Aachen: Citykirche: „Organisator im Hintergrund“ Dieter Spoo sagt Adieu

Aachen : Citykirche: „Organisator im Hintergrund“ Dieter Spoo sagt Adieu

Ein Muffenkreuz aus dem Klempnerbedarf ist seine Vorstellung vom christlichen Kreuz. Ein Kreuz, das in diesem Fall nicht Leitungen, sondern Menschen verbindet. Und zwar nicht durch einen theoretisch theologischen Überbau, sondern durch Pastoral direkt am Alltag der Leute. Mit diesem Bild im Hinterkopf hat Pastoralreferent Dieter Spoo in den vergangenen achteinhalb Jahren in der Citykirche St. Nikolaus gearbeitet.

Er hatte nie Berührungsängste, ist mit seiner kompromisslos ehrlichen und kritischen Art aber auch immer wieder angeeckt. Am Samstag wird der streitbare Christ verabschiedet — allerdings nicht in den Ruhestand. Das Bistum wollte den 63-Jährigen noch nicht gehen lassen.

Sie haben diese Stelle übernommen, als die Vorbereitungen für die Nacht der offenen Kirchen 2009 auf Hochtouren liefen. War das Ihre größte Herausforderung in der Citykirche?

Spoo: Ich wurde tatsächlich ins kalte Wasser geschmissen, weil mein Vorgänger Patrick Wirges jenseits des Atlantiks weilte und mein damaliger evangelischer Kollege Armin Drack auch Urlaub hatte. Aber das war eigentlich nicht schlecht

. Allerdings dachte ich schon: Was für ein Wust an Arbeit! Bestimmte Dinge sind aber automatisiert. Die Vorbereitung ist umfangreich, aber es gibt einen klaren Laufplan. Die größte Herausforderung dieser Zeit war, dass ich ein ganz anderer Typ bin als mein Vorgänger. Ich musste viel arbeiten, damit die Menschen mit meiner Art Kirche zu sein, mitgehen.

Was war Ihre schönste, was Ihre bitterste Erfahrung in der Citykirche?

Spoo: Eine der schönsten: Ein Vater kommt mit seinem Sohn regelmäßig hierher. Einmal fragte ihn sein Sohn: „Warum gehen wir immer in diese Kirche?“ Der Vater antwortete: „Die Citykirche ist eine Kirche, wo du wirklich immer hin kannst. Hier kannst Du so sein, wie Du bist.“ Das war eine beiläufige Erfahrung, die mir aber nachhaltig gezeigt hat, was hier gut ist.

Die bitterste: Einmal hatte ich zwei hochkarätige Veranstaltungen am gleichen Tag. Eigentlich war eine davon im Terminplan durchgestrichen, aber die Veranstalter verließen sich sehr darauf, dass wir das hinbekommen. Ich musste also dafür sorgen, dass beide Veranstaltungen zu ihrem Recht kamen und die Menschen zufrieden waren. Zum Glück konnten wir mit einer in die Kirche St. Peter ausweichen. Da hatte ich eine schlaflose Nacht.

Waren Sie in der Citykirche mehr Organisator oder mehr Kirchenmann?

Spoo: Mehr Organisator, aber immer mit dem Hintergrund: Wir sind hier ein besonderer Ort. Der Umgang mit den Leuten und das gemeinsame Entwickeln von Veranstaltung, die in unser Profil passen, waren mir immer sehr wichtig. Wir können es uns glücklicherweise leisten zu gucken, wer hier rein passt. Allerdings kann man vieles passend machen.

Zum Beispiel haben wir hier mal die Deutschen Meisterschaften im Blitzschach ausgerichtet. Das hatte auf den ersten Blick gar nichts mit Kirche zu tun. Aber auf den zweiten Blick ist das ein besonderer Sport, der sehr viel Konzentration erfordert. Auf eine gewisse Art ist das auch spirituell. Ich wollte immer zeigen: Kirche ist kein Bedrückungsort.

Sie sind hier aber auch für die Seelsorge zuständig. Was macht Seelsorge an diesem besonderen Ort aus?

Spoo: Der Mensch, der zu mir kommt, ist ganz da. Ich versuche mich ganz auf ihn einzustellen. Es ist mir dann egal, ob das ein Mensch ohne Papiere aus Mazedonien ist oder der Geschäftsmann von nebenan. Wir haben als Christen die Idee vom Menschen als Ebenbild Gottes. Im Gegenüber steckt also immer etwas Göttliches. Als Seelsorger tragen wir diesen Würdevorteil des anderen im Herzen. Das hilft mir selbst, auch mit Menschen, deren Nähe ich eigentlich nicht suchen würde, vorurteilsfrei und gelassen umzugehen. Ich möchte ihm oder ihr das Gefühl vermitteln, dass wir auf einer Ebene stehen. Lösungen lassen sich nur gemeinsam entwickeln.

Würden Sie Seelsorge an einem anderen Ort genauso machen?

