Aachen: Chaos-Theater Aachen: Wahrheit, Lüge und die Sicht auf die Medien

Aachen : Chaos-Theater Aachen: Wahrheit, Lüge und die Sicht auf die Medien

Reza Jafari überlässt in seinen Inszenierungen nichts dem Zufall, genau einstudiert werden die Bewegungen der Schauspieler und Schauspielerinnen des Chaos-Theaters Aachen. Das 2004 von Richard Okon gegründete Theater widmet sich seit seiner Entstehung gesellschaftskritischen und anspruchsvollen Stücken und hat zuletzt mit „Heiliger Krieg“ ein bedrückendes Stück über den IS geschaffen.

Diese Tradition möchte das Theater auch nach dem überraschenden Tod von Okon im Dezember 2017 fortführen, ganz im Sinne ihres Gründers.

Die neue Produktion setzt einen Schwerpunkt, der derzeit viele Menschen umtreibt: Es geht um Wahrheit, Lüge, Presse, um Macht und das Räderwerk, in das der einzelne Mensch geraten kann. Als Heinrich Böll 1974 seine Erzählung „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ veröffentlichte, richtete sich die darin geäußerte Kritik vor allem gegen die Berichterstattung der BILD-Zeitung. Bölls Sicht auf die BILD war geprägt durch eigene Erfahrungen. Wegen früherer, missverstandener Publikationen war der Schriftsteller mehrfach in die Rolle eines Sympathisanten der Roten-Armee-Fraktion (RAF) gedrückt worden.

Auch nahm er die Zeitung selbst als konfliktverstärkendes Medium wahr, das mehr auf Sensationsberichte als auf Tatsachen schauen wollte. Darum geht es auch in „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“. Blum (Kerrin Thomas) verliebt sich auf einer Feier in Ludwig Götten, der wegen Bankraub und Mord gesucht wird. Katharina weiß jedoch von all dem nichts und wird davon überrascht, dass plötzlich die Polizei vor der Tür steht. Im weiteren Verlauf wird sie vor allem durch den Reporter Werner Tötges (Tobias Tillmann) als Flittchen dargestellt, die schon des Öfteren unangemessenen Herrenbesuch gehabt habe. Immer weiter wird ihr Privatleben ausgebreitet, immer mehr Berichte veröffentlicht, die sich nur noch leidlich an der Wahrheit orientieren, bis Katharina Blum zum Äußersten greift.

Die Inszenierung beruht auf einer leicht überarbeiteten Theaterfassung von Günther Fleckenstein. Musik und auch einige Textpassagen sind vom Theater hinzugefügt worden. Erzählt wird die Geschichte sowohl aus der Perspektive von Katharina Blum als auch durch Gespräche zwischen Tötges und dem sogenannten Stellvertreter (Norbert Hossner).

In der Inszenierung des Chaos-Theaters hat man das Stück aus seiner Entstehungszeit herausgelöst. Jafari ist es wichtig, das Werk als zeitlos zu betrachten. In diesen Rahmen sollen sich auch Bühnenbild und Kostümierung der Schauspieler einfügen. Schlicht, aber bildgewaltig, denn, so Jafari: „Bilder bleiben mehr in den Köpfen als Wörter.“ Unterstützt wird das Theater in diesem Jahr erneut von Pascal Fricke, der die Musik für das Stück komponierte, in Zusammenarbeit mit Paul Weinhard, die während der Aufführung gemeinsam Gitarre spielen.