Aachen: Café Plattform: Hemmschwellen abbauen, Beziehungen aufbauen

Aachen : Café Plattform: Hemmschwellen abbauen, Beziehungen aufbauen

Statt großer Reden werden am Freitag an der Hermannstraße 14 lieber griffige Grillgabeln, Bratwürstchen und Koteletts geschwungen — versprochen. Wie man das eben kennt, wenn es vor allem darum geht, fröhliche, aber im besten Sinne lockere Familienbande zu pflegen.

Und selbst wenn sich der Herr Ministerpräsident persönlich (egal ob hemdsärmelig oder mit Schlips und Kragen) einreiht in die muntere Gratulantenschar zum 30. Geburtstag, ist mit staatstragenden Inszenierungen keineswegs zu rechnen. Schließlich gehört Armin Laschet, da er das Café Plattform mit seiner Frau Susanne seit Jahr und Tag im höchst engagierten Förderkreis unterstützt, längst ebenfalls zur besagten Familie — dieweil der viel strapazierte Begriff rund um die Caritas-Einrichtung für Nichtsesshafte weit eher im ideellen als im traditionellen Zusammenhang zu verstehen ist.

„Man kann wirklich sagen, dass das Café Plattform, seit es Ende 1988 ins Leben gerufen wurde, für viele zur vorübergehenden Heimat geworden ist“, sagt Simone Holzapfel, die vor 16 Jahren die Leitung der Caritas-Einrichtung am Veltmanplatz übernommen hat. „Und das liegt sicher vor allem daran, dass wir die Menschen, die zu uns kommen, zunächst einmal so akzeptieren, wie sie sind.“

Damit ist das „Plattform“ dem Grundgedanken seiner Entstehung heute womöglich näher denn je: Praktische Unterstützung im Alltag und emotionale Zuwendung statt pädagogischer Patentrezepte haben sich Simone Holzapfel, ihre Kollegin Doris Hilbers sowie weitere acht fest angestellte und derzeit rund 20 ehrenamtliche Mitarbeiter auf die Fahnen geschrieben. Im Haus am Veltmanplatz wird viel gespielt und gelacht. Es gibt klare Regeln des Zusammenlebens, moralisierende Maßregelungen gehören nicht dazu. Längst geht es gleichwohl keinesfalls allein darum, Bedürftige mit warmen Mahlzeiten, Waschgelegenheiten und Schlafstellen zu „versorgen“ — auch wenn die 19 Betten im „Plattform“ praktisch permanent belegt sind.

Ein Sprung ins kalte Wasser

Dabei waren die ersten Jahre — wie so oft — auch dort sicher die schwierigsten. Weiß nicht nur Wolfgang Offermann, der den Sprung ins kalte Wasser der Obdachlosenbetreuung anno 1988 als junger Sozialarbeiter gewagt und die Einrichtung seinerzeit maßgeblich mit aus der Taufe gehoben hat. „Damals hatte sich sogar eine Bürgerinitiative gegründet. Viele Anwohner hatten große Befürchtungen, dass das gesamte Viertel erheblich leiden könnte“, erzählt er.

Mit Unterstützung zahlreicher Pfarren — allen voran der Gemeinde Heilig Kreuz — gelang es Offermann, Vertrauen zu gewinnen. „Beschwerden bekommen wir heute nur noch ganz selten“, betont seine Nachfolgerin Simone Holzapfel. Gemeinsam mit den Besuchern sorgen die Sozialarbeiter zum Beispiel dafür, dass der Park vis-à-vis in Ordnung gehalten wird, Trinkgelage im Umfeld sind ebenso tabu wie — generell — Alkohol oder andere Drogen im Café selbst. Massive Rückschläge blieben allerdings nicht aus. Anfang 1990 geriet das „Plattform“ mehrfach in die Schlagzeilen, nachdem dort innerhalb weniger Tage zwei junge Männer infolge Heroinkonsums starben. Kurz darauf wurde Offermann von einem Junkie mit einem Messer attackiert. Das Café musste für eine Woche schließen.

Weit verzweigtes Hilfsnetz steht

Inzwischen hat sich ein weit verzweigtes Betreuungsnetz etabliert, so dass die Helfer von der Hermannstraße ihren Schützlingen sehr häufig Wege zu weiterführenden Angeboten aus dem Teufelskreis von Sucht, Wohnungs- und Beschäftigungslosigkeit ebnen können. Denn ihre Klientel hat sich in den vergangenen Jahren durchaus verändert. „Seinerzeit ging es vor allem darum, sogenannten Stadtstreichern, meist älteren Männern mit massiven Alkoholproblemen, beizustehen“, erinnert sich Offermann. Mittlerweile, schätzt Simone Holzapfel, leiden ungefähr die Hälfte der Gäste im Plattform unter erheblichen psychischen Beeinträchtigungen.

Das habe auch damit zu tun, dass die „klassischen“ Kliniken seit einigen Jahren auf die Therapierung „akut“ Betroffener fokussiert sind — Patienten, die akzeptiert haben, dass sie medizinische Hilfe benötigen. „Bei uns“, betont Simone Holzapfel, „geht es vielmehr darum, persönliche Beziehungen aufzubauen. Denn unsere Gäste suchen vor allem die vertraute Atmosphäre, die es ihnen ermöglicht, der Einsamkeit zu entkommen.“ Und was läge da näher, als den 30. Geburtstag der „Familie“ namens Café Plattform auch mit möglichst vielen spontanen Gästen zu feiern? Ganz zwanglos, mit Kotelett, Würstchen und dem einen oder anderen Plausch statt feierlicher Fensterreden.

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