Bund zahlt weitere 400.000 Euro an die Städteregion

Projekt wird um zwei Jahre verlängert : Es bleibt noch viel Arbeit für die Bildungskoordinatoren

Die Rechnung scheint einfach: Weniger neue Flüchtlinge gleich weniger Aufwand für die Integration. Soweit die Theorie. In der Praxis aber ist das offenbar deutlich komplizierter.

Und immer wieder gibt es die Erkenntnis: Diese Rechnung geht nicht auf. Sascha Derichs, Leiter des städteregionalen Bildungsbüros, ist deshalb heilfroh, dass die drei Bildungskoordinatoren ihre Arbeit fortsetzen können. Seit zwei Jahren unterstützen sie in der Stadt und im Altkreis Aachen Menschen, die sich ehrenamtlich oder beruflich für die Integration von Zugewanderten einsetzen. Gut 400.000 Euro und damit die kompletten Personalkosten hat das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) seit Ende 2016 übernommen. Für die kommenden zwei Jahre stellt es nun noch einmal dieselbe Summe zur Verfügung. „Das versetzt uns in die Lage, die vielen jungen Menschen, die in den vergangenen Jahren in die Städteregion gekommen sind, weiter auf ihrem Integrationsweg zu begleiten“, stellt Sascha Derichs fest.

„Die Bildungsbiografien von Flüchtlingen sind in den Hintergrund der öffentlichen Wahrnehmung gerückt“, weiß Heinrich Brötz. Das bedeute aber keinesfalls, dass der Unterstützungsbedarf zurückgegangen sei. „Die jungen Menschen sind jetzt in unserem System, aber sie benötigen nach wie vor unsere Hilfe“, unterstreicht der Leiter des Fachbereichs Kinder, Jugend und Schule bei der Stadt Aachen. Das sei qualitativ wie quantitativ eine Herausforderung: „Alleine in Aachen sind seit dem Herbst 2015 so viele junge Menschen angekommen, wie eine komplette Gesamtschule aufnehmen kann.“

Ein Schwerpunkt mit ganz hoher Priorität in der Arbeit der drei Bildungskoordinatoren bleibt der Spracherwerb. „Es ist enorm wichtig, dass eine kontinuierliche Sprachförderung von der Grundschule bis zum Übergang von der Schule in den Beruf gewährleistet werden kann“, betont Ricarda Albrecht. „Deshalb arbeiten wir eng mit der Schulaufsicht, den kommunalen Integrationszentren und den pädagogischen Fachkräften zusammen.

Weil das Lernen von Sprache nicht nur auf den Unterricht beschränkt bleiben soll, unterstützen die Bildungskoordinatoren auch außerschulische Angebote. Jüngstes Beispiel sind die Schwimmkurse für Jugendliche, die in Zusammenarbeit mit dem Regiosportbund in Eschweiler, Stolberg und Simmerath angeboten werden bzw. wurden. „In solchen Kursen wie auch in Vereinen knüpfen die Geflüchteten Kontakte zu Einheimischen. Das kommt nicht nur der Sprachkompetenz zugute, sondern hilft ihnen auch, sozialen Anschluss zu finden“, berichtet Albrecht. „Viele junge Flüchtlinge fühlen sich in ihrer neuen Heimat allein. Wir suchen deshalb gemeinsam mit unseren Partnern nach Möglichkeiten, ihnen das Gefühl der Vereinsamung und Isolierung zu nehmen.“

Jan Röder kümmert sich vornehmlich um den Übergang von der Schule in den Beruf. Und dabei hat er ein weiteres Aufgabenfeld ausgemacht: „Das Alltagsdeutsch ist oftmals schon sehr gut. Aber viele Flüchtlinge haben Probleme, dem Unterrichtssoff in den Berufskollegs zu folgen, weil sie die Fachsprache nicht verstehen.“ Drei städteregionale Berufskollegs haben darauf – mit Unterstützung der Bildungskoordinatoren und in Kooperation mit der Sprachenakademie Aachen – reagiert: An der Mies-van-der-Rohe-Schule, dem Berufskolleg für Gestaltung und Technik und an der Käthe-Kollwitz-Schule werden mittlerweile Arbeitssprachkurse angeboten.

Auch an diesem Beispiel lasse sich gut aufzeigen, wie das von den Bildungskoordinatoren aufgebaute und gepflegte Netzwerk funktioniere, findet Sascha Derichs: „Wenn wir Handlungsbedarf erkennen, beginnen wir mit der Suche nach Projektpartnern, die ihre Kompetenzen und möglicherweise auch Finanzierungsmöglichkeiten einbringen können.“ Dass diese Suche häufig von Erfolg gekrönt ist, führt Heinrich Brötz auch auf die ausgeprägte Hilfsbereitschaft der Menschen in Stadt und Altkreis zurück. „Wir haben eine sehr starke Zivilgesellschaft in der Städteregion. Das ist längst nicht überall so.“

Die Bildungskoordinatoren wollen sich das im Sinne der Flüchtlinge auch in Zukunft zunutze machen – mindestens bis zum Ablauf der jetzt verlängerten Förderung am 31. November 2020. Aber am liebsten darüber hinaus. Denn, da ist Sascha Derichs ganz sicher: „Auch wenn die Zahl der geflüchteten Menschen zurückgegangen ist, ist das Thema Integration noch lange nicht abgeschlossen.“

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