Aachen: Chemie-Einsatz im Schatten des Aachener Doms

Aachen: Chemie-Einsatz im Schatten des Aachener Doms

Diagnose unbekannt — größere Operation sofort erforderlich: So könnte man die erste Meldung zum Großeinsatz am Donnerstagvormittag am Praxiszentrum im Herzen der Altstadt zusammenfassen. Gut zwei Stunden lang ging rund um das große Gebäude am Katschhof 3 unmittelbar neben dem Dom, vielen Aachenern bekannt als „Boxemönster“, so gut wie nichts mehr.

Das Haus, in dem neben mehreren Privatmietern unter anderem eine Privatklinik, ein Wundzentrum und eine urologische Praxis residieren, musste von 9 bis gegen 11.30 Uhr komplett evakuiert werden. Unterdessen spürten Spezialkräfte der Feuerwehr im Keller einer zunächst unbekannten, aber offensichtlich höchst aggressiven Sub­stanz nach. Gegen Mittag stand fest, dass es sich dabei um ein Gemisch aus Desinfektionsmitteln, Alkohol und Reizgas handelte. Die Aktion ging glimpflich aus, verletzt wurde niemand.

Ausgelöst worden war der Alarm von zwei Arzthelferinnen, die gegen 8.50 Uhr Abfälle in dem Gemeinschaftskeller entsorgen wollten. „Sie stellten sofort einen üblen Geruch fest, ihre Augen begannen zu schmerzen, und sie hatten Atembeschwerden“, berichtete eine Angestellte der urologischen Praxis noch während des Einsatzes vor Ort. Die Kolleginnen hätten darauf den Hausmeister verständigt.

Die Feuerwehr rückte mit mehreren Löschzügen, Gerätewagen zur Dekontamination sowie einer sogenannten CBRN-Einheit zur Bekämpfung von Gefahrstoffen an. Insgesamt waren laut Einsatzleiter Nils Lapp rund 40 Kräfte beteiligt.

Das Gebäude wurde sofort geräumt. Etliche Geschäfte zur Krämerstraße hin hatten zu diesem Zeitpunkt noch nicht geöffnet — und mussten vorerst dicht bleiben. Die Filiale der Bäckerei Moss an der Ecke zum Münsterplatz sowie eine Apotheke wurden ebenfalls geschlossen, die Polizei sperrte den Bereich rings um das Gebäude.

In Spezialanzügen und unter Atemschutz drangen Schadstoffexperten in den Keller vor und entnahmen Proben aus der etwa 50 Zentimeter großen Lache, die sich auf dem Boden ausgebreitet hatte. Nach einer ersten Analyse durch RWTH-Chemiker stellte sich heraus, dass es sich um ein Konglomerat mehrerer Substanzen handelte, die normalerweise nicht gemischt werden, berichtete der Einsatzleiter kurz vor Mittag. Sie wurden fachgerecht entfernt, das Gebäude wurde entlüftet, bevor Praxen und Geschäfte wieder geöffnet werden konnten. Gegen 12 Uhr war der Einsatz beendet.

Zwischenzeitlich waren einige Patienten im Foyer der gegenüberliegenden Domsingschule untergebracht worden. Eine Patientin des Wundzentrums etwa, die aus Geilenkirchen angereist war, konnte schließlich doch noch behandelt werden, berichtete Monika Bienert, Leiterin der Einrichtung. „Zum Glück haben wir eine Operation just eine halbe Stunde vor Beginn des Einsatzes beendet, der Patient hatte das Haus bereits verlassen“, erklärte Dr. Helge Jens, Chef der privaten Domhof-Klinik, am Mittag.

Eine weitere geplante OP habe er ohne Probleme absagen können. Die Klinik verfügt über sechs Betten zur stationären Behandlung, die glücklicherweise allesamt nicht belegt gewesen seien. In der benachbarten urologischen Praxis standen — anders als sonst an Donnerstagen üblich — keine Operationen an, wie eine Mitarbeiterin noch vor Ort berichtete.

Zur Ursache der Kontamination konnten Polizei und Feuerwehr am Donnerstag noch keine Angaben machen. Ob es sich um unsachgemäße Lagerung handelte oder ob die Substanzen gar absichtlich vergossen wurden, blieb offen. Die Kripo ermittelt.

(red)