Aachen: Begegnungen mit der Vielseitigkeit von Aachens Kirchen

Aachen : Begegnungen mit der Vielseitigkeit von Aachens Kirchen

Was hat ein kaputtes Staubsaugerkabel mit Kirche zu tun? Nichts — zumindest nicht auf den ersten Blick. Aber bei der 17. Nacht der offenen Kirchen wurde deutlich, dass es „die eine Form“ von Kirche gar nicht gibt. Vielmehr zeigten die Akteure, dass sie zum Nach- und Querdenken anregen wollten. 25 Kirchen und Gemeinden öffneten ab den frühen Abendstunden ihre Türen und stellten ein so spirituelles wie ungewöhnliches Programm zusammen.

So fand in der Emmaus-Kirche in Forst erstmals die „lange Nacht der Reparaturen“ statt. Karl Keitner machte mit zwei, drei gekonnten Handgriffen den Staubsauger einer Besucherin wieder fit, bevor er den nächsten Hilfesuchenden aufrief. Der Andrang war groß, und neben Staubsaugern wurden Kaffeemaschinen, alte Videorekorder oder auch DVD-Spieler in die Kirche gebracht.

Pfarrerin Monica Schreiber sah in der Reparatur alter Dinge sofort die Verbindung zur Schöpfung. „Nachhaltigkeit und ein sorgsamer Umgang mit Dingen sind in gewissem Maße auch christlich-religiös zu verstehen. Außerdem kommen die Menschen durch das gemeinsame Arbeiten miteinander ins Gespräch, und manch einer überwindet vielleicht seine persönliche Hemmschwelle und lässt sich dank des Angebotes auf das Erlebnis Kirche ein“, so Schreiber. Kirche und Staubsaugerkabel gehen also absolut zusammen.

„Zusammen“ war das Stichwort für die Akteure in der Kirche Herz Jesu. Die Installation von Barbara Golley hinterfragte das generelle Menschsein. Dazu befestigte sie Pappkörper an den Kirchenbänken. Details auf den Körpern konnte man erst erkennen, wenn man sich näher zusammensetzte. Den Menschen wahrnehmen und zuhören sind Inhalte, denen sich auch eine Ballettdarbietung der Tanzwerkstatt Carla Brettschneider widmete.

„Unter dem Motto ,Ja, aber…wo wollen wir hin?‘ beschäftigen wir uns mit Zweifeln, Zerrissenheit und dem Stellenwert des eigenen Glaubens. Viertklässler des Römerhofes haben dazu Bilder gestaltet, und sowohl die Installation von Golley als auch die Ballettaufführung widmen sich der Vielschichtigkeit, die diese Themen beinhalten“, erzählte Agnes Speicher von St. Gregor von Burtscheid. Ballettaufführungen in der Kirche — auch das schließt sich nicht aus.

Glaube heißt auch Zweifel

Dass Glauben oftmals mit Suchen und ab und an auch mit Zweifeln einhergeht, machte ein Besuch in der Grabeskirche St. Josef deutlich. Unter dem Leitspruch „Auf der Suche nach dem Himmel“ lud die Künstlerin Monika Bergrath Interessierte ein, Himmelbilder und Paradiesblumen anzufertigen. „Paradies und Himmel versteht jeder individuell und ganz persönlich.

Auf ausgeschnittenen Himmelsbildern werden Wünsche und Botschaften geschrieben, die wir an einer Installation befestigen“, erklärte Bergrath. Zweifelnde Worte, der Wunsch nach Beistand oder auch Vorstellungen darüber, was Himmel alles ist, wurden still und besonnen an der Installation angebracht. Ohne große Showeffekte, ohne großen Schnickschnack. Denn es muss nicht immer die große Bühne sein, um Wirkungen zu erzielen.

Das wurde vor allem bei den Armen Schwestern vom heiligen Franziskus sichtbar. Schon vor dem Betreten der Kirche sorgten die Lichter, die durch die Tür ins Dunkle gelangten, für eine besondere Atmosphäre. Ruhige, meditative Klänge und ein prächtiges Farbenspiel aus Kerzen, Lichtinstallationen und einfallenden Schatten machten den Ort zu einem Platz der Ruhe.

„Wir laden die Menschen ein zum stillen Gebet. Sie haben die Möglichkeit, auf kleinen Kärtchen ihre Anliegen vor Gott aufzuschreiben und diese anschließend in der Grotte zu befestigen. Unsere Schwestern nehmen sie dann mit ins Gebet“, erzählte Verena Bauwens, Referentin für Öffentlichkeitsarbeit.

Vielleicht waren die Armen Schwestern des Klosters das, was manch einer am ehesten mit der Nacht der offenen Kirchen in Verbindung brachte: Traditionen sichtbar und erlebbar machen. Nicht selten war die Überraschung umso größer, als die Gotteshäuser erfolgreich zeigten, dass heutzutage beides geht. Traditionen pflegen und gleichzeitig offen sein für neue Impulse und ungewöhnliche Ideen. Denn manchmal beginnt Begegnung eben mit einem kaputten Staubsaugerkabel.

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