Aachen: Beim Projekt „Feuervogel“ finden Kinder von Suchtkranken Erholung

Aachen : Beim Projekt „Feuervogel“ finden Kinder von Suchtkranken Erholung

Eins ist von vornherein klar: Die vier Mädchen wollen nicht erkannt werden. Auf dem Bild nicht und die echten Namen sollen auch nicht in der Zeitung erscheinen. Deshalb nennen sie sich heute Nora, Elena, Sophia und Dilara. Nicht weil sie selbst etwas ausgefressen haben. Sondern weil ihre Eltern — in diesem Fall hauptsächlich die Mütter — suchtkrank sind.

Die 15- bis 17-Jährigen wissen, dass sie keine Schuld daran tragen. Sie wissen, dass sie sich dessen eigentlich nicht zu schämen brauchen, denn ihre Mütter sind alkoholkrank, wobei die Betonung auf „krank“ liegt.

Aber sie schwanken — gerade in der eigenen Phase der Selbstfindung — zwischen Liebe und Wut, zwischen offenem Umgang und Verheimlichung, zwischen aufopferndem Kümmern und Beziehungsabbruch. Bei „Feuervogel“ — ein Angebot der Suchthilfe Aachen — haben sie einen Raum gefunden, in dem es einmal in der Woche anderthalb Stunden ausnahmsweise nur um sie geht. Eine „Erholungsstelle“.

Nora drängt es zu erzählen. Am Vortag ist sie zusammen mit ihrer neunjährigen Schwester ins Kinderheim umgezogen. Ihre Mutter wird bald eine mindestens sechsmonatige Langzeittherapie beginnen. Solange sind die beiden Mädchen in der Obhut des Heims. „Drei Tage lang haben wir geweint. Aber jetzt ist es gut. Ich wurde total nett von allen in der Gruppe aufgenommen. Und in den Ferien machen wir Urlaub in Belgien“, sprudelt es aus der 15-Jährigen heraus. „Und Mama bekommt mehr Anschub, die Therapie auch durchzuhalten, wenn sie merkt, dass die Kinder weg sind.“

Noras Gedanken drehen sich um ihr eigenes Ankommen im Heim, um das Wohl ihrer jüngeren Schwester — aber fast im gleichen Atemzug überlegt sie, wie ihre Mutter mit all dem klar kommt. Sie stellt sich schützend vor sie, wenn die Oma der Mutter Vorwürfe macht. „Mama muss lernen, sich selbst zu kümmern“, mahnt Sozialpädagogin Marie Gurr vorsichtig. Kinder von Suchtkranken verpassen viel der eigenen Kindheit, weil sie oft die Verantwortung übernehmen, die die Eltern wegen der Sucht nicht tragen können.

Gurr leitet zusammen mit Sozialarbeiterin Chantal Kern die Gruppe und ist insgesamt verantwortlich für „Feuervogel“. Es gibt Jungen- und Mädchengruppen, für Kinder oder Jugendliche.

„Hier müssen sie nichts. Hier sollen sie nur sein“, beschreibt Gurr das Konzept. Mal sind sie kreativ, mal planen sie einen Ausflug — warum nicht mal Minigolf spielen? — mal wird einfach nur gequatscht. Nora, Elena, Sophia und Dilara tauschen sich manchmal auch nur über Mädchenkram, über Schminktipps, den neuesten Blockbuster oder Schule aus — wie das jugendliche Mädchen eben so machen. Aber sie sprechen auch oft über das Leben mit ihren suchtkranken Eltern. Die anderen wissen dann, wovon die eine redet.

Dabei sind sie gänzlich unterschiedlich: Alter, Schulform, Hobbies — da geht es schon ziemlich auseinander. Auch die Familienverhältnisse sind sehr unterschiedlich. Sophia hat sich entschieden, den Kontakt zur Mutter abzubrechen. „Zu viel ist kaputt gegangen. Aber ich bin fast an dem Punkt, ihr vergeben zu können“, glaubt die 16-Jährige.

