Aachen: Bekommt Burtscheid eine Super-Rehaklinik für 100 Millionen Euro?

Aachen : Bekommt Burtscheid eine Super-Rehaklinik für 100 Millionen Euro?

Wolfgang K. Hoever will zum Ende seiner Karriere noch mal so richtig einen raushauen. Sagt er. Er hat eine Vision. Was dann auch prima zum Slogan der Inoges AG passt, deren Vorstandschef er ist. Der lautet nämlich: „Am Anfang steht immer eine Vision.“ Der gelernte Sportphysiotherapeut, Heilpraktiker, Masseur und medizinische Bademeister hat aber nicht nur eine Vision.

Er hat auch ganz klare Vorstellungen davon, wann sie Realität sein soll: „Wir sprechen über einen Zeitraum von vier Jahren.“ Damit verbunden: laut Hoever Investitionen von bis zu 100 Millionen Euro und bis zu 250 neue Jobs. Die Frage ist: Wo wird die Vision Realität? An einem einzigen Standort in Burtscheid? An zwei Standorten in Burtscheid und in Bardenberg? Oder ganz ohne Burtscheid?

Große Pläne: Wolfgang K. Hoever (l.) und Reinhard Strauch wollen das Schwertbad groß ausbauen. Die Frage ist: wo? Foto: Harald Krömer

„Zukunftsarbeit vernachlässigt“

Die Rede ist vom Schwertbad, eine der traditionsreichsten Kur- und Rehakliniken Deutschlands. 2015 stand sie mit ihren damals 250 Mitarbeitern wirtschaftlich auf der Kippe. „Das Schwertbad war damals auf Tradition ausgerichtet, aber man hatte die Zukunftsarbeit vernachlässigt“, sagt Hoever rückblickend. Die Inoges AG übernahm die „Patientin im Beatmungszustand“, wie es der Vorstandsvorsitzende bildlich ausdrückt.

Man habe das Schwertbad seither in eine „stabile Seitenlage“ gebracht. Die Patientenzahl stieg von rund 3000 auf knapp 3500, der Umsatz von 9,6 auf 11,7 Millionen Euro. Damit könne sich das Schwertbad nun erstmals wieder selber tragen. Man fahre „Vollauslastung“, wie auch Reinhard Strauch als Geschäftsführer des „Salvea Schwertbad“, wie die Klinik jetzt heißt, erklärt. Jeder Winkel des Stammhauses im Herzen von Burtscheid werde genutzt. Doch damit könne man das Schwertbad auf Dauer „nicht ans Laufen“ bringen, so Hoever.

Also muss expandiert werden. Aber nicht einfach so, nicht mit den bisherigen „normalen“ Reha-Konzepten. Womit man bei der Vision Hoevers wäre. Er will ein für das ganze Land, ja für die ganze Republik beispielhaftes Modell umsetzen. Aachen soll zur Vorzeigeregion in Sachen Reha werden. Insbesondere im Bereich der Neurologie, also vor allem mit Blick auf Schlaganfallpatienten. Davon gibt es rund 3000 pro Jahr in der Region.

Erstens müsse man heute aber zwecks Reha von Aachen aus 100 Kilometer und mehr zur nächsten Facheinrichtung fahren. Und zweitens würden Patienten „wie eine heiße Kartoffel zwischen Akutbehandlung im Krankenhaus, Reha und Pflege hin- und hergeworfen“. Hoever will die Wege in jeglicher Hinsicht verkürzen. So hat das Schwertbad bei der Bezirksregierung 40 Akutbetten beantragt für Patienten, die sich im Stadium nach der klinischen Intensivbehandlung — der sogenannten „B-Phase“ — befinden. Zusammen mit den Phasen C und D gebe es in der Region einen Bedarf von 180 bis 200 Betten, die das Schwertbad anbieten will.

Voraussetzung dafür ist allerdings eine Zusammenarbeit mit den wichtigen neurologischen Kliniken der Region. Mit dem Uniklinikum Aachen und den Rhein-Maas-Kliniken in der Städteregion gebe es bereits Kooperationsvereinbarungen, mit Erkelenz stehe die Unterzeichnung bevor, in Düren werde die Sache geprüft. Die Krankenkassen jedenfalls würden eine solche „Pilotregion“ begrüßen, wie Bernd Claßen, stellvertretender AOK-Regionaldirektionsleiter, bestätigt. Zu den bisherigen Arbeitsfeldern Orthopädie, Rheumatologie und Psychosomatik sollen neben der Neurologie auch die Kardiologie (Herz) und Pulmologie (Lunge) kommen.

Mehrere Optionen

Bleibt die Standortfrage für diese „Rundum-Reha-Klinik“. 2017 musste das Schwertbad die bis dahin angemieteten Flächen der ehemaligen Rheumaklinik in Burtscheid räumen und verlagerte die Psychosomatik nach Bardenberg. Aachen will das Schwertbad selbstredend in Burtscheid halten. Bislang war als Standort das bisher von der RWTH genutzte Areal an der Jägerstraße im Gespräch. Doch die Hochschule wird dort noch bis 2023 bleiben.Das passt eigentlich nicht in Hoevers Zeitfenster.

Mittlerweile hat die Politik aber auch die Tür zu einer Alternative aufgestoßen. So könnte das Schwertbad das Kloster an der Michaelsberg­straße nutzen und noch einen Neubau Richtung Kurpark platzieren. In trockenen Tüchern ist das aber auch noch nicht, weswegen Hoever sich dazu im Augenblick bedeckt hält. „Nebenbei“ weist er allerdings auf die wirtschaftliche Bedeutung der Klinik für Burtscheid und für den Titel Bad Aachen hin. Wobei Würselen sicher auch alles daran setzen wird, das Schwertbad zu möglichst großen Teilen — oder ganz — nach Bardenberg zu bekommen.

Auf jeden Fall wird dort ein „Bildungs-Campus“ mit der Krankenpflegeschule des Rhein-Maas-Klinikums, der Altenpflegeschule der Städteregion sowie der Physiotherapie- und Ergotherapieschule des Schwertbads entstehen. Außerdem will Hoever dort die ambulante und stationäre geriatrische Reha etablieren. Sollte in Burtscheid keine umfassende Expansion möglich sein, würde man in Burtscheid die Neurologie und ein weiteres Arbeitsfeld und in Bardenberg die anderen Disziplinen verorten. Sollte alles in Burtscheid gehen, sei für Bardenberg eine Kombination aus betreutem und barrierefreiem Wohnen und speziellen Pflegeangeboten denkbar.

Eigentlich, so sagt Wolfgang K. Hoever, klinge die Vision der besseren Vernetzung der Versorgung im Sinne der Patienten simpel. Das sei sie aber nicht, denn letztlich hätten alle Akteure auch ihre eigenen (wirtschaftlichen) Interessen. Es sind eher dicke Bretter, die gebohrt werden müssen. Was auch für die Standortfrage gilt. Hoever sagt, dass eine wie auch immer geartete Lösung innerhalb der nächsten zwölf bis 18 Monate fix sein müsse: „Fünf oder zehn Jahre können wir nicht warten“, so der Inoges-Chef. Dann würde er das Wahrwerden seiner Vision vermutlich auch gar nicht mehr als Chef erleben.