Aachen: „ChorSonant“: Perfekte Harmonie ohne Barrieren in den Köpfen

Aachen: „ChorSonant“: Perfekte Harmonie ohne Barrieren in den Köpfen

„ChorSonant“ — „Zusammen klingen“ steckt da drin. Betritt man den Probenraum des sich so nennenden Chores— die Kapelle des Vinzenz-Heims —, wird schnell klar: Die Betonung liegt hier vor allem auf „Zusammen“. Sobald Chorleiterin Guiomar Marques-Ranke die ersten Einsingübungen am Klavier anstimmt, wird es fröhlich.

Angesteckt wird davon jeder — egal, ob mit heller oder dunkler Hautfarbe, jüngerer oder älterer Jahrgang, mit oder ohne Behinderung. Seit Oktober 2014 probt der inklusive Chor während der Vorle-sungszeit immer donnerstags von 18 bis 19.30 Uhr.

Initiiert hat das mit so unterschiedlichen Menschen besetzte Ensemble Marion Gerards, Professorin für Ästhetik und Kommunikation der Katholischen Hochschule NRW (KatHo). Mit ihrem Schwerpunkt „Musik und Soziale Arbeit“ wollte sie den Studierenden zweierlei ermöglichen: ins Singen kommen und die Institution Vinzenz-Heim als Einrichtung der Behindertenhilfe kennenlernen.

André Jankauskas, Leiter des Internats des Vinzenz-von-Paul-Berufskollegs sah ebenso für die Bewohner des Vinzenz-Heims und auch des Betreuten Wohnens eine gute Chance auf ungezwungene Inklusion: „Sie kommen in einem ihnen bekannten, geschützten Raum sehr ungezwungen mit Menschen ohne Beeinträchtigung in Kontakt. Alle singen hier auf Schulterhöhe.“

In der Tat lernen die Studierenden der KatHo — sie können den Chor als Seminar belegen — ebenso viel oder sogar mehr von den Menschen mit Behinderung. „Der Chor bietet einen wirklich sehr interessanten Perspektivwechsel“, bestätigt Linus (21), Student der Sozialen Arbeit. „Wir, die von außen kommen, müssen uns reinfinden. Wir müssen integriert werden, nicht andersherum.“ Anne (19), Schülerin des Vinzenz-von-Paul-Berufskollegs, schätzt die Ungezwungenheit des gemeinsamen Singens: „Wir fühlen uns gleich zusammengehörig, obwohl wir uns eigentlich nicht kennen.“ Linus war im Jugendchor des Stadttheaters aktiv, Anne nimmt regelmäßig Gesangsunterricht. Sie sind gesanglich eigentlich ein höheres Niveau gewöhnt, „aber das ist nichts, was ich vermisse“, meint Linus. „Hier haben alle so viel Freude an Musik, empfinden totales Glück. Und singen kann sowieso jeder“

Jedes Semester formiert sich der Chor neu: neue Seminarteilnehmer der Hochschule, neue Schüler des Kollegs, Vinzenz-Heim-Bewohner, die sich nun den Ruck gegeben haben, kommen dazu. Auch ein paar Nachbarn des Vinzenz-Heims wissen den voraussetzungslosen Besuch eines Chores zu schätzen. Zurzeit singen ungefähr 28 Menschen zusammen. „Es waren aber auch schon mal 70“, erzählt Marques-Ranke.

„Und mittlerweile bleiben viele über die eigentliche Seminarbelegung hinaus dem Chor treu“, freut sich Gerards. Durch das gemeinsame Singen haben sich auch darüber hinausgehende Kontakte ergeben. „Studierende helfen manchem Bewohner, für den der eigenständige Transfer von der Wohngruppe zur Kapelle schwierig ist. Und zwar nicht, weil sie sollen, sondern weil es einfach normal ist, einem Chorfreund zu helfen“, erläutert Jankauskas. „So ergeben sich Verbindungen auch in andere Lebensbereiche hinein.“

Einen Probentag in der KatHo verbringen — das ist durch den Chor für einige Vinzenz-Heim-Bewohner selbstverständlicher geworden. „Wir haben auch schon mal einen Flashmob durch das Vinzenz-Heim organisiert — das ist gar nicht so einfach, aber wir haben es hinbekommen“, sagt Jankauskas strahlend. Auftritte beim alljährlichen Sommerfest des Vinzenz-Heims sind selbstverständlich, ebenso bei der Adventsfeier der KatHo. Und die Öffnung nach außen hat damit noch längst kein Ende (siehe Info-Box). Auch deshalb ist der Titel „inklusiver Chor“ nicht zu hoch gegriffen.