Bushof-Anwohner in Aachen klagen: Es passiert zu wenig

Sozialer Brennpunkt : Am Bushof geht es nur langsam voran

Um die schwierige Situation rund um den Brennpunkt Bushof in den Griff zu kriegen, wurde Heidemarie Ernst beauftragt, Netzwerkarbeit zu leisten und die Menschen aus dem Umfeld zusammenzubringen, um Verbesserungsideen zu erarbeiten und voranzubringen. Unter dem Motto „Gute Geschäfte am Bushof“ hat es nun ein weiteres Treffen gegeben.

„Geh’n Sie mal riechen!“ Heidemarie Ernst fordert zum Schnupperkurs auf. Rund um den Bushof, sagt sie, stinke es schon nicht mehr an allen Ecken und Enden so furchtbar nach Urin.

Heidemarie Ernst ist die „Kümmerin vom Bushof“. Seit einem halben Jahr tourt sie durchs Viertel. Sie ist die Ein-Frau-„Koordinationsstelle Bushof und Gebiet“, mit der die Stadt die vielen Probleme rund um den innerstädtischen Verkehrsknotenpunkt in den Griff bekommen will. Ihr Arbeitsfeld reicht weit über den Bushof hinaus. Es ist das die zentrale Peterstraße umfassende Gebiet Komphausbadstraße, Alexanderstraße, Gasborn, Promenadenstraße, Willy-Brandt-Platz und Blondelstraße.

Nach einem ersten Treffen in der VHS hat Heidemarie Ernst erneut Hunderte Geschäftsleute eingeladen. Unter dem Motto „Gute Geschäfte am Bushof“ soll es um gemeinsame Aktionen gehen. „Was können wir tun, wie aktiv werden?“ fragt sie. Fünfzehn Personen sind in den Konferenzsaal des „Novotel“ gekommen. Keine berauschende Zahl, da ist noch Luft nach oben. Heidemarie Ernst ist dennoch zufrieden. Es sei ein Anfang.

Drei große „S“ – Sicherheit, Sauberkeit, Soziales – hat sich die Kümmerin auf ihre Fahne geschrieben. Für alle drei Aufgaben findet sie am image-geschädigten Bushof „schwierige und schwierigste Bedingungen“ vor. Eine „große Hilflosigkeit“ bei Behörden, inklusive Polizei, hat sie ausgemacht.

Die durch Drogen- und Alkoholsüchtige und Obdachlose für alle Bürger unzumutbar gewordene Lage ist vielfach beschrieben. Einige Anwohner schildern dennoch noch einmal ihre Nöte, Sorgen, Ängste. Betrunkene in Hauseingängen und Toreinfahrten, Bier- und Schnapsflaschen, Spritzen und verspritztes Blut der Junkies. Tagtäglich. „Das macht uns kaputt“, sagt verbittert ein Herr aus der Heinrichsallee, die längst hineingeraten ist in den Sog aus Drogen, Dreck und Suff. Eine Mieterin berichtet, wie sie telefonisch die Polizei um Hilfe gerufen und nicht gerade feinfühlig den Rat erhalten habe, „dann ziehen Sie doch aus!“.

Die Runde appelliert an „die Politik“. Die müsse „mehr Interesse zeigen und mehr Geld ausgeben“. In Aachen werde „ständig etwas entwickelt, aber es passiert nix“. Bis beispielsweise fürs Viertel zugesagte Blumenbeete angelegt seien, vergehe ein Dreivierteljahr. Öffentliche Toiletten fehlten. Die „Dauerbaustelle Alexanderstraße“ komme und komme nicht voran.

„Wir erwarten von der Politik, dass sich etwas bewegt“, sagte auch „Novotel“-Chefin Sabine von der Wolf. Die Situation ihres Hotels steht beispielhaft für viele Geschäfte im Viertel: Mögen die Gäste das moderne Haus noch so sehr rühmen, rümpfen sie aber die Nase über „die schmuddelige Umgebung und buchen woanders“. Das sei „auch für die Stadt nicht gut“. Seit sieben Jahren kämpfe sie gegen die Missstände an.

Nicht nur Klagen werden angestimmt an diesem Abend. Der Blick richtet sich nach vorn. Der alle begeisternde Einsatz von Frau Ernst wirke sich schon aus. Streetworker seien schnell zur Stelle und brächten „wirklich Ruhe“. „Es ist schon etwas besser geworden“, lobt eine junge Frau. Ein „Aktionstag Bushof“ ist für November geplant. Ein „Stadtteil-Management“ wird angeregt. Ein „Stammtisch“ könnte Strategien entwickeln, wie der Handel am Bushof „mit positiven Nachrichten“ weiterkommen könne: mit „niveauvollen Aktionen jeden Monat“ etwa oder mit einem großen Straßenfest in der Alexanderstraße.

Es geschieht genau das, woran eingangs Herbert Kuck an die Geschäftsleute appelliert hatte. Kuck ist bei der Stadt im Fachbereich Wirtschaft für den Einzelhandel verantwortlich. Der Handel stehe vor einem gewaltigen Strukturwandel, sagt er. Dem müsse er sich stellen, wobei er das Wort „Einzel“ streichen und „mehr miteinander sprechen und kooperieren“ müsse.

So wie es an diesem Abend auch geschieht. „Macht weiter, es ist gut, dass wir Kontakte untereinander knüpfen!“ fordert denn auch eine junge Frau. „Novotel“-Chefin von der Wolf nimmt mit „das wichtige Gefühl: Wir sind nicht allein“. Heidemarie Ernst hat als nächsten Schritt für Mitte September einen Runden Tisch einberufen: Experten der Sucht- und Wohnungslosenhilfe beraten die Lage am Bushof. „Es gibt noch keine Entwarnung, es ist noch viel zu tun“, sagt die umtriebige Kümmerin.

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