Auch das gibt’s: CHIO (fast) ohne Pferde

Auch das gibt’s : CHIO (fast) ohne Pferde

Für die meisten Zuschauer sind die Pferde die Stars in der Soers. Doch es gibt Mitarbeiter, die bekommen kaum eins zu sehen. Wir haben einige von ihnen besucht.

Stellen Sie sich vor, Sie waren in den vergangenen zehn Tagen beinahe täglich in der Soers, haben  aber kaum ein Pferd zu Gesicht bekommen. Das ist nicht wenigen Mitarbeitern rund um das Weltfest des Pferdesports während des CHIO 2019 so ergangen.

Sie arbeiten auf Parkplätzen, hinter Ladentheken, am Buslenkrad, bei der Kinderbetreuung oder sogar auf Toiletten – auf jeden Fall aber an Orten auf dem Turniergelände, wohin sich nur selten Spring- oder Dressurpferde verirren. Und trotzdem kommen die meisten von den Beschäftigten jedes Jahr wieder zum CHIO und freuen sich auch noch drauf. Warum nur? Wir haben sie gefragt.

Beate Thenen, Süßwaren-Verkäuferin, 64 Jahre

Beate Thenen arbeitet auf dem CHIO als Süßwarenverkäuferin. Foto: Harald Krömer

Wenn die Zuschauer im Hauptstadion vor Anspannung lautstark die Luft einziehen, dann weiß Beate Thenen, dass es beim Springen mal wieder knapp war. Die Geräusche kann sie mittlerweile ganz gut einschätzen. Schließlich hält sie seit Jahren mit ihrem Süßwarenstand im Soerser Winkel die Stellung – genau hinter dem Stadion, in dem Stars wie Ludger Beerbaum und Marcus Ehning mit ihren Pferden zahlreiche Hindernisse überwinden. „Ich bekomme nur das mit, was über die Lautsprecher läuft“, sagt die 64-Jährige. Ihre ungeteilte Aufmerksamkeit schenkt sie in der Soers berufsbedingt nicht den Spitzensportlern und ihren Pferden, sondern der Popcornmaschine und den gebrannten Mandeln. Dabei sei sie dem Reitsport durchaus zugetan. „Beim Abschied der Nationen versuche ich immer mal, kurz zu gucken. Das finde ich traumhaft schön“, sagt sie. Für die paar Minuten müsse dann eben ihr Mann am Stand die Stellung halten. Abgesehen davon bekomme sie die Pferde in der Soers allerdings nur im Fernsehen zu Gesicht. Die Zusammenfassungen führe sie sich selbst nach einem langen Arbeitstag zu Gemüte. „Man muss ja mitreden können, wenn die Kunden einen ins Gespräch verwickeln“, findet sie.

Maren Hartmann, Toilettenfrau, 26 Jahre

Die Soziologiestudentin Maren Hartmann arbeitet auf dem CHIO als Toilettenfrau. Foto: Andreas Steindl

Maren Hartmann ist erst 26 Jahre alt und schon seit zehn Jahren beim CHIO dabei. Ihr Arbeitsbereich ist gekachelt, Pferde kommen hier eher nicht vorbei. Die Soziologiestudentin arbeitet nämlich als Toilettenfrau. Als 16-Jährige war sie erstmals dabei, weil die Aachener Schülerin damals einen Ferienjob suchte. So ist sie schließlich beim Aachener Familienunternehmen GGS gelandet, das beim CHIO neben den Toiletten auch für die Reinigung der Stadien zuständig ist, und ist dabei geblieben. „Was ich hier besonders schön finde, ist das Team-Feeling“, erzählt sie. „Und damit meine ich nicht nur meine direkten Kollegen in der Toilette, sondern auch die Ordner und andere.“ So kommt es, dass sie Jahr für Jahr immer dieselben Gesichter sieht. „Man hilft und unterstützt sich.“ Deshalb ist sie besonders gern im Dressurstadion im Einsatz, weil sie ihre Arbeitskollegin dort gut kennt, „und die Ordnerin ist auch schon seit fünf Jahren hier im Einsatz.“ Außerdem schätzt die Tierfreundin das Dressurpublikum. „Ich glaube, hierher kommen eher die Reit­experten.“ Vor dem CHIO hat Maren Hartmann sehr intensiv für ihre Bachelor-Arbeit gebüfffelt, „da ist der Job beim CHIO beinahe so etwas wie Urlaub“, sagt sie. Und der werde sogar gut bezahlt.

