Aachen: Christiane Berlin gibt Flüchtlingen eine Lebensperspektive

Aachen : Christiane Berlin gibt Flüchtlingen eine Lebensperspektive

Geschichten von Folter, Gewalt, Armut und Verfolgung sind Christiane Berlin nicht fremd. Sie hört sie täglich: Seit über zehn Jahren arbeitet sie im Café Zuflucht, einer Anlaufstelle für Flüchtlinge aus der ganzen Welt.

Fünf Hauptamtliche und acht Ehrenamtliche kümmern sich dort um sie. Mit Berlin sprach Rauke Xenia Bornefeld über die Perspektiven von Flüchtlingen in Deutschland und die ermutigenden Seiten ihrer Arbeit.

Sie hören viele Geschichten. Gibt es eine, die Sie nachträglich beeinflusst hat?

Berlin: Es ist nicht eine Geschichte. Es sind oft die Geschichten, in denen die Menschen einfach zur falschen Zeit am falschen Ort waren. Zum Beispiel ein Mann aus der Demokratischen Republik Kongo, der einfach nur am Kiosk seines Cousins stand. Militärpolizei kam an den Stand, wollte Ware ohne dafür zu bezahlen. Der Cousin wollte nicht nachgeben. Es kam zu einer Auseinandersetzung, in der der Cousin erschossen wurde. Er selbst war nun Augenzeuge eines illegalen Verhaltens des Militärs und wurde deshalb ins Gefängnis gesteckt. Seine Familie kaufte ihn frei, der nächste Hafttermin stand aber schon fest. Den hat er natürlich nicht wahrgenommen. Stattdessen flieht er. In Deutschland erfährt er, dass seine Frau und seine vier Kinder verschwunden sind. Wäre er an diesem Tag nicht zu seinem Cousin gegangen, hätte er dessen Tod betrauert, aber sein gutes Leben als Angestellter des Elektrizitätswerkes mit Haus und gesunder Familie einfach weitergelebt. Solche Geschichten beeindrucken mich, weil es zeigt, wie schnell man unverschuldet in eine Fluchtsituation geraten kann.

Totales Vertrauen — ist das die Voraussetzung für die Arbeit mit Flüchtlingen?

Berlin: Ich würde sagen: Objektivität. Ich melde schon zurück, wenn ich den Eindruck habe, dass die Geschichte konstruiert ist. Das kommt aber sehr selten vor und heißt nicht, dass der eigentliche Grund nicht noch tragischer sein kann. Viele Menschen konstruieren aus Angst andere Geschichten, da sie glauben, mit der Wahrheit nicht durchzukommen. Viele Flüchtlinge sind traumatisiert.

Wie sind Sie zur Flüchtlingsarbeit gekommen?

Berlin: Persönliches Interesse entstand schon früh durch die Familie meines Vaters, die wegen jüdischer Abstammung im 2. Weltkrieg auf der Flucht war. Im Studium der Sozialen Arbeit bin ich durch Mitstudenten mit dem Thema in Berührung gekommen. Da gab es ebenso junge Menschen wie wir, die nicht einfach studieren konnten. Ich hatte die Idee im Kopf, dass wir doch alle die gleichen Rechte haben. So bin ich dann auf die Flüchtlingsarbeit gestoßen, die mich am meisten interessiert hat. Es ist sehr vielschichtig: Vom Umgang mit gerade Angekommenen, schwer traumatisierten Flüchtlingen bis hin zu Leuten, die schon länger hier sind, aber den Alltag nicht allein bewältigt bekommen. Viele sind durch unsere bürokratisierte Lebensweise völlig überfordert.

Es gibt doch Integrationskurse.

Berlin: Ja, aber nur für die mit Bleiberecht. Alle anderen warten oft Jahre auf eine Entscheidung, haben nichts zu tun und können in dieser Zeit nicht einmal einen Deutschkurs besuchen. Warum?

Ins Café Zuflucht kommen Menschen aus unterschiedlichen Nationen mit unterschiedlicher Vergangenheit. Wie ist das Miteinander?

