Aachen: Botschafter erinnert an die Anfänge des Schüleraustauschs

Aachen: Botschafter erinnert an die Anfänge des Schüleraustauschs

Der Reimser Bürgermeister Jean Taittinger und der Aachener Oberbürgermeister Hermann Heusch unterzeichneten am 28. Januar 1967 eine Pergamenturkunde zur Städtepartnerschaft, französisch Jumelage.

Dies war der Abschluss einer längeren Entwicklung und Ausdruck einer europäischen Hoffnung. Walter von den Driesch, Botschafter der Bundesrepublik Deutschland in Cotonou-Benin in Westafrika ist gebürtiger Aachener und besuchte zu der Zeit das Rhein-Maas-Gymnasium. Er gehörte zu den ersten Schülern, die im Rahmen der Partnerschaft die französische Stadt besuchen durften. Er hat uns einen Erinnerungsbericht geschickt im Wortlaut:

Ich bin nicht wenig stolz darauf, schon ein oder zwei Jahre darauf als Schüler des Rhein-Maas-Gymnasiums im Rahmen einer Klassenfahrt, organisiert von den Herren Dr. Schipperges (Aachen) und Dr. Dienne (Reims), mit dem Zug in der ehrwürdigen Aachener Partnerstadt gewesen zu sein. Vorbereitet von Mlle Dienne, Tochter von Dr. Dienne, die am RMG hospitierte.

Die erste Französin, die wir Tertianer leibhaftig sahen. Natürlich auch in den Taittinger-Champagnerkellereien („nur einen winzigen Schluck“, aus einer „flûte“), in der Salle de la Reddition (wo am 7. Mai 1945 die erste Kapitulationsurkunde unterzeichnet worden war, bevor das in Berlin Karlshorst der Russen wegen wiederholt wurde. Aber was wussten wir 13-Jährigen, wer überhaupt „Keitel“ war?. Im Hôtel de Ville de Reims (ich wunderte mich, dass das eben kein Hotel war; in den „Etudes françaises“ hieß Rathaus lediglich „mairie“), natürlich auch in der gotischen Kathedrale mit dem lächelnden Engel (Sourire de Reims) und der Skulptur der streitbaren Jungfrau von Orleans davor (die in den Klett‘schen „Etudes françaises“ ausgerechnet zur Einführung des Passé simple herangezogen worden war: „Jeanne d‘Arc naquit à Domrémy, en Lorraine“) und in der wunderbaren romanischen Basilika St. Rémy mit dem großen Radleuchter.

Sehr beeindruckt haben mich die gerahmten Fotos der Gefallenen zweier Weltkriege aus der Familie in der Küche (!) meiner Gastfamilie. Wir kamen nie darauf zu sprechen. Ich hätte mich auch nicht darüber unterhalten können, weil mir buchstäblich die Wörter fehlten. Aber ich bemerkte, dass meine Gasteltern sehr wohlwollend sahen, dass ich sie mir anschaute. Glücklicherweise hatten meine Eltern mir eingeschärft, auf französische Empfindsamkeiten Rücksicht zu nehmen und einzugehen.

Interessant fand ich auch die Mahlzeiten: separater Fleisch- und Gemüsegang nacheinander, also keine Gemüse-“Beilage“. Merkwürdig, dass man sich innerhalb der Gastfamilie nach nicht ganz durchschaubaren Regeln siezte. Für einen Jungen sprachlich bemerkenswert, dass man entgegen den Vorgaben aus den „Etudes françaises“ bei „jeunes filles“ das Adjektiv unbesorgt weglassen konnte; das „jeune“ in diesem Zusammenhang war damals schon irgendwie „out“. Überhaupt habe ich meinen pubertären Wortschatz im Freibad von Reims stark erweitert. Die damalige Reims-Fahrt hat sicherlich „sub-liminal“ zu meiner Berufswahl mit beigetragen. Ich bin ehr dankbar dafür. Vor allem auch Dr. Schipperges.

Wann immer ich an einen neuen Dienstort versetzt wurde, galt mein erster Antrittsbesuch stets dem französischen Kollegen. Und das wurde immer sehr positiv wahrgenommen. Und die Französische Grammatik von Klein-Strohmeyer steht auch hier in Benin auf meinem Schreibtisch. Und natürlich das von Dr. Schipperges angewandte, geheimbündlerisch anmutende Werk „Übungen zu den wichtigsten Kapiteln der französischen Grammatik“. Der reine Horror. Aber es steht alles drin.

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