Aachen: Bürgerservice: Vom Regen in die Traufe

Aachen : Bürgerservice: Vom Regen in die Traufe

Lucia Zestermann macht ein Gesicht wie drei Tage Schmuddelwetter. Das passt nicht nur zum notorischen Guss von ganz oben. Die Stadt, so scheint es, ist in Sachen Dienstleistung vom Regen in die Traufe geraten. An diesem tristen Mittwochmittag hängen beim Bürgerservice am Bahnhofplatz rund 60 Menschen in der Warteschleife.

Die wenigen Sitzplätze im Foyer reichen längst nicht für jeden. „Ich warte schon über eine Stunde, um meinen Personalausweis zu verlängern“, erzählt Frau Zestermann. „Und die ganze Zeit über waren hier höchstens zwei Schalter besetzt, oft sogar nur einer.“ Zum Glück sei sie gemeinsam mit einer Freundin gekommen. „Die ist gerade draußen, den nächsten Parkschein ziehen...“ Der kleine Terminal am Eingang zeigt eine aktuelle Wartezeit von 102 Minuten an.

„Ich stehe mir hier dauernd die Beine in den Bauch“: Schildermacher Lars Weggen erlebt die Staus im Straßenverkehrsamt fast täglich. Foto: Michael Jaspers

Dabei hatte die knappe Personaldecke beim Bürgerservice bereits vor wenigen Wochen nicht nur zahlreichen Bürgern, sondern auch der Politik eine veritable Verschnupfung beschert. Zeitweise musste die Dienststelle am Katschhof mangels Mitarbeitern sogar dichtmachen. Abhilfe, hieß es, müsse umgehend geschaffen werden. Von effektiven Verbesserungen kann zumindest zurzeit allerdings keine Rede sein. „Am Dienstag war hier richtig die Hölle los“, berichtet ein Mitarbeiter am Katschhof. Bis zu zweieinhalb Stunden mussten die Bürger ausharren, bevor ihre Wartenummer auf dem Bildschirm aufblinkte. Wer einen neuen Pass beantragen wollte oder ein anderes Anliegen hatte, musste neben den entsprechenden Unterlagen vor allem eines mitbringen: Geduld.

Märkchen ziehen und ab auf die Wartebank: Die Stadt spricht von einem „extremen und außergewöhnlichen Andrang“ beim Bürgerservice. Foto: Michael Jaspers

50 Minuten Wartezeit stellt die Digitalanzeige am Mittwoch um kurz vor 12 Uhr in Aussicht. Eine kurze Momentaufnahme, denn nur zwei Stunden später hat sich allein am Katschhof die Wartezeit mit zwei Stunden und 22 Minuten wieder mehr als verdoppelt. „So sieht seit Wochen der Alltag aus“, sagt eine Mitarbeiterin.

Rita Klösges vom städtischen Presseamt spricht unterdessen von einem „extremen und außergewöhnlich hohen“ Andrang dieses Jahr zum Ferienbeginn. Viele Menschen merkten kurzfristig, dass ihr Reisepass doch nicht mehr gültig sei, und stürmten sodann kurz vor Abflug in den Bürgerservice. Laut Verwaltung sind es an einem Mittwoch bis zu 800 Personen, die die beiden Standorte in der City aufsuchen. Insgesamt 20 Mitarbeiter bearbeiten dort die Anliegen. Sorgen personelle Engpässe wegen der Ferienzeit für die enormen Wartezeiten? „Nein“, sagt Klösges. Nur „wenige Mitarbeiter“ seien in diesem Verwaltungsbereich derzeit im Urlaub.

Nach dem Chaos im Frühjahr kündigte die Stadt ein ganzes Bündel an Maßnahmen an, um die Misere im Bürgerservice zu beenden. Inzwischen wurden drei bisherige Auszubildende dem Bürgeramt zugeteilt. Derzeit werden sie für den Fachbereich fit gemacht. Doch von der Topform, murren aktuell unzählige betroffene Bürger im Wartebereich, ist die Stadt im Sommer 2014 noch meilenweit entfernt.

Brief an OB und Städteregionsrat

Nicht besser stellt sich die Situation seit etlichen Wochen im Straßenverkehrsamt der Städteregion am Aachener Kreuz dar. „In den vergangenen Tagen haben hier teils bis zu 150 Leute in den Warteschlangen gestanden“, berichtet Lars Weggen, der sein Geschäft für Kfz-Kennzeichen in Eilendorf betreibt. „Wenn ich Fahrzeuge von Kunden an- oder abmelde, stehe ich mir selbst oft die Beine in den Bauch; die Kollegen, die ihre Läden hier im Haus haben, klagen schon, dass sie jede Menge Überstunden fahren müssen“ — vor allem weil sie selbst immer wieder warten müssten, bis die Kunden schließlich bei ihnen ankämen. „Ich habe OB Philipp und Städteregionsrat Etschenberg sogar persönlich angeschrieben mit dem Hinweis, dass zum Beispiel im Kreis Rhein-Neuss inzwischen eine eigene App fürs Handy angeboten wird, über die man die aktuellen Wartezeiten abrufen kann“, erzählt Weggen. „Die sind dafür sogar bei einem Ideenwettbewerb ausgezeichnet worden.“

Das Problem, beteuert Detlev Funken, Pressesprecher bei der Städteregion, sorge allerdings bis hin zur Verwaltungsspitze für Kopfzerbrechen. Städteregionsrat Helmut Etschenberg gehe die Situation „sehr nahe“, sagt er. „Denn eine prompte Lösung können wir auch nicht aus dem Hut zaubern — aber wir arbeiten bereits daran.“ Infolge hoher Krankenstände und Urlaubszeit sei das Personal um fast die Hälfte reduziert. Von 24 Vollzeitstellen seien am Montag zum Beispiel 10,5 nicht besetzt gewesen. „Allerdings haben wir bereits drei neue Kräfte bereitgestellt. Aber es dauert drei Monate, bis die eingearbeitet sind.“ Hinzu komme, dass der bürokratische Aufwand und der Beratungsbedarf durch jüngste EU-Vorschriften zur Einziehung der Kfz-Steuern insbesondere bei Großkunden erheblich gewachsen seien. Und: „Die Zahl der Kunden in der Zulassungsstelle ist innerhalb von zwei Jahren um rund zehn Prozent gestiegen.“ Eine Handy-App nach dem Vorbild vom Niederrhein sei überdies im Dreiländereck derzeit nicht finanzierbar. Funken: „Das würde eine fünfstellige Summe kosten, die unsere Ressourcen in diesem Bereich derzeit einfach übersteigt. “

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