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Kritik aus der SPD: Bremsen die städtischen Chefplanerinnen den Wohnungsbau?

Kritik aus der SPD : Bremsen die städtischen Chefplanerinnen den Wohnungsbau?

Der SPD-Planungspolitiker Norbert Plum befürchtet, dass weniger Wohnungen gebaut werden, weil die Ansprüche im Planungsamt immer höher werden. Er findet: „Es muss nicht alles in Architekturzeitschriften veröffentlicht werden.“

Gerät der Wohnungsbau ins Stoppen, weil die Planungsprozesse immer anspruchsvoller werden? Diese Befürchtung hat der planungspolitische Sprecher der SPD, Norbert Plum. Er plädiert dafür, die städtebaulichen Anforderungen an neue Bauprojekte nicht immer weiter nach oben zu schrauben, weil dies mögliche Investoren verschrecken könne. „Es gibt bei Planungsprozessen nicht nur die Kür, sondern auch die Pflicht“, sagt er. Wer mehr Wohnraum wolle, müsse einfacher bauen und nicht alles immer komplizierter machen, meint er.

Plum beruft sich dabei auf eine von der Verwaltung vorgelegte Statistik über die Zahl der in Kraft getretenen Bebauungspläne und der in diesem Zusammenhang geschaffenen neuen Wohneinheiten in den zurückliegenden zehn Jahren. Die Angaben seien alarmierend, findet Plum. Denn während die Zahl neuer Wohneinheiten bis einschließlich 2018 stets durchgehend im dreistelligen Bereich lag (zwischen 125 und 770), wurden 2019 (30) und 2020 (95) nur noch zweistellige Werte erreicht. Und im vergangenen Jahr zielte kein einziger Bebauungsplan auf den Bau neuer Wohnungen ab.

„Diese Zahlen sprechen für sich“, findet Plum, „dafür muss es ja einen Grund geben.“ Seine Analyse verbindet er mit einer schwer überhörbaren Kritik an der Vorgehensweise der Verwaltung unter Leitung von Planungsdezernentin Frauke Burgdorff und Fachbereichsleiterin Isabel Strehle. Beide nennt Plum zwar nicht namentlich, beide haben jedoch 2019 beziehungsweise 2020 ihr Amt in Aachen angetreten und einen neuen Stil in die Verwaltung gebracht.

 SPD-Politiker Norbert Plum übt Kritik an den Planungsprozessen der Aachener Verwaltung. Wer mehr Wohnraum wolle, sagt er, müsse einfacher bauen.
SPD-Politiker Norbert Plum übt Kritik an den Planungsprozessen der Aachener Verwaltung. Wer mehr Wohnraum wolle, sagt er, müsse einfacher bauen. Foto: Claudia Fahlbusch

Dazu gehörte es auch, dass einige bereits in Gang gesetzte Planverfahren gestoppt und neugestartet wurden. Am Auffälligsten wurde dies etwa am Büchel praktiziert, wo vor zweieinhalb Jahren alle bis dahin gemachten Überlegungen auf Null gesetzt wurden und ein völlig neues Verfahren in Gang gesetzt wurde, das inzwischen in ein allseits hochgelobtes Konzept unter dem Oberbegriff „Wiese“ gemündet ist.

Die stadtplanerischen Erfolge solcher Werkstattverfahren und Wettbewerbe und auch die Einbindung renommierter Büros und Ideengeber sind unbestritten. Dagegen hat auch Plum wenig einzuwenden. „Aber es muss ja nicht alles so gemacht werden, damit es auch in Architekturzeitschriften veröffentlicht werden kann.“ Der reine Wohnungsbau könnte an vielen Stellen der Stadt „einfacher“ sein. „In der Vergangenheit wurde ja auch gebaut, und das war nicht alles schlecht.“

Ob er mit diesen Überlegungen, die er am Donnerstag auch im Planungsausschuss vorbringen will, bei seinen Kolleginnen und Kollegen Gehör findet, bleibt abzuwarten. Die neue planungspolitische Sprecherin der Grünen, Maria Dörter, macht bereits deutlich, dass sie eine andere Sichtweise hat. Schon der Ausblick auf die kommenden Jahre zeige, dass der Wohnungsbau wieder Schwung aufnehme.

Allein in diesem Jahr sollen neun Bebauungspläne in Kraft treten, mit denen der Bau von mehr als 800 neuen Wohnungen verbunden ist. „Das ist eine gute Botschaft.“ Auch hält sie die vorgelegte Statistik für nur begrenzt aussagekräftig, weil viele Neubauten unberücksichtigt bleiben, die unabhängig von Bebauungsplänen errichtet werden.

Klar sei jedoch auch, dass der Wohnungsbau in Aachen wie in vielen anderen Städten insbesondere im preiswerten Segment den Bedarf seit Jahren nicht erfüllen kann. Damit einher gehe immer auch die Frage, welche Anforderungen man den Investoren aufbürden könne. Weil es im Stadtgebiet für die künftige Entwicklung nur noch wenige Restflächen gebe, müsse man mit diesen Grundstücken  „wertschätzend“ umgehen, wirbt sie für hohe städtebauliche Qualitätsstandards nicht nur in der Innenstadt, sondern auch in den Stadtbezirken.

Ähnlich sieht es ihr Parteifreund Johannes Hucke, der am Donnerstag erstmals den Vorsitz im Planungsausschuss übernehmen wird. Den „Kulturwandel“, für den Burgdorff und Strehle stehen, unterstützt er ausdrücklich. Sie würden nicht nur auf das jeweilige Einzelprojekt schauen, sondern immer auch die „übergreifende Wirkung“ der Neubauprojekte mitbeachten. „Damit haben sie gute Ergebnisse erzielt“, ist Hucke überzeugt und verweist etwa auf den neuen FH Campus an der Eupener Straße, der ebenfalls zu jenen Flächen zählt, die auf Betreiben der städtischen Chefplanerinnen eine Extrarunde drehen mussten.

Dass sich hohe Qualitätsansprüche gut mit Wohnbau vertragen, zeige laut Dörter auch ein geplantes Neubaugebiet in Lichtenbusch, das der Investor „gemeinschaftlich“ mit der Verwaltung entwickelt habe: „Das Grundstück wird jetzt viel besser genutzt, es entsteht mehr Wohnraum und es hat trotzdem eine hohe städtebauliche Qualität.“