Aachen: Bei „blauer“ Umweltzone sieht die Stadt Rot

Aachen: Bei „blauer“ Umweltzone sieht die Stadt Rot

Mancher Auto-, Lkw- oder Busfahrer wird demnächst vielleicht Rot sehen, wenn er auf die Farbe Blau trifft. Insbesondere dann, wenn sein Fahrzeug nicht die Euro-6-Abgasnorm erfüllt. Und das sind derzeit noch die Allermeisten.

Die Umweltminister der Länder haben am Donnerstag den Weg für die Einführung von „blauen“ Umweltzonen freigemacht. Blau deshalb, weil diese Zonen nur noch von Fahrzeugen befahren werden dürfen, die eine — ebenfalls neu beschlossene — blaue Plakette an der Windschutzscheibe pappen haben.

Die blaue Plakette folgt somit der grünen, deren Vorgängerinnen wiederum gelbe und rote waren. „Grüne“ Umweltzonen sollen allerdings nicht gleich eins zu eins in „blaue“ Zonen umgewandelt werden. Vielmehr soll es quasi Zonen in den Zonen geben. Zumindest erst einmal.

Will heißen: Die noch deutlich restriktivere Einschränkung auf Euro 6 soll es vor allem dort geben, wo Stickoxidwerte stark erhöht sind. In Aachen gerät da beispielsweise der innerstädtische Bereich in den Blick. Ein Hoffnungsschimmer für alle, die noch kein Euro-6-Fahrzeug haben, ist jedoch: Während die Einführung der „grünen“ Umweltzone der Stadt Aachen seitens der Bezirksregierung und damit des Landes gegen ihren Willen verordnet wurde, sollen die betroffenen Kommunen über die Einführung der „blauen“ Zonen selber entscheiden dürfen, denn es soll das Freiwilligkeitsprinzip gelten.

Auch dafür gilt: erst einmal. Schon im Laufe dieses Jahres soll es blaue Plaketten und die Möglichkeit zu „blauen“ Umweltzonen geben.

Nun ist in Aachen erst im Februar nach jahrelangen Diskussionen die „grüne“ Umweltzone innerhalb des Außenrings eingeführt worden. „Dazu sind wir getrieben worden“, sagt Harald Beckers vom Presseamt unmissverständlich. Nun sei man froh, den Kraftakt bewältigt zu haben, da kommen die Umweltminister schon mit einer Verschärfung daher.

„Irgendwo muss man auch mal die Kirche im Dorf lassen“, so Beckers. Natürlich werde auch Aachen nicht umhinkommen, sich zumindest gedanklich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Denn die „blaue“ Zone könnte in einigen Jahren die „grüne“ komplett ablösen. Solch eine „Aufstockung“ hat es schon gegeben. In manchen Städten galten die Zonen zunächst nur für rote oder für rote und gelbe Plaketten, bevor sie auf „Grün“ geschaltet wurden.

Zunächst aber kann man sich bei der Stadt zumindest zum jetzigen Zeitpunkt die Einführung einer Zone in der Zone nicht vorstellen. Aus fachlicher Sicht würde eine solche Zone in Sache saubere Luft einiges bringen, heißt es bei der Stadt. „Aber eine kurzfristige Umsetzung würde die Stadt vor massive Probleme stellen“, so Beckers. Schon alleine wegen der Aseag-Busflotte. „Wir stehen dem daher derzeit kritisch gegenüber.“ Kaum vorstellbar sei zudem, dass so etwas derzeit politisch durchsetzbar wäre.

CDU: „Kein Bedarf“

In der Tat: „Wir haben gerade die grüne Umweltzone bekommen und werden uns jetzt nicht mit anderen farbigen Plaketten beschäftigen“, sagt Harald Baal (CDU). Für die „blaue“ Umweltzone gebe es keinen Bedarf. Eine kurzfristige Umsetzbarkeit sieht auch Michael Servos (SPD) nicht: „Das würde zumindest zum jetzigen Zeitpunktviel zu viele Menschen treffen, die aufs Auto angewiesen sind.“

Ähnlich sieht man das bei der IHK: „Die Verbesserung der Luftqualität ist wünschenswert. Man müsste dies jedoch wirtschaftsfreundlich gestalten, zum Beispiel mit entsprechend langen Übergangsfristen“, sagt Gunter Schaible, Abteilungsleiter Verkehr und Handel. Wilfried Fischer (Grüne) sieht die blaue Plakette auch für Aachens Innenstadt als „eine gute Möglichkeit, die Luftqualität wirksam zu verbessern“. Die Einführung gehe zwar nicht von heute auf morgen, „aber wir sind gut beraten, frühzeitig in entsprechende Planungen einzusteigen“.

Für die Geschäftswelt wäre eine weitere Verschärfung — auch mit Blick auf die Onlinekonkurrenz — „absolut tödlich“, ist Jörg Hamel, Geschäftsführer des Einzelhandelsverbandes sicher. „Man kann nicht einfach eine Plakette verordnen und meinen, alles wird gut. Das Bedarf gemeinsamer strategischer Überlegungen aller Städte.“ Mit der „grünen“ Umweltzone gebe es bislang keine größeren Probleme: „Ich habe noch nicht gehört, dass den Händlern deshalb eine bestimmte Kundenklientel weggebrochen wäre.“

Käme die „blaue“ Zone, wäre das anders. Denn das würde für die meisten Fahrer bedeuten: abdrehen. Laut Kraftfahrtbundesamt betrug der Anteil von Euro-6-Fahrzeugen am Gesamtbestand gerade einmal 6,9 Prozent. Gleichwohl ist die Tendenz stark steigend, denn seit 1. September 2015 müssen alle Neufahrzeuge die Euro-6-Norm erfüllen. Bei neuen Typen gilt das schon ein Jahr länger.

Für Ralf Oswald vom Umweltverband „Verkehrsclub Deutschland“ (VCD) liegt es klar auf der Hand, dass die Einführung einer „blauen“ Teilzone auch in Aachen Sinn machen würde. Schließlich habe die Stadt bisher stets zu argumentiert, dass die „grüne“ Umweltzone in Aachen nicht viel bringe, weil ohnehin bereits 95 Prozent der Fahrzeuge die grüne Plakette tragen.

Für Euro 6 gilt nun aber ein Stickoxid-Grenzwert von 80 Milligramm pro gefahrenem Kilometer. Bei der grünen Plakette sind es noch 180. Die „grünen“ Fahrzeuge aus stark belasteten Gebieten zu verbannen, würde also einiges bringen. Und wenn die Zahl „blauer“ Fahrzeuge weiter zugenommen hat, könne man es mit Blau wie einst bei der Erweiterung von Gelb auf Grün machen.

Kuriosität im Tierpark

An einer Stelle bekommt man die Folgen der jetzigen Umweltzone übrigens tatsächlich zu spüren: im Tierpark. „Wir haben seitdem deutlich weniger Besucher aus den Niederlanden“, sagt dessen Chef Wolfram Graf-Rudolf. Der Euregio-Zoo liegt nur wenige Meter von der Grenze der Umweltzone entfernt.

Graf-Rudolf hofft, dass das nur „eine Delle“ ist, bis sich auch in den Niederlanden die grüne Plakette verbreitet hat. Offenbar gibt es da Informationsdefizite: „Die Leute wollen die Dinger hier bei uns an der Kasse kaufen“, schmunzelt der Tierparkleiter. Vergebens. Im Öcher Zoo gibt es vieles, aber keine grünen Umweltplaketten.