Aachen: Café Plattform: Mehr als ein Kaffee, ein Bett, ein freundliches Wort

Aachen : Café Plattform: Mehr als ein Kaffee, ein Bett, ein freundliches Wort

Zwei Bratwürste vom Blech, eine Schaufel Kartoffeln aus dem Ofen, noch etwas Tomatensalat. Der Geruch von Sauerkraut liegt in der Luft. Es ist halb fünf am Nachmittag: Abendessenszeit im Café Plattform, Aachens zentraler Notfallschlafstelle für Obdachlose. Jean-Luc Royé, 26, weißes T-Shirt und goldene Ohrstecker, portioniert die Teller im Akkord.

Die rotblonden Haare sind schon etwas verschwitzt, weil er sich gerade eine schnelle Partie am Kicker geliefert hat. Jean-Luc ist hier als Sozialarbeiter angestellt, aber eigentlich ist er auch Koch, Psychologe, Betreuer. „Manchmal ist es auch, als würde man im Kindergarten arbeiten“, sagt er.

Hat mit ihren haupt- und ehrenamtlichen Helfern stets ein offenes Ohr für Obdachlose: „Plattform“-Leiterin Simone Holzapfel. Foto: Jaspers

Ein erschwingliches Abendessen ist nur eins von vielen Angeboten, mit denen das Café Plattform den Aachener Obdachlosen Hilfe anbietet. Zwei Euro kostet die Mahlzeit — „wir wollen die Menschen nicht im Bettlermodus belassen“, sagt Leiterin Simone Holzapfel. Daneben können die Wohnungslosen hier auch duschen oder Wäsche waschen, Klamotten ausleihen oder Fernsehen schauen. Vor allem aber bietet die Einrichtung ein Dach über dem Kopf, ein Bett für die Nacht. Hinter einer Tür im Flur führt eine enge Treppe in den Keller, wo sich die Schlafräume befinden. 19 Betten, verteilt auf zwei Achtbettzimmer und ein Dreibettzimmer. Die Schlafräume sind spartanisch eingerichtet, einfache Stockbetten wie in der Jugendherberge, graue Wände. Die Luft ist noch etwas miefig von der letzten Nacht.

plattmja4 08.12.2016 Cafe Plattform.

Die 19 Betten sind stets belegt. „Ich bin jetzt seit 15 Jahren hier“, sagt Simone Holzapfel, „und in den letzten Jahren waren wir eigentlich jede Nacht ausgebucht.“ Im vergangenen Jahr lag die Auslastung bei rund 121 Prozent, sagt die interne Statistik. Trotzdem: „Abgewiesen wird hier niemand, vorausgesetzt man hat kein Hausverbot“, sagt Holzapfel, „für den Notfall haben wir Klappbetten, die wir dann oben im Café aufschlagen.“ Meistens kommen Männer. Im Jahr 2016 waren nur rund 14 Prozent der Besucher Frauen — „Frauen holen sich entweder schneller Hilfe oder behelfen sich mit Prostitution.“ Eine Hoch- und Nebensaison gibt es im Café Plattform nicht, im Sommer ist es genauso voll wie im Winter. Die Minustemperaturen in den Wintermonaten seien nicht das größte Problem, erklärt Holzapfel. „Nässe ist mindestens genauso schlimm.“

Simone Holzapfel ist eine herzliche Frau mit fröhlichem Blick hinter zwei runden Brillengläsern, urfreundlicher Art bei gleichzeitiger Autorität und Führungskompetenz, die wohl auch braucht, wer eine solche Einrichtung leitet. Sie hat ihr Büro im Erdgeschoss, rechts neben der Dusche und links neben dem Raucherzimmer. Hinter ihrem Schreibtisch hängen Poster mit optimistischen Kalendersprüchen an der Wand: „Am Ende wird alles gut, und wenn es nicht gut ist, ist es nicht das Ende.“

Viele trinken oder nehmen Drogen

Es ist später Nachmittag, und schon jetzt sind mindestens ein Dutzend Leute da. Trotzdem wird im Café nicht viel geredet. Aus dem Radio dudelt Popmusik, die nicht so recht zur Stimmung passen will — ein Mann mit Vollbart sitzt allein für sich und schaut ausdruckslos geradeaus, ein anderer isst noch still, wieder ein anderer hat die Arme verschränkt auf dem Tisch liegen, den Kopf darauf, er schläft. Dass viele Obdachlose Alkoholiker sind, sei nicht nur ein Vorurteil, sagen die Mitarbeiter. „Man hat es hier nicht ‚nur‘ mit Obdachlosen zu tun, sondern auch mit drogensüchtigen Obdachlosen oder psychisch kranken Obdachlosen“, sagt Jean-Luc Royé.