Dilara musste ihre Mutter bereits im Gefängnis besuchen, weil zur Alkoholsucht auch noch Drogensucht und damit im Zusammenhang stehende Delikte kamen. Seit ihrer Geburt lebt sie bei ihren Großeltern. Elenas Eltern sind weiterhin ein Paar — anders als bei den drei anderen.

Dennoch sehnt sich die 17-Jährige nach der „perfekten Familie“, die sie oft bei ihren Freunden zu sehen glaubt. „Wir haben alle lange nach außen so getan, als ob alles normal ist — bis die Nachbarin eingegriffen hat“, erzählt sie vom Schämen wegen des ständigen Alkoholmissbrauchs ihrer Mutter. „Früher war ich eigentlich nur zum Schlafen zuhause. Ich habe mich oft um mich selber gekümmert.“

Kinder von Suchtkranken bekommen dieses Verhalten nicht eingeimpft. „Sie fühlen das Tabu. Sie wollen ihre Eltern nicht in Verlegenheit bringen“, weiß Marie Gurr. „Und natürlich denken sie, dass sie für die Sucht ihrer Eltern verantwortlich sind.“ Das erkläre sich schon entwicklungspsychologisch: Kinder bis zu einem Alter von acht oder neun Jahren seien von Natur aus ich-bezogene Wesen. „Sie beziehen alles auf sich. Auch das, was nicht gut läuft. Sie denken: Wenn sie sich nur selbst besser verhalten, wird bestimmt alles gut.“

Den konstruktiven Umgang mit Problemen können sie so nicht lernen. Aber gerade der ist wichtig für eine gesunde Entwicklung. Kinder von Suchtkranken werden überproportional häufiger selbst suchtkrank als andere. Bei 50 Prozent liegt die Quote. Auch das Risiko einer anderen seelischen Erkrankung ist höher. Deutschlandweit leben 2,6 Millionen Kinder unter 18 Jahren mit mindestens einem alkoholkranken Elternteil zusammen. 40.000 bis 60.000 Kinder in Familien mit einem drogenabhängigen Elternteil. In Aachen sind mehr als 6700 Kinder betroffen. Sobald sie ein wenig größer sind, wissen sie um ihr Risiko. „Sie saugen alles dazu auf“, weiß die Leiterin von „Feuervogel“. Doch die richtigen Gegenmaßnahmen kennen sie nicht.

Bei „Feuervogel“ geht es deshalb zum einen um den Austausch untereinander. Hören, wie es bei den anderen läuft. Aber eben auch um die professionelle Begleitung durch Sozialpädagogen und -arbeiter. Gurr und Kern begeben sich zum Beispiel hin- und wieder in eine Stellvertreterwut, um den extrem angepassten Mädchen zu zeigen, dass Wut bei aller Liebe wichtig ist.

Nicht nur auf die alkoholkranke Mutter, sondern vielleicht auch auf Vater, Bruder, Großeltern oder andere im Umfeld, die durch Vertuschen ebenfalls dafür sorgen, dass die Kindheit der Mädchen eben keine glückliche ist. „Wir stellen uns auf ihre Seite, aber blicken auch auf die andere“, betont Kern den professionellen Umgang. „Weil unsere eigene Biografie ganz weit weg ist von der der Mädchen, können wir den Kindern andere Perspektiven anbieten.“

Konstruktiver Umgang — das ist der Schlüssel. Und: Zuverlässigkeit, Akzeptanz, Entlastung, Austausch und positive Bestätigung vermitteln. Das, was die Kinder suchtkranker Eltern zuhause nicht oder im nicht ausreichenden Maße erleben.

Die anderthalb Stunden sind wie im Flug vergangen. Den Bauch voller Erdbeeren und Käsekuchen gehen Nora, Elena, Sophia und Dilara wieder nach Hause. Ihre Auszeit ist für diese Woche zu Ende. Sie gehen mit einem Lächeln.