meinte mal: „Bei dir brennt die Kerze von beiden Seiten.“ Es hat mich aber auch — wieder mal — in eine Überforderungssituation gebracht. Als Mensch, als Seelsorger hat mich diese Zeit aber sehr weit gebracht.

Nach der Schauspielausbildung bekamen Sie vom Bistum Aachen eine Pfarrstelle.

Eller: Ja, in Brüggen. Aber auch da war es wieder so, dass die Leute zwar sehr zufrieden mit meiner Arbeit waren, ich aber den Eindruck hatte, dass ich noch nicht an der richtigen Stelle angekommen bin.

Haben Sie die in der Citykirche gefunden?

Eller: Ja! Hier habe ich das erste Mal die Hoffnung, dass meine gesamten Lebensstränge — meine Spiritualität, meine Schauspielausbildung, meine Erfahrung als Pfarrer, auch die neuen Horizonte, die sich mir in der Nationalparkseelsorge und der Gedenkstätte Vogelsang eröffneten, meine Prägung in der Jugend und in der Familie — hier einbringen kann. Das steckt nach einem Jahr noch in den Anfängen, aber ich bin mir sehr sicher, dass ich die an der Citykirche und auch in der Innenstadtgemeinde Franziska Aachen nach und nach entfalten kann. Denn die Mithilfe in den Innenstadtgemeinden gehört ebenfalls zu meinem Auftrag.

Nach einem Jahr: Was werden Sie anders machen, was werden Sie neu machen?

Eller: Es steht eine Klausur mit meiner evangelischen Kollegin an. Dort wollen wir die Frage klären, welche spirituellen Angebote der Citykirche gut tun.

Was sind Ihre Vorstellungen?

Eller: Im Moment experimentiere ich mit lateinischen Gesängen aus dem Stundengebet. Für manche sind sie ein rotes Tuch, aber viele Ältere freuen sich, so etwas mal wieder zu hören. Und einige junge Leute finden das tatsächlich cool. Ich finde, in diesen Gesängen ist Menschheitserfahrung aus tausenden Jahren zu spüren. Sollten wir das dauerhaft einführen, werde ich aber eine Handreichung mit der Übersetzung der lateinischen Texte und dem theologischen Hintergrund auslegen. Das kann aber nur eine kleine Facette unseres Angebots sein.

Sehen Sie sich eher als konservativer oder als progressiver Vertreter der katholischen Kirche?

Eller: Ich nutze die Freiheit, aus der reichen Schatztruhe der katholischen Kirche schöne Dinge ideologisch unvorbelastet herauszunehmen. Möglicherweise stoße ich einigen mit traumatischen Erfahrungen vor den Kopf, aber ich gehe das Risiko ein. Zumindest die positiven Rückmeldungen der jungen Leute stärken mich darin, denn die haben meist keine traumatische Erfahrung mit, sondern gar keine Idee von Kirche. Aber sie fühlen sich von lateinischen Gesängen angezogen. Insgesamt möchte ich gerne einige Inseln für die Menschen schaffen. Die Citykirche ist ein spannender Begegnungspunkt, aber auch ein spiritueller Ort. Das liegt mir sehr am Herzen.