Aachen: „Caretaker“ im Theater K: Ständiges Streben mit einem unklaren Ziel

Aachen: „Caretaker“ im Theater K: Ständiges Streben mit einem unklaren Ziel

Die Decke bröckelt, stetig tropft Wasser in einen blechernen Eimer, Heizungsrohre liegen offen, Farbe blättert von den Wänden — das Haus, in dem Aston lebt, gleicht eher einer Behausung, ist ein Provisorium. Doch Aston hat sich Großes vorgenommen.

Sie will für ihre Schwester Mick renovieren und den Zimmern zu neuem Glanz verhelfen. Dann trifft sie aber auf den Obdachlosen Davies, nimmt ihn mit in ihrer Schwester Haus, beherbergt und verpflegt ihn. Was ihre Motive sind, das erschließt sich nicht — vor allem nicht für Mick, die bei ihren regelmäßigen Inspektionen der Baustelle den unbekannten Gast recht ruppig behandelt.

Das Drama „Caretaker“ zeigt eine spannende Konstellation dreier Charaktere nach der Vorlage von Nobelpreisträger Harold Pinter. Diesem Stoff nimmt sich das Theater K noch vor Weihnachten an und feiert damit am Freitag, 20. Dezember, Premiere.

Im Originaltext Pinters sind Mick und Aston Brüder und mit dem Auftreten von Davies beginnt eine schräge Entwicklung, geprägt von männlichem Gerangel um Macht und Oberhand. Um dem Ganzen jedoch eine ganz neue Tiefe und andere Wirkung zu verleihen, entschied sich Regisseurin Annette Schmidt dazu, Mick und Aston von Frauen spielen zu lassen. Dadurch würden die Motive noch unklarer, schwinge doch immer latent die Frage mit, warum eine junge Frau wie Aston einen älteren Obdachlosen beherbergt. Gespielt wird Aston von Anna Scholten; ihre Schwester Mick mimt die Kölner Schauspielschülerin Laura Thomas, die erstmals für das Theater K auf der Bühne steht.

Das Verhältnis der beiden Schwestern im Stück ist offenbar sehr schwierig, obgleich nicht klar wird, was vorgefallen sein mag. Die eine — sichtlich überfordert mit der Renovierung — verliert sich zunehmend in Details, während sie stets unter der Beobachtung Micks steht. Diese jedoch birgt selbst große Unsicherheiten, lügt und ersinnt sich immer neue eigene Identitäten. Besonders gefährlichen Zündstoff bietet in der Situation Davies — alias Jochen Deuticke. Denn der nistet sich nicht nur in das Haus ein und nutzt die Schwestern aus, sondern versucht zudem, diese auf charmante aber gleichzeitig hinterhältige Art gegeneinander auszuspielen.

Obgleich inhaltlich in den rund zwei Stunden relativ wenig passiert, spielt sich auf zwischenmenschlicher Ebene umso mehr ab. Denn ohne Hinweise auf die Vergangenheit der Charaktere zu geben, lässt Pinter deren Motive bewusst offen. So wird das Publikum in Situationen entführt, die mitunter an das absurde Theater à la Samuel Beckett erinnerten, so Regisseurin Schmidt: Plötzliche emotionale Ausbrüche in scheinbar ruhigen Momenten wechseln sich ab mit hochgradiger Bühnenspannung, die sich mitunter in wortlosen Blicken langsam verflüchtigt. Musikalisch unterstützt werden die Szenen von den Kompositionen des Aachener Musikers Sasan Azodi, der die Stücke eigenes für die Produktion des Theater K geschrieben und aufgenommen hat: Die elektronisch anmutenden Saitenklänge offenbaren eine emotionale Wärme und sind gleichzeitig von einer gewissen grotesken Art.

Dieser Zwiespalt zwischen einem Versuch von emotionaler Wärme und der bitteren Realität scheinen sowohl in den Charakteren, als auch dem Bühnenbild in heruntergekommener Baustelle, und nicht zuletzt im Titel „Caretaker“ oder „Hausmeister“ selbst versinnbildlicht. Denn welche Figur die Rolle desjenigen übernimmt, der sich um etwas und jemanden kümmert oder zumindest den Versuch dazu unternimmt, ist nicht so leicht definierbar.

Nach der Premiere am Freitag ist „Caretaker“ am 27., 28., und 29. Dezember zu sehen und startet im neuen Jahr wieder am 10 Januar.

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