Volker Diehr, Busfahrer, 50 Jahre

Volker Diehr meldet sich seit 30 Jahren freiwillig, um die Sonderbusse beim CHIO zu fahren. Foto: Heike Lachmann

Der Mann ist Wiederholungstäter. Volker Diehr ist seit 30 Jahren Busfahrer bei der Aseag. Und genau so lange meldet er sich freiwillig, um die Sonderbusse zu fahren, die die Aseag zum CHIO einsetzt. Bis 2005 konnte der 50-Jährige dabei immerhin noch Pferde sehen. „Damals konnten wir mit den Bussen noch bis zum Rondell auf das Turniergelände fahren“, erinnert er sich, „und da konnten wir noch in den Stallbereich reinschauen.“ Seit den Umbauten für die Weltreiterspiele 2006 geht das nicht mehr. Aber die Pferde vermisst Volker Diehr nicht, denn ein Reitsportfreund ist er nicht. Dennoch will er bei jedem CHIO dabei sein – als Busfahrer. „Es macht einfach Spaß, mal etwas anderes zu erleben und andere Fahrgäste zu fahren“, sagt er. „Das CHIO-Publikum ist häufig viel freundlicher als ,normale’ Passagiere. Sie grüßen fast alle, wenn sie ein- oder aussteigen.“ Aber natürlich war der Würselener auch schon mal privat beim CHIO. „Das Turnier habe ich als Kind im Fernsehen verfolgt, und als Erwachsener wollte man da natürlich auch mal hin.“ Aber das letzte Mal ist jetzt auch schon einige Jahre her. Beim CHIO 2019 war Volker Diehr fast jeden Tag auf verschiedenen Linien und zu verschiedenen Uhrzeiten im Einsatz. „Es macht einfach Spaß“, bilanziert er.

Katharina Safwat, Auszubildende zur Eventmanagerin beim Roby Club, 27 Jahre

Katharina Safwat (hinten rechts) ist Auszubildende zur Eventmanagerin beim Roby Club, der Kinderbetreuung auf dem CHIO-Gelände. Foto: Harald Krömer

Pferde sieht Katharina Safwat jede Menge. Sie sind flauschig, nicht gerade gesprächig und stecken in seltenen Fällen auch mal den Kopf in den Sand. Springen können sie allerdings nur mit Unterstützung tatkräftiger Kinderhände. Nämlich dann, wenn im Roby Club, der Kinderbetreuung auf dem CHIO-Gelände, der Parcours aus dem benachbarten Springstadion nachgespielt wird. Mit Miniaturhindernissen und Plüschpferden. Dann ist auch Katharina Safwat zur Stelle. Sie moderiert in dem überdimensionierten Sandkasten hinter dem Hauptstadion nicht nur das tägliche Kinderturnier. Sie gestaltet mit den kleinen Gästen auch T-Shirts, geht auf Indianerschatzsuche und betreut das Bühnenprogramm. Nur von den Aktionen auf der wirklich großen Bühne in der Soers, den Sportwettbewerben, bekommt sie nichts zu sehen. Das mache ihr aber nichts aus, sagt die Duisburgerin, die zum dritten Mal beim CHIO im Einsatz ist. „Man bekommt ganz viel von der Spannung mit, etwa wenn plötzlich alle anfangen zu jubeln.“ Außerdem berichteten die Kinder so begeistert von ihren Erlebnissen im Stadion. Dann sei es fast so, als wäre man selbst dabei gewesen, sagt Safwat.

Valentin Schumacher, Parkwächter, 20 Jahre

Kümmert sich um den reibungslosen Ablauf auf den Parkplätzen: Valentin Schumacher. Foto: Harald Krömer

Doch, Pferde sehe er schon welche, räumt Valentin Schumacher ein, „aber nur, wenn ich auf Parkplatz D+ hinter der Stawag-Tribüne eingesetzt bin.“ Dort parken die Pferdetransporter, und wenn der 20-Jährige die einweist, dann sieht er eben auch mal Pferde beim CHIO. Die Regel ist das aber nicht, denn als Parkwächter versieht er an den sogenannten Arealen seinen Dienst, wo Turnierbeschäftigte, Aussteller, Journalisten oder auch Promis und Ehrengäste parken. Mit Otto Normalbesucher kommen er und seine Kollegen aber auch in Kontakt. „Gerade, wenn wir an Tor 1 am Haupteingang eingesetzt sind, dann werden wir häufig nach Auskünften gefragt.“ Dafür seien sie eigentlich nicht zuständig, „aber natürlich helfen wir gerne.“ Dass er anderen helfen kann, das ist es unter anderem auch, was ihm an seiner Arbeit beim CHIO so gefällt. Aber auch, dass sich die CHIO-Beschäftigten untereinander helfen. Der Stolberger ist zum dritten Mal beim CHIO im Einsatz. Er leistet gerade ein freiwilliges Jahr im Aachener Tierheim ab und hat sich fürs Reitturnier extra Urlaub genommen. Als Jugendlicher ist er auch mal selbst geritten. Wettbewerbe schaut er sich beim CHIO dennoch nicht an. „Dafür haben wir viel zu viel zu tun.“

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