Berlin: Hier bei uns sehe ich überhaupt keine Probleme. Wenn hier Streit ausbricht, dann über die Reihenfolge der Beratung. Über die Medien höre ich von Auseinandersetzungen in den Flüchtlingsheimen. Das finde ich nachvollziehbar: Wenn sich Menschen unterschiedlicher Sprache und Kultur und mit unterschiedlichen hygienischen Ansprüchen nicht nur ein Bad und eine Küche teilen müssen, sondern zum Teil auch ein Zimmer, dann muss das Probleme geben. Die traumatisierten Flüchtlinge reagieren in Stresssituationen auch nicht immer wie erwartet. Deshalb befürworten wir sehr, wenn Kommunen die Unterbringung in Wohnungen organisieren. Das macht Aachen bisher leider nicht. In den Heimen gibt es — gerade für Familien — kleinere Wohneinheiten. Aber es gibt auch noch viele unfreiwillige WGs. Und wir haben in der Städteregion Langschoss — eine ehemalige britische Kaserne in der Nähe von Simmerath mitten im Wald. Da sind die Leute total isoliert, Busse fahren in der Woche manchmal, am Wochenende gar nicht.

Warum kommen die Menschen zu Ihnen? Wie können Sie helfen?

Berlin: Die meisten kommen mit aufenthaltsrechtlichen Problemen. Wenn jemand ganz neu ist, geben wir im erst mal eine Orientierung. Zur Beantragung von Asyl müssen die politischen Flüchtlinge nach Dortmund. Ihre Fluchthintergründe arbeiten wir behutsam auf. Da sind neben dem Fluchtgrund natürlich auch die Erlebnisse auf der Flucht. Dahinter steckt immer Angst. Auch wenn sie nichts beweisen müssen, liegt die Last der Glaubhaftmachung bei ihnen. Dafür müssen sie detailreich, lebensnah und nachvollziehbar ihre Geschichte erzählen. Darunter brechen viele zusammen.

Warum muss ein Flüchtling nichts beweisen?

Berlin: Realistisch ist, dass ein Flüchtling seine Flucht nicht plant wie eine Reise. Wenn in Syrien gerade mein Haus zerbombt wurde, habe ich keine Papiere mehr. Deshalb sieht die Genfer Flüchtlingskonvention vor, dass Flüchtlinge keine Beweise für Verfolgung und Gewalt bringen müssen. Behörden sind aber sehr misstrauisch. Einem Mann wurde nicht geglaubt, dass er gefoltert wurde, weil es angeblich physikalisch nicht sein konnte, wie oft er auf einem Stuhl immer wieder gedreht wurde.

Gibt es gern gesehene Flüchtlinge?

Berlin: Es scheint leichter zu sein, wenn der Konflikt deutlich ist. So ist wohl auch die hohe Anerkennungsquote zurzeit bei den Syrern zu erklären. Die Medien halten den Konflikt präsent. Aber es gibt keine Länderliga. Generell sehe ich für die Medien hier eine wichtige Aufgabe in der Meinungsbildung.

Welche Pflichten haben Flüchtlinge?

Berlin: Vor allem haben sie Residenzpflicht. Nach drei Monaten Aufnahmelager sollte eigentlich der Asylantrag beschieden sein, dass klappt aber in den seltensten Fällen. Dann werden sie auf die Kommunen verteilt. Wer keinen Asylantrag stellt, wird ebenso verteilt. Am zugewiesenen Ort müssen sie während des ganzen Antragsverfahrens oder während der Duldung wohnen. Vorausgesetzt, sie beziehen Geld nach dem Asylbewerberleistungsgesetz, sprich Sozialhilfe. Arbeitserlaubnisse gibt es nach neun Monaten. Deutsche und EU-Bürger haben aber Vorrang bei der Arbeitsplatzvergabe. Nach vier Jahren gibt es eine generelle Arbeitserlaubnis. Ohne Erlaubnis der Behörde darf kein Flüchtling das Bundesland verlassen. Bei mehrfachen Verstößen sammeln sich Strafbefehle, die einen Aufenthaltstitel verhindern können. Das Überschreiten der Nationalgrenze ist verboten.

Flüchtlingen wird oft unterstellt, dass sie kommen, um die deutschen Sozialkassen auszurauben.

Berlin: Essen müssen wir alle. Und wer nicht arbeiten darf, ist auf staatliche Unterstützung angewiesen. Aber zu glauben, dass die Menschen hierher kommen, weil sie genau wissen, wie viel Geld sie hier vom Staat bekommen, ist wirklich Blödsinn.

Wie bewerten Sie generell die deutsche Willkommenskultur?