Spoo: Ja, das hat mit dem Ort nichts zu tun. Ganz viele Dinge, die eng führen — auch eine engführende Theologie — habe ich abgelegt. Richtig und falsch sind für mich keine Kategorien. Die Botschaft des Evangeliums, die Bergpredigt, die Person Jesu Christi müssen sich im Alltag verorten. Der Alltag ist dort, wo die Menschen Probleme haben. Dort muss ich mit den Menschen umgehen — egal, ob ich im Gefängnis bin, bei der Militärseelsorge, hier oder in einer ganz normalen katholischen Gemeinde.

Hat Ihnen die Citykirche da ein breiteres Menschenbild verschafft?

Spoo: Hier trifft man die ganze Bandbreite: Die chinesische Prostituierte aus der Antoniusstraße kommt genauso hierher wie der Oberbürgermeister. Für viele Nicht-Sesshafte und Flüchtlinge sind wir eine Anlaufstelle, aber auch viele kleine, bescheidene Leute ebenso wie den gehobenen Mittelstand treffe ich hier. Die einzigen, die fast gar nicht kommen, sind Jugendliche. Wahrscheinlich weil wir hier keine Jugendarbeit machen und auch mit unseren Veranstaltungen nur sehr selten Jugendliche ansprechen. Das ist ein bisschen schade.

Wie hat sich die Citykirche in den vergangenen acht Jahren denn entwickelt?

Spoo: Hier liefen viele gute, auch wegweisende Formate, aber es war meines Erachtens ein bisschen nach innen gerichtet, eher für ein spirituelles, kirchliches Publikum. Ich wollte diese Kirche stärker noch für die Stadt öffnen. Deshalb habe ich sofort möglichst viele Kooperationen angestrebt. Damit die Leute die Citykirche als offenen, ihren Ort in der Stadt wahrnehmen.

Das ist mir gelungen — jeder war hier schon mal drin. Ein schönes Beispiel ist der Eröffnungsgottesdienst für die Karnevalssession. Da ist es hier brechend voll. Oder bei der schon erwähnten Deutschen Meisterschaft im Blitzschach haben wir zusammen mit dem Veranstalter vor der Kirche einen Schach-Grundkurs angeboten. Bei den Wettkämpfen — 140 Spieler an 70 Tischen — konnte man die Luft knistern hören. Ein ganz besonderer Moment. Oder eine ganze Nacht Poetry Slam mit jungen Leuten. So etwas macht mir Spaß.

Wie wird es nach Ihnen weitergehen?

Spoo: Ich habe zum Glück einen Nachfolger, der sehr offen auf Menschen zugeht. Er hat ein weites Herz und ein weites Kirchenbild, so dass ich denke, dass die Tendenz, die ich hier eingeschlagen habe, Bestand haben wird. Er wird sicher seine eignen Akzente setzen, aber ich bin sehr zuversichtlich, dass die Citykirche weiterhin als Kirche für die ganze Stadt wahrnehmbar bleiben wird. Aber klar ist auch: Wenn ich hier rausgehe, gehe ich raus. Nichts von dem, was ich gut finde, muss bleiben.

Können Sie gut loslassen?

Spoo: Ja, das habe ich schon mehrfach geübt. Studio K, Militärseelsorge — da habe ich vieles aufgebaut, was heute ganz anders ist. Das ist dann aber auch nicht mehr mein Ding. Das kann ich gut.

Im Fragebogen antworten Sie auf die Frage, was Sie nur mit Humor ertragen können: Römisch katholisch. Wie meinen Sie das?

Spoo: Wenn zum Beispiel jetzt wieder die Bedeutung der Eucharistie ins absolute Zentrum des Glaubens gerückt wird, stelle ich dem entgegen, dass viele Menschen das als Hokuspokus empfinden und dem nichts abgewinnen können. Die Bedeutsamkeit dieses Ritus‘ ist für viele so vage, dass ich es schwierig finde, wenn ein ganzes Christsein daran gemessen wird. Damit hängt auch das Amtsverständnis des Klerus zusammen: Wenn die Eucharistie so wichtig ist, ist der Priester unverzichtbar.

Es gibt immer noch ein großes Gefälle zwischen der geheimen Macht der Kleriker und dem Rest der Welt. Daraus entsteht auch heute noch Denken in Kategorien von Dürfen und Nicht-Dürfen. Ich erlebe im Bistum Aachen — ein hervorragender Arbeitgeber — dass die Leute weiterkommen, die zwar eine gewisse innere Freiheit haben, aber auch ganz genau wissen, wann sie die Klappe zu halten haben. Ich habe mich immer kritisch hinterfragt, ob ich nicht manchmal auch so ticke.

Der Zölibat ist so ein Tabu-Thema. Wenn die Priester offen sagen würden, wie sie damit umgehen, gäbe es ihn in drei Wochen nicht mehr. Wir fordern in der katholischen Kirche also einerseits Offenheit, Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit, zugleich sind wir vom System her unwahrhaftig. Diese Doppelmoral kann ich tatsächlich nur mit Humor ertragen.

