Aachen: Carlitta Grass-Talbot als belgische Honorarkonsulin verabschiedet

Aachen: Carlitta Grass-Talbot als belgische Honorarkonsulin verabschiedet

Die Worte des Diplomaten waren gezielt gewählt. „Nicht Pauken und Trompeten, sondern menschliche Grundlagen und erstklassige Kontakte, spontane und ehrliche Einfachheit, das sind Ihre Eigenschaften, die auch den Großen zu eigen ist“, sagte der belgische Botschafter Reinier Nijskens, während Carlitta Grass-Talbot ihre Freude über die Sichtweise seiner Exzellenz erkennbar mit der Scham der Bescheidenheit mixte.

Ein starkes Kapitel der deutsch-belgischen Geschichte in der Grenzregion fand am Montagabend sein Ende. Historischer Ort des Geschehens: Der 275 Jahre alte Gut Grenzhof, Stammsitz der Familie Talbot am früheren Grenzübergang Köpfchen, Drehscheibe ungezählter Aktivitäten in den Beziehungen zwischen den beiden Ländern.

Nach 38 Jahren gab die 72-jährige Nachfahrin der Waggonfabrik-Dynastie das Amt als belgische Honorarkonsulin ab — dies in fünfter Generation des Talbot-Clans. Ihr Nachfolger wird der in Brüssel geborene und seit 1981 in Deutschland lebende Prinz Charles-Louis de Merode. Der Eventveranstalter, Verleger und Forstwirt bewirtschaftet unter anderem das Stammschloss seiner Familie bei Langerwehe.

Vieles habe Deutsche und Belgier in der Amtszeit von Carlitta Grass-Talbot einander näher gebracht, betonte der Botschafter: Es gebe „keine Grenz- und Zollkontrollen mehr, keinen Geldumtausch“, stattdessen „viel intensiveren Informationsfluss“. Nijskens: „Die belgische Militärpräsenz wurde beendet, und die Deutschsprachige Gemeinschaft bekam eine vollkommen eigenständige und offene Entität.“ Bemerkenswert am Werdegang von Carlitta Grass-Talbot sei bereits der Start ihrer konsularischen Tätigkeit: „Dass eine Frau einen solchen Auftrag bekam, war ein wirkliches Novum. Der belgische Staat druckte die Ernennungsurkunden noch immer nur für einen männlichen Honorarkonsul.“

Ein Abschiedsabend mit historischen Episoden und Dimensionen, getragen von einer kleinen, aber erlauchten Gästeschar, die das Fest im herrschaftlichen Gut mit stiller Empathie füllte — abgesehen von Frauchens kurzhaarigem Appenzeller Wuffi, der zuweilen an der falschen Stelle bellte.

Die Geehrte selbst, als Talbot-Tochter noch jüngst im Schulterschluss mit den Bombardier-Arbeitern für das Lebenswerk ihres Vaters Richard kämpfend, erinnerte sich gut an jene frühen Zeiten ihrer Amtstätigkeit. So auch an die Grenzen, „die künstliche Hindernisse zwischen Nachbarn und Freunden, Kulturkreisen, Ideen und politischen Systemen schufen“. 38 Jahre europäische Lobbyistin, Vorantreiberin und wegbereitende Vermittlerin bei wirtschaftlichen und humanitären Anliegen von Belgiern in der Grenzregion, stets an der Seite ihres Ehemannes Thomas Grass-Talbot: „Politisch und menschlich war es oft ein schwieriges Terrain“, resümierte die scheidende Konsulin.

Denn sie pflegte nicht nur das hehre Sonntagswort von der europäischen Idee — sie lebte es, im direkten Kontakt zu den belgischen Landsleuten ihrer Region. „Früher waren es mehr die Passprobleme, die einen Konsul beschäftigten, heute sind es die persönlichen Schicksale und Schwierigkeiten, die sich schon aufgrund der unterschiedlichen Gesetze und Vorschriften zweier befreundeter, aber doch eigenständiger Staaten ergeben“, erinnerte sich Carlitta Grass-Talbot an einen Alltag, der weniger „von Glanz“ geprägt war als „von der Bereitschaft zuzuhören und auf die Menschen zuzugehen“.

Dabei habe es sie „immer wieder überrascht“, was mit „ein wenig gutem Willen, viel Improvisation und Beharrlichkeit“ erreicht werden konnte: „Das hat meine Mitarbeiter und mich stets ermutigt, selbst wenn die Macht der Vorschriften und des Faktischen uns gelegentlich verzweifeln ließen“, so Carlitta Grass-Talbot.

Im Auftrag des Königs überreichte ihr der Botschafter die hohe belgische Auszeichnung „Offizier im Leopoldorden“. Die Gästeschar applaudierte, Wuffi bellte. Jetzt im richtigen Moment.