Aachen: Berufsorientierung: „Eine bewährte Bildungskette wird gesprengt“

Aachen: Berufsorientierung: „Eine bewährte Bildungskette wird gesprengt“

Silvia Friese vom Sozialwerk Aachener Christen macht einen guten Job in Sachen Jobs. Daran zweifelt eigentlich niemand; schon gar nicht die zahlreichen Pennäler aus Drimborn und deren Lehrer, allen voran Matthias Fischer, seines Zeichens Berufswahlkoordinator an der dortigen Gemeinschaftshauptschule, und dessen Chefin Annett Koch-Thoma. Letztere spricht daher sogar von einem „kleinen Skandal“.

Denn auf Veranlassung der Agentur für Arbeit (AfA) in Düsseldorf solle ein bewährtes Kooperationsmodell zwischen insgesamt sieben Aachener Schulen und diversen Qualifikationsträgern zum kommenden Herbst kurzerhand beendet werden.

Hintergrund: Die sogenannte Berufseinstiegsbegleitung für (potenzielle) Azubi mit besonderem individuellen Förderbedarf ist von der AfA jüngst neu ausgeschrieben worden. Den Zuschlag erhielten jedoch nicht etwa die bisherigen regionalen Partner — neben dem Sozialwerk sind dies die städtische Jugendberufshilfe, die Handwerkskammer sowie Lowtec und In Via.

Künftig soll vielmehr die Deutsche Angestellten-Akademie GmbH die individuelle Betreuung der Jugendlichen übernehmen. „Damit“, wettert Fischer, „wird die über Jahre gewachsene kontinuierliche Zusammenarbeit auf einen Schlag und über die Köpfe aller bislang Beteiligten in Stadt und Städteregion hinweg zunichte gemacht.“

Im Schulterschluss mit seinen Kollegen von der Gesamtschule Brand, der Heinrich-Heine-Gesamtschule sowie den Hauptschulen Kronenberg und Aretzstraße und zwei Aachener Förderschulen fordert der Pädagoge daher jetzt, dass das erfolgreiche Kooperationsmodell in der bisherigen Form fortgesetzt wird.

Denn Silvia Friese und deren Kollegen seien eben nicht einfach per Federstrich durch wahrscheinlich schlechter bezahlte Kräfte zu ersetzen, argumentiert auch Günther Glenewinkel, für die Berufsorientierung zuständiger Lehrer an der Brander Gesamtschule. „Im Laufe der Zeit haben die Schüler ein Vertrauensverhältnis zu den externen Partnern entwickelt“, unterstreicht Fischer.

Deren Bilanz dürfe ohnedies als hervorragend bezeichnet werden. So würden allein in Drimborn rund 50 Prozent der permanent etwa 20 Neun- und Zehntklässler, die allwöchentlich in den Genuss der dreijährigen Förderung kämen, erfolgreich und nachhaltig in geeignete Lehrstellen vermittelt und dort ein Jahr lang weiter intensiv begleitet — die Quote der erfolgreichen Berufseinsteiger sei im Gesamtdurchschnitt an der GHS allenfalls halb so hoch.

„Während allseits von der Bedeutung verlässlicher Bildungsketten geredet wird, wird hier ein gut funktionierendes Modell zerstört, indem ein zentrales Bindeglied aus der Kette herausgesprengt und durch ein preisgünstigeres ersetzt wird“, kritisieren die Lehrer daher in einer Stellungnahme — und weisen darauf hin, dass sie — auch mit Unterstützung des städteregionalen Bildungsbüros — gegebenenfalls bis hin zu den höchsten Landesebenen für eine Fortsetzung der bewährten Zusammenarbeit kämpfen wollen.

Denn auch die Verantwortlichen bei der örtlichen Schulaufsicht und der Bundesagentur in Aachen hätten erst vor kurzem überhaupt Kenntnis von der Neuvergabe erhalten.

Matthias Elvenkemper, Leiter des zuständigen „Regionalen Einkaufszentrums“ bei der Afa in Düsseldorf, weist die Vorwürfe auf Anfrage allerdings mit Nachdruck zurück. „Alle Schüler, die aktuell an dem Projekt beteiligt sind, werden ja weiter durch die bisherigen Kooperationspartner betreut“, betont er.

Der Vertrag mit dem Trägerverbund laufe schließlich noch bis Mitte 2017 und sei inzwischen bereits vier Mal verlängert worden. Und: „Der Kostenaspekt hat bei der Neuvergabe keineswegs im Mittelpunkt gestanden. Wir prüfen die uns vorgelegten Konzepte im Rahmen der Ausschreibung sehr genau und in enger Zusammenarbeit mit Experten der Bundesagentur vor Ort — und die achten darauf, dass diese Konzepte auch langfristig umgesetzt werden.“