Berlin: Schlecht. Sonst gäbe es kein Frontex (Anmerkung der Red.: EU-Agentur zur Überwachung der europäischen Außengrenzen). Da muss sich noch viel ändern. Wenn wir mehr über die Verhältnisse in den Ländern wüssten, wenn wir wüssten, was Krieg, Unterdrückung oder Armut bedeuten, könnte sich etwas ändern.

Das Entsetzen nach dem Kentern eines Flüchtlingsbootes in Sichtweite zur Insel Lampedusa war groß. Hat Sie das überrascht?

Berlin: Es hat mich frustriert. Wie viele Boote sind vorher gekentert? In Spanien werden seit Jahren ertrunkene Flüchtlinge angeschwemmt. Dort gibt es ganze Friedhöfe mit namenlosen Gräbern. Wie oft haben wir gerufen: Das Mittelmeer ist ein Massengrab.

Gerade Politiker und öffentliche Personen haben sich aber sehr für die Flüchtlinge eingesetzt: EU-Parlamentspräsident Martin Schulz, Papst Franziskus…

Berlin: Richtig, aber besonders wurde die Überforderung Italiens thematisiert. Niemand sprach von den Gründen, die die Menschen haben, um in drei Tagen in einer Nussschale übers Mittelmeer zu schippern. Das macht man doch erst, wenn man total verzweifelt ist. Mir fehlt: Es kann jeden treffen. Wir haben nur gerade das Glück, im sicheren Europa zu leben.

Was fordern Sie von der deutschen und der europäischen Politik?

Berlin: Eine realistischere Einschätzung der Fluchtgründe und weniger Angst, dass Flüchtlinge uns etwas wegnehmen könnten. Deutschland hat mehr davon, wenn die Menschen hier mit Sprach- und Landeskenntnissen arbeiten dürfen, als wenn sie jahrelang zum Nichtstun verdonnert werden, obwohl sie mit großer Motivation kommen. Wir brauchen auch mehr geregelte Einwanderung durch den Arbeitsmarkt — und zwar nicht nur für die Intelligenz. So könnten wir das Sterben auf dem Mittelmeer beenden. Und natürlich muss Deutschland, Europa die eigenen Interessen überprüfen, denn dadurch produzieren wir regelmäßig Konflikte in den Herkunftsländern. Wir sollten bedenken: Vielleicht müssen wir irgendwann auch an Türen klopfen. Dann werden wir abgewiesen — nicht weil wir arm sind, sondern weil wir vorher auch niemanden reingelassen haben.

Gibt es auch schöne Seiten ihrer Arbeit?

Berlin: Klar. Natürlich immer, wenn jemand durch unsere Hilfe einen Aufenthaltstitel bekommen hat. Aber vor allem, wenn jemand sein Leben wieder in den Griff bekommt, eine Chance bekommt und sie ergreift. Zum Beispiel eine Frau aus Kamerun, die hier schwer traumatisiert und verängstigt ankam, mittlerweile nicht nur anerkannt ist, sondern ihre Ausbildung erst zur Altenpflegehelferin, jetzt zur Altenpflegerin gemacht und eine feste Anstellung bei einem mobilen Pflegedienst gefunden hat — solche Entwicklungen vom Häufchen Elend zur aufblühenden Blume sind schön. Ich würde keine andere Arbeit machen wollen.

Worüber können Sie (Tränen) lachen?

Über wirklich komische Sachen, Gad El Maleh.

Was macht Sie wütend?

Arroganz, Ignoranz, uninformiert sein und meinen, man wüsste Bescheid.

Was ertragen Sie nur mit Humor?

Die derzeitige politische und gesellschaftliche Situation.

Ihr wichtigster Charakterzug?

Humor.

Ihre liebsten Roman- und Filmhelden?

Pierre Brice, Omar Sharif, Bette Davis, Laurence Fishburne, Kathy Bates, Rock Hudson, Doris Day, Angela Bassett.

Wofür sind Sie dankbar?

An einem sicheren Ort leben zu dürfen.

Mit welchem Prominenten würden Sie gerne essen gehen?

Mit keinem.

Welcher Ort in Aachen lädt Sie zum Träumen ein?

Elisenbrunnen-Park.

Was würden Sie zuerst ändern, wenn Sie einen Tag das Sagen hätten?

Langschoss schließen, Unterbringung von Flüchtlingen in Gemeinschaftsunterkünften abschaffen.

Wie würden Sie die Aachener charakterisieren?

Offen und freundlich.

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