Aachen: Bürgerstiftung präsentiert packendes Werk zur Befreiung Aachens 1944

Aachen: Bürgerstiftung präsentiert packendes Werk zur Befreiung Aachens 1944

„Im Bunker erinnere ich mich auch an ein altes Ehepaar, ,Oma und Opa Stern‘, das waren Juden. Und die durften ja eigentlich gar nicht in den Schutzbunker. Aber wir... spürten als Knirpse schon, dass es um Leben und Tod ging — und so setzten wir uns immer direkt neben die beiden, nahmen sie in die Mitte, als wären es unsere Großeltern... Die beiden haben das ganze Grauen überlebt!“

So schildert es einer, der später, in viel glücklicheren Zeiten, quasi in die Fußstapfen einer der tragischsten Figuren der Stadtgeschichte treten sollte. Kurt Malangré ist einer von 15 Aachenern, die in der soeben erschienenen Dokumentation „70 Jahre Frieden und Freiheit in Aachen“ von Erlebnissen während der letzten Tage des Zweiten Weltkriegs in ihrer Heimatstadt erzählen. Malangré war damals zehn. 35 Jahre später sollte er dem noch 1945 von NS-Schergen ermordeten Franz Oppenhoff auf den Stuhl des Oberbürgermeisters folgen.

70 Jahre nach der Befreiung der ersten deutschen Großstadt von Terror und unvorstellbarer Gewalt schreibt die Schülerin Semiha Kather: „Frieden bedeutet für mich menschliche Sicherheit: ein menschenwürdiges Leben für alle, ohne Hunger und Not, mit Toleranz gegenüber dem anderen. Frieden bedeutet für mich auch, aus dem Haus gehen zu können, wann ich will, ohne Angst zu haben, ob die Sirenen heulen oder die Straßen bombardiert werden...“

Am 21. Oktober 2014, in genau einer Woche, punkt 12.06 Uhr, werden nicht Sirenen heulen, sondern Kirchenglocken klingen. „Wir wollen so an die Ereignisse jenes 21. Oktober 1944 erinnern, als Oberst Gerhard Wilck exakt zu dieser Stunde die Kapitulation unterzeichnete“, sagte Hans-Joachim Geupel, Vorsitzender der Bürgerstiftung Lebensraum Aachen, bei der Präsentation des 260 Seiten umfassenden Werkes im Rathaus. Es zieht seinen Leser sofort in den Bann. Weil es nicht nur Fakten in den Fokus rückt, nicht nur Zahlen und Hintergründe, die von Dr. René Rohrkamp, designierter Leiter des Stadtarchivs, und Dr. Peter M. Quadflieg neu geordnet und analysiert werden. Sondern weil es auch Emotionen Raum gibt, persönlichen Perspektiven, weil es den Blick freigibt in die Herzen, Köpfe, in die Keller der zerbombten Häuser. Und weil es Brücken schlägt zwischen Generationen und Völkern, die sich einst als erbitterte Feinde gegenüberstanden.

Stundenlange Interviews, die Martin Borgmann für die Stiftung mit Überlebenden geführt hat, sind zu packenden Berichten über die heute unvorstellbaren Erlebnisse der Zeitzeugen komprimiert. Texte von Schülern aus der Region und der US-Partnerstadt Arlington geben Antworten auf die Frage, was Frieden und Freiheit jungen Menschen heute bedeuten, was sie überhaupt darunter verstehen, wie sie sie erleben und vielleicht verteidigen.

Abgerundet wird das beeindruckende Buchprojekt durch historische Bilder der zerstörten Stadt, denen Fotograf Andreas Herrmann zeitgenössische Impressionen gegenüberstellt, sowie teils faszinierende Illustrationen von Jugendlichen — unter anderem Flüchtlingen aus dem Hilfszentrum Maria im Tann —, die den Blick weit über den Tellerrand des Talkessels lenken. Denn: „Auch und gerade heute sind wir konfrontiert mit Krieg und Leid in vielen Ländern“, sagte Kämmerin Annekathrin Grehling, die die ersten Exemplare der frisch gedruckten Anthologie stellvertretend für OB Marcel Philipp in Empfang nahm. „Und wir sind gefordert, den Opfern Hilfe zu leisten — auch hier, in unserer Stadt.“

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