Aachen: Campus West: Durchbruch für Aachens größtes Projekt

Aachen : Campus West: Durchbruch für Aachens größtes Projekt

Ein paar Seitenhiebe dürfen es schon sein. Von einer „langen Odyssee“, von „wertvollen Jahren, die verstrichen sind“ und von Situationen, in denen „man manchmal an den handelnden Personen verzweifeln konnte“, spricht NRW-Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) am Freitag in Aachen, als er die Einlösung eines Wahlversprechens verkündet. Ein echter „Meilenstein“.

Denn während zu Zeiten der SPD-geführten Vorgängerregierung Nordrhein-Westfalens das riesige Areal am Westbahnhof — der kommende RWTH-Campus West — nach dem Planungsbeginn 2011 später als gigantische Schrott- und Brachfläche verödete, stehen nun alle Signale auf volle Fahrt. Das größte Innenstadt-Bauprojekt in der Geschichte der Kaiserstadt kann Gestalt annehmen. Das Land NRW, die Stadt Aachen und die RWTH haben — was vor der geladenen Presse im futuristischen Gebäude des Clusters Smart Logistik am RWTH Campus Melaten neben Laschet Oberbürgermeister Marcel Philipp und RWTH-Kanzler Manfred Nettekoven strahlen lässt — einen sogenannten trilateralen Vertrag geschlossen. Will heißen: Das 170.000 Quadratmeter große Areal zwischen Bendplatz und altem Güterbahnhof — so groß wie 25 Fußballfelder — wird von der RWTH endlich vom Bau- und Liegenschaftsbetrieb (BLB) gekauft. Der Preis ist Verschlusssache.

2008 hatte der BLB das ehemalige Bundesbahngelände (und rund 30.000 Quadratmeter mehr) für etwa 50 Millionen Euro von den beiden Bahn-Töchtern DB Netz und DB Station und Service gekauft. Der enorm hohe Kaufpreis hatte damals beim BLB staatsanwaltliche Ermittlungen wegen des Verdachts auf Untreue und Bestechlichkeit ausgelöst. Experten taxierten den Wert des Geländes 2015 auf etwa 23 Millionen Euro. Vor der Übergabe an den BLB wurden 15 Kilometer alte Gleise und 70 Weichen demontiert; 100.000 Tonnen Altschotter und Boden wurden ausgehoben — ein Mammut-Vorhaben. Doch dann passierte erstmal nichts.

Entscheidend nach Jahren des Stillstands: „Bis 2020 wollen wir nun das Bebauungsplanverfahren beenden; Teilbereiche können womöglich schon vorher angegangen werden“, freut sich OB Philipp. Für ihn — und die überwältigende Mehrheit im Stadtrat — genießt das Projekt höchste Priorität. Die SPD jubiliert: „Für die Entwicklung des Campus West war dieser Schritt lange überfällig und ermöglicht nun — falls alle offenen Verhandlungspunkte wirklich geklärt sein sollten — ein zügiges Vorantreiben des Gesamtprojekts“, lassen der Fraktionsvorsitzende der SPD-Ratsfraktion Michael Servos und der Landtagsabgeordnete und Ratsherr Karl Schultheis als stellvertretender Vorsitzender des Unterausschusses für Landesbetriebe und Sondervermögen des Landtags am Freitagnachmittag mitteilen.

Da weder Stadt noch RWTH Eigentümer waren, kam man lange kaum voran. Das ändert sich nun schlagartig. „Viele Weichen in Aachen sind bereits gestellt worden: Das Bebauungsplanverfahren für das Areal läuft. Alle Beteiligten von Stadt, RWTH und Land sind davon überzeugt, dass der eingeschlagene Weg der richtige ist, um den Campus West realisieren zu können“, erklärt Philipp. Vielleicht in Teilbereichen sogar schon vor 2020, wie der OB hofft.

In einem nächsten Schritt wird nun der Masterplan für den Campus West überarbeitet, nach dessen Verabschiedung das förmliche Bauleitplanungsverfahren eingeleitet wird. Der Bebauungsplan soll spätestens 2020 verabschiedet werden. Dann kann die Erschließung des Geländes beginnen. Die RWTH Aachen verfolgt das Ziel, sich mit dem Campus zu einer weltweit führenden Universität zu entwickeln. Mit der ersten Ausbaustufe, der Entwicklung des Campus Melaten, wurde 2009 begonnen. Dort wurden bereits sechs Forschungscluster erfolgreich realisiert.

Auf dem Campus West sollen — unter anderem — Verkehrssysteme der Zukunft wie das autonome Fahren und die Verknüpfung von Schiene und Straße sowie das Thema Digitalisierung im Vordergrund stehen, wie Kanzler Nettekoven betont. Ministerpräsident Laschet nennt das Vorhaben beispielhaft — auch für andere NRW-Standorte wie das Ruhrgebiet. Seine Heimat Aachen sei Vorreiter: „Hier wird in enger Zusammenarbeit mit der Wirtschaft ein neues Forschungsquartier entstehen. Dieses Areal wird das internationale Ansehen des Wissenschaftsstandortes Nordrhein-Westfalen und den Status der RWTH Aachen als Exzellenzuniversität weiter stärken“, sagt er.

20 Millionen Euro nimmt die Stadt in die Hand, um die Infrastruktur am Campus West in Angriff zu nehmen. Reichen kann das nicht, schon wegen einer teuren Brücken-Idee Richtung Melaten. Bis zu 10.000 Jobs könnten entstehen in Forschung und Industrie. Hieb- und stichfest dürften die Zahlen aber erst in einigen Jahren sein. Wenn die Odyssee endlich am Ziel ist.