Aachen: Baupläne für altes Jakobshofgelände: „Das ist hier alles viel zu eng!“

Aachen : Baupläne für altes Jakobshofgelände: „Das ist hier alles viel zu eng!“

„Demnächst kann ich meinem Nachbarn durchs Fenster die Seife in sein Badezimmer geben“, ärgert sich Günter Stehling. Was natürlich überspitzt ist. Tatsache bleibt, dass der Architekt an den Kollegen, die hinter seinem Haus an der Hubertusstraße im Jakobsviertel auf dem ehemaligen Jakobshofgelände an der Stromgasse einen gewaltigen Neubau hochziehen, kaum ein gutes Haar lässt.

„Wir Nachbarn haben Risse in den Wänden, teils extreme Wasserschäden durch die Bautätigkeit nebenan — mal ganz abgesehen davon, dass die Dimension dieser Innenbebauung bei der Nachverdichtung des Wohnraums jedes vernünftige Maß sprengt“, klagt Stehling. „Das ist hier alles viel zu eng. Uns alten Anwohnern bleibt die Luft weg.“

Nur wenige Meter weiter, auf der anderen Seite des Boxgrabens, plant die Luisenhöfe GmbH an der Südstraße die Bebauung eines ähnlichen „Innenhof-Areals“. Dieses Projekt stand nun im Fokus einer Podiumsdiskussion des Fördervereins „aachen_fenster“ im Haus Löwenstein. Der Titel: „Umbau ohne Überbau? Wohnbedürfnisse und Dichte in der Stadt — eine komplizierte Wechselwirkung“. Vereinsvorsitzender Hans-Dieter Collinet bringt das Dilemma vor rund 100 Besuchern auf den Punkt: „Die geforderte Ausweitung von Flächen für Gewerbe und Wohnen steht im Widerspruch zu ökologischen Belangen und einer Nachverdichtung, die auch dem städtischen ,Alt-Bewohner‘ gerecht wird“, erklärt er.

Als auswärtiger Experte warnt Dr. Robert Kaltenbrunner, Leiter des Bau- und Wohnungswesens im Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung, bei der Neubebauung von Brachen, Grünflächen, alten Industriearealen etc. in Innenstadtlagen vor „bloßen Lifestylequartieren“. „Wichtig ist es, die urbane Umgebungsqualität zu pflegen“, fügt er hinzu. Und meint damit den Öffentlichen Personennahverkehr genauso wie Schwimmbäder oder Plätze mit vitaler Aufenthaltsqualität. „Man muss bei neuer Bebauung eine gewisse Kleinteiligkeit gewährleisten“, betont der Experte. Gewinnmaximierung der Investoren bei Neubauprojekten durch die größtmögliche Flächennutzung ohne Durchwegung und Grünflächen sei der schlechteste Weg, stellt Kaltenbrunner klar.

So sei es auch im Fall der Luisenhöfe zunächst mal wichtig zu klären, welche Nutzfläche die Investoren verlangen, um wirtschaftlich bauen zu können. Dann erst könne der städtebauliche Wettbewerb — und damit das Ausloten der Flächenaufteilung für Wege, Grünanlagen und Wohnbebauung — sinnvoll starten. Niels-Christian Schaffert, Fachbereichsleiter Stadtentwicklung und Verkehrsanlagen der Stadt Aachen, verweist auf die intensive Bürgerbeteiligung bei Fragen der Neuverdichtung. „Dieser Prozess beginnt bei den Luisenhöfen gerade erst“, sagt er. Erste Pläne des Investors waren schon von der Aachener Kommunalpolitik als zu massiv zurückgewiesen worden.

Für die Bürgerinitiative Luisenhöfe erneuert Karsten Schellmat deshalb zentrale Forderungen: keine Erweiterung des Parkhauses am Luisenhospital, kein Wegfall von wertvollen Grünanlagen zugunsten eines „identitätszerstörenden“ Wohnblocks. Dass Ralf Wetzlar von der Luisenhöfe GmbH versichert, man werde „die Bedürfnisse der Menschen immer in den Mittelpunkt stellen“, kann indes kaum einen der Anwohner im Publikum beruhigen. Zumal Wetzlar einräumen muss, dass „die Kalkulation des Investors natürlich von zentraler Bedeutung ist, auch weil Baupreise zuletzt um zehn Prozent pro Jahr gestiegen sind“.

Kein Investor baut Park

Man will Kompromisse suchen — und man weiß, dass dabei Abstriche nötig sind. Ein Investor kauft kein Grundstück in Innenstadtlage, um dann dort einen Park für die Öffentlichkeit zu pflanzen. Und Anwohner haben kein Recht darauf, bis ins Detail zu bestimmen, was der Nachbar als Grundstückseigentümer realisiert. Der Druck wächst auf allen Seiten: Die Bevölkerung der Uni-Stadt Aachen wächst, das Vertrauen einiger Bürger in Investorenpläne schwindet. Über die Luisenhöfe und andere Nachverdichtungsareale wird noch viel geredet und verhandelt werden — nur so viel ist sicher.

Indes schafft die Immobiliengesellschaft „bpd“ — an der Stromgasse war kein städtebaulicher Wettbewerb notwendig — im Rahmen der gesetzlichen Möglichkeiten Tatsachen und zieht hier vier Geschosse für 62 Studentenappartements hoch. „Wir stehen in gutem Kontakt mit allen Nachbarn. Die Probleme haben wir vorhergesehen und übernehmen selbstverständlich die entsprechenden Sanierungsaufgaben da, wo Schäden durch unsere Bautätigkeit verursacht wurden“, teilt ein „bpd“-Sprecher auf AZ-Nachfrage mit. Die Dimension des Neubaus sei der starken Nachfrage auf dem Wohnungsmarkt geschuldet. So dass Investoren nicht baden gehen.

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