Abendmahl, Amtsverständnis — warum sind Sie nicht evangelisch?

Spoo: Weil es dort die gleichen Geschichten gibt. Auch dort gibt es viele Eitelkeiten, zum Beispiel Pfarrer, die sich unheimlich viel auf ihr Amt einbilden. Ich bin in erster Linie Christ. Ich habe tatsächlich und ehrlich die Hoffnung, dass menschliches Leben mehr ist als der begrenzte Raum, den wir erfahren.

Ich mag den Spruch von Dietrich Bonhoeffer: „Ein Gott, den es gibt, gibt es nicht.“ Trotzdem bin ich dankbar, dass ich den christlichen Glauben habe. Immer dann, wenn Menschen mit einer gewissen Demut, ehrlich, ohne von Ängsten gesteuert zu sein, miteinander umgehen, wird etwas Gutes daraus. Aber das Angstpotenzial hat sich in der katholischen Kirche immer noch nicht aufgelöst.

Wie sehen Sie die Ökumene in der Stadt?

Spoo: Ökumene ist so selbstverständlich für mich, dass ich sie nicht hinterfrage. Natürlich gibt es hier in Aachen das Problem, dass die evangelische Kirche deutlich kleiner ist als die katholische. Deshalb muss sie sich immer wieder behaupten und die katholische agiert manchmal von oben herab. Es ist ein gutes Miteinander, aber es existiert ein Ungleichgewicht. Dadurch fehlt schon mal eine selbstverständliche Gelassenheit. Wenn ich Menschen begegne, ist es für mich aber ohnehin nicht wichtig, ob jemand katholisch oder evangelisch ist.

Bei Ihren vielen beruflichen Stationen sind Sie immer wieder mit Menschen aneinander geraten, die eine andere Meinung von „richtig katholisch“ oder „richtig christlich“ haben als Sie. Gehen Sie mit denen heute geduldiger um?

Spoo: Nö. Vielleicht bin ich da manchmal etwas unbarmherzig, aber Enge im Denken, die manche sich und anderen auferlegen, kann ich nicht ausstehen. Damit habe ich es immer noch schwer, auch wenn ich heute mit daraus resultierendem Druck besser umgehen kann. Bei manchen Angriffen reagiere ich heute gar nicht mehr.

Ich verstehe meine Aufgabe als Pastoralreferent so, dass ich versuche, die Kirche ein wenig mehr in die Weite zu führen: Horizonte öffnen, nicht einengen. Ich erzähle gern, was in der Kirche alles möglich ist. Und das ist viel — besonders junge Menschen sind da oft sehr verdutzt. Das trauen sie Kirche gar nicht zu.

Friedlich sind Sie aber nicht…

Spoo: Ich bin nicht friedlich! Ich bin friedfertig, aber nicht friedlich.

Hat Ihnen die Arbeit in der Citykirche geholfen?

Spoo: Ja! Weil ich hier ganz viele ähnlich denkende Menschen getroffen habe. Und weil ich hier an Begegnungen mit Menschen reichst beschenkt worden bin. Ich habe so viele tolle Leute getroffen: Besucher, Mitarbeiter, Projekthelfer. Die Welt ist schlecht? Niemand kümmert sich? Das Gegenteil ist der Fall! Dieser Erfahrungsschatz von mitdenkenden, anteilnehmenden, mitleidigen Menschen ist das wichtigste, was ich aus achteinhalb Jahren Citykirche mitnehme.

Obwohl Sie 63 Jahre alt sind, wird die Citykirche nicht Ihre letzte berufliche Station gewesen sein. Was kommt jetzt?

Spoo: Ein Arbeitsgebiet steht schon fest: Ich werde in der Predigtausbildung des Bistums aktiv. Ich möchte den Predigern — überwiegend Laien — vermitteln, dass es nicht so wichtig ist, dass das Gesagte theologisch hochkorrekt ist, sondern dass es mit Überzeugung, einem inneren Feuer gepredigt wird. Das zu spüren, kann man üben. Außerdem werde ich Absolventen des Würzburger Fernkurses begleiten. Dort studieren Ehrenamtliche und Quereinsteiger in die Bistumsarbeit. Ich möchte die durch den Fernkurs theoretisch geschulten Menschen auf die Realität vor Ort erden.

Wie bekomme ich Theologie, Spiritualität und Glaube auf den Alltag heruntergebrochen? Mein Bild vom Kreuzessymbol ist ein Muffenkreuz aus dem Klempnerbedarf, mit dem Leitungen verbunden werden. Das Kreuz soll Menschen verbinden! Ein Satz von Martin Buber ist mir ganz wichtig: „Eine Religion, die sich nicht in der Welt bewahrheitet, bleibt eine Geste, die in die leere Luft schlägt.“