Aachen: AZ-Samstaginterview: Unternehmen fit machen für die Zukunft

Aachen: AZ-Samstaginterview: Unternehmen fit machen für die Zukunft

Was im Forschungsinstitut für Rationalisierung (FIR) erforscht und entwickelt wird, ist hochkomplex. Dabei spielt das Produktionsmanagement für Unternehmen eine entscheidende Rolle. In Aachen sorgen Wissenschaftler zum Beispiel dafür, dass Automobilhersteller optimal — das heißt zum richtigen Zeitpunkt und an der richtigen Stelle — mit Teilen zur Produktion ihrer Fahrzeuge versorgt werden. Und sie perfektionieren — nur ein weiteres Beispiel — die weltweite Herstellung von Babystramplern. Wie das funktioniert, erklärt der Leiter des FIR auf dem RWTH Campus, Professor Volker Stich, im AZ-Samstagsinterview.

Babystrampler und Hightech im sogenannten Themenfeld Industrie 4.0: Wie passt das zusammen?

Stich: Ganz hervorragend. Es ist ein schönes Beispiel dafür, wie effektiv wir Unternehmen fit für die Zukunft machen können. Jeder — nicht nur in Aachen — kennt die Firma Prym mit dem Bereich Fashion, die unter anderem Druckknöpfe für Babystrampler herstellt. Und dies seit vielen, vielen Jahren. Die Maschinen, mit denen diese Druckknöpfe verarbeitet werden, sind — mit Verlaub gesagt — relativ einfacher Natur. Das sind Maschinen, die eigentlich ganz schlicht die Ober- und Unterseite eines Druckknopfes zusammenfügen. Die meisten stehen in Fernost. Wenn dies aber nicht perfekt funktioniert, also zum Beispiel mit scharfen Kanten am Knopfrand, könnten weltweit Babys verletzt werden. Das wäre eine Katastrophe. Und das muss natürlich verhindert werden. Derzeit arbeiten wir in unserem Innovations-Labor daran, wie man eine solche durchaus betagte Stanzmaschine ins Internet bringen kann. Also wie man online die Maschine überwacht — hinsichtlich der Qualität, der Materialverfügbarkeit, der Materialdisposition, der Verarbeitungsgeschwindigkeit bis hin zur Effizienzsteigerung. Alles via Internet, also ohne dass ein Ingenieur vor Ort in Fernost an der Maschine stehen muss. Ohne dieses sogenannte Internet der Dinge — Internet of Things, kurz IoT — geht heutzutage nichts mehr. In Zukunft schon gar nicht.

IoT haben wir damit schon einmal geklärt. Jetzt freuen wir uns über weitere Buchstabenkombinationen, die für die meisten unverständlich sind — aber für jeden Bürger und letztlich Konsumenten entscheidende Bedeutung haben: Was verbirgt sich hinter ERP und MES?

Stich: Als wir noch deutsch sprachen, nannte man das Produktionsplanung und -steuerung. Es geht darum, die Kundenbedarfe in eine wirtschaftliche Losgröße umzusetzen. Also für die Produktion verdauliche Happen zu generieren. Entscheidend ist dabei die Reihenfolge der Produktion. Ein Beispiel vom Glashersteller St. Gobain: Wenn Sie unterschiedliche Windschutzscheiben für einen VW Golf oder einen Audi A3 herstellen, ist es auf der Produktionsstraße wichtig, nicht zu oft umbauen zu müssen. Das wäre nicht effizient, würde Zeitverluste auslösen. Heutzutage ist die Variantenvielfalt zudem extrem gewachsen. Es gibt also viel mehr verschiedene Autotypen als noch vor 20 oder 30 Jahren. Also gibt es auch viel mehr verschiedene Windschutzscheiben. Umso wichtiger ist eine hocheffiziente Produktionsplanung und -steuerung, natürlich via Computer und Internet. Das nennt der Experte — neudeutsch — ERP: Enterprise-Resource-Planning. Dann kommt MES — Manufacturing Execution System: ein Fertigungsmanagement- oder auch Produktionsleitsystem, welches den Fertigungsauftrag prozessnah und in Echtzeit steuert und überwacht.