Er sei schon immer sozial engagiert gewesen, habe in integrativen Grundschulen oder im Altenheim gearbeitet, aber die Arbeit mit Obdachlosen sei mit Abstand am anspruchsvollsten. Er erzählt von einem Freddie, seit Ewigkeiten hier gewesen, „herzensgute Seele“, nur habe er eben immer „viel Scheiße erlebt“ — erst vor kurzem sei er an einer Überdosis gestorben, „Heroin, Kokain, was auch immer“.

Das Café Plattform sei dazu da, eine Brücke zu bauen, sagt Jean-Luc. Eine Brücke zurück in die Gesellschaft, für diejenigen, die aus der Gesellschaft gerutscht sind. Über die Brücke gehen müssen die Menschen aber selbst. Man dürfe den Menschen nicht von oben herab begegnen, dürfe sie zu nichts drängen, sagen hier alle Mitarbeiter. „Die Leute müssen selbst eingesehen haben, dass sie etwas verändern wollen“, sagt Jean-Luc. Wer zufrieden sei mit seiner Situation, so wie sie ist, bei dem bleibe sie eben so: „Der ist dann halt zehn Jahre im Plattform.“

Diese Worte meint der Sozialarbeiter nicht abfällig oder trotzig, sie klingen auch nicht abgestumpft. Es ist vielmehr die nüchterne Einsicht, dass das Hilfsangebot auch angenommen werden muss. Dass sich — so hat es Simone Holzapfel für sich formuliert — der Erfolg der eigenen Arbeit nicht danach bemisst, wie vielen sie aus ihrer Situation herausgeholfen hat. Manche schaffen es eben schneller über die Brücke als andere. Manche sind nur einige Nächte im Café Plattform. Andere sind jahrelang hier.

Jeder Mitarbeiter entwickelt seine eigene Methode, mit den Schicksalsschlägen der Besucher umzugehen. Eine sympathische Redseligkeit, ein paar flapsige Sprüche, das ist die Methode von Jean-Luc. „Es hilft oft, wenn man mit den Leuten ein paar Faxen macht“, sagt er. Die Faxen macht er gern mit Saif. Ob die Wurst aus Schweinefleisch sei, ruft der von draußen in die Küche. „100 Prozent Schweinefleisch“, antwortet Jean-Luc. Statt der Wurst legt er einfach ein paar mehr Kartoffeln auf den Teller.

Saif macht auch gern Sprüche. Der 31-Jährige hat jordanische Wurzeln, ist in Deutschland geboren, sagt er, und spricht mit holländischem Akzent. Er hat eine braune Cordjacke an und einen Schal umhängen, auf dem Rücken ein Rucksack aus Leder, im Gesicht ein Bartschatten. Vielleicht ist seine coole, spaßige Attitüde nur eine Abwehrstrategie. Als er nach dem Essen auf einer Parkbank am Veltmanplatz sitzt, ein paar Schritte vom Café entfernt, da wird er etwas ernster. Während er seine Geschichte erzählt, holt er den Tabak heraus und dreht sich eine Zigarette. „Ich wurde verarscht“, sagt er und nimmt einen Zug. Die Geschichte, die er dann erzählt, klingt wie ein Krimi.

Saif ist einsam. Seit zwei Monaten ist er nun im Plattform, aber die anderen Obdachlosen kenne er nur vom Sehen. Vertrauen habe er dort zu niemandem, sagt er. In seinem Kaffee, den er sich vorhin im Plattform gekauft hatte, schwimmt ein bisschen Asche. Mit einem Schwung kippt er die Tasse hinter sich.

Im Café Plattform ist Jean-Luc noch in der Küche beschäftigt. Er schwenkt gerade die leergegessenen Teller in der Spüle ab, als das Telefon klingelt. Während er telefoniert, räumt er mit der einen Hand das Geschirr in die Spülmaschine. „Spricht die Frau denn Englisch?“, fragt er in den Hörer. Das sei ein Pförtner der RWTH gewesen, sagt er nach dem Gespräch, dort sei gerade eine Frau aus Frankreich angekommen. Die Frau wolle gern in Deutschland arbeiten, aber habe keine Wohnung und spreche auch kein Deutsch. So hat Jean-Luc das verstanden.

Er solle die Frau vorbeischicken, hat er dem Anrufer gesagt.

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