Wenn 1000 Windschutzscheiben gefertigt wurden, meldet die Maschine quasi den Erfolg zurück...

Stich: Genau. Zum Beispiel: Sind genau 1000 produziert worden, sind alle unbeschädigt? Das hat früher ein Maschinenführer auf einem Zettel ausgefüllt — und an den Planer rückgemeldet. Das ist aber bei der heutigen Variantenvielfalt — nicht nur auf dem Automobilsektor — gar nicht mehr möglich. Da braucht man ein hilfreiches System: MES eben. Wir nennen das dann vertikale Integration: Ideal ist es, wenn jeder Kundenauftrag bis auf die Maschinenebene beziehungsweise den Shopflor verfolgt werden kann. In der Industrie 4.0 sprechen wir von Echtzeitfähigkeit. Wenn man also einen VW Golf bestellt, möchte der Planer direkt wissen, ob eventuell eine Maschine ausgefallen ist, die dessen Windschutzscheibe produzieren sollte. Dann kann unmittelbar reagiert und für Abhilfe gesorgt werden. Darum verschmelzen ERP und MES in der Zukunft immer mehr — oder ein System frisst das andere.

Ist diese komplexe Systemwelt, die Sie beschreiben, Zukunftsmusik — oder gibt es das schon in der Praxis?

Stich: Das existiert und funktioniert. Wenn aber etwa der Großkonzern Siemens ein Materialteil an einen Mittelständler zur Weiterverarbeitung liefert, kann es sein, dass beide mit ganz unterschiedlichen Systemen arbeiten, also quasi unterschiedliche Sprachen sprechen. Möglicherweise verstehen sie sich nicht, das unterbricht schlimmstenfalls die Lieferkette. . Wir sprechen in diesem Kontext von der Notwendigkeit einer horizontalen Integration entlang der gesamten Supply Chain. Es gibt rund 130 verschiedene ERP-Systeme und rund 60 MES-Lösungen auf dem Markt. Und diesen Markt scannen wir im FIR ständig, wir beobachten und werten aus. Und wir beraten Unternehmen. Was ist die Lösung, die für mein Unternehmen am besten geeignet ist? Die Erstinstallation hat schließlich schnell den Wert eines Mittelklassefahrzeugs. Und je nach Anzahl der Lizenzen — also der Zahl der Leute, die auf das System zugreifen sollen — geht der Preis steil bergauf, bis hin zu Millionen-Investitionen.

Hört sich ziemlich teuer an.

Stich: Das lohnt sich trotzdem nicht nur für Großkonzerne, sondern auch für kleinere Firmen. Es muss eben maßgeschneidert sein — und sich letztlich rechnen. Das ist größeren Unternehmen übrigens mittlerweile so wichtig, dass sie MES-Anbieter komplett aufkaufen. Die digitale Vernetzung in alle Richtungen ist unaufhaltsam — sie wird in zehn Jahren überall Fakt sein. Die wirtschaftliche Planung eines Unternehmens liegt deswegen bei unserer Arbeit am FIR im Fokus. Dazu sind Unternehmen als unsere Partner eingeladen, sich aktiv selbst an Forschungsprojekten zu beteiligen. 70 Prozent aller Aufträge weltweit werden heutzutage noch per Fax oder Telefon übermittelt. Das ist Steinzeit, und das ändert sich schlagartig. Da muss man als Unternehmen jetzt schnellstens reagieren — sonst wird man abgehängt.

Welchen Vorteil hat den im Endeffekt der Kunde?

Stich: Individualität ist Trumpf. Wir kommen aus der Massenfertigung zu extrem individuellen Lösungen. Anders formuliert: Ich will einen VW Golf mit einer Windschutzscheibe, in die die Namen meiner Frau und meiner Kinder gelasert werden — und so weiter. Jetzt stellen Sie sich das mit zig weiteren individuellen Komponenten beim Autokauf vor — Felgen, Reifen, Wagenfarbe, Leder etc. Und all dies millionenfach weltweit. Ohne perfekte IT-Lösung kann diese Entwicklung niemals funktionierend umgesetzt werden.