Aachen: Autor Helmut Clahsen gestorben

Aachen: Autor Helmut Clahsen gestorben

Mit seinem Werk „Mama, was ist ein Judenbalg?“ hat Helmut Clahsen einen Erfahrungsbericht von bleibendem Wert geschrieben. Der Untertitel „Eine jüdische Kindheit in Aachen 1935-1945“ beschreibt schon sehr weitgehend, was Clahsen dargestellt hat: eine Darstellung seiner durchaus typischen Kindheit in der NS-Zeit.

Mit dieser Schilderung und seinen weiteren Büchern hat er wichtige Einblicke in die Realität dieses dunklen Kapitels deutscher und lokaler Geschichte gegeben. Am vergangenen Freitag ist Helmut Clahsen nach schwerer Krankheit gestorben.

1931 wurde er in Aachen geboren. Nach dem Krieg erlernte er das Handwerk des Bäckers und Konditors. Später nahm er eine berufliche Neuorientierung vor und wurde selbstständiger Schauwerbegestalter. Ein Herzinfarkt zwang ihn 1988 ins Rentnerdasein. Im Grunde ein Glück, denn Clahsen entdeckte für sich das Schreiben und verfasste eben regionale Standardwerke. Neben dem „Judenbalg“ Werle wie „Der Sekretär“, „indem sie Feuer entzündeten“, „Und danach, David? Ist Goliath wirklich besiegt?“ und „Trümmerfrauen“. Alles Werke mit Tiefgang vor authentischem Hintergrund. Er hat damit bleibende Einblicke in das Aachen der Kriegs- und der Nachkriegszeit ermöglicht.

Dr. Herbert Ruland, Historiker und Wissenschaftlicher Leiter für Grenzgeschichte an der Autonomen Hochschule der Deutschsprachigen Gemeinschaft Eupen, war ein enger Vertrauter Clahsens. Er hat einige Erinnerungen verfasst. Hier einige Auszüge:

„Er erzählte mir mit deutlicher Sprachfärbung, dass er aus Aachen stamme und dass er den Belgiern auf ewig zum Dank verpflichtet sei. Ihnen sei es zu verdanken gewesen, dass er und sein jüngerer Bruder „Heini“ die NS-Zeit überlebt hätten. (...) Er erzählte mir einige Details aus seiner Familiengeschichte. (...) Mit der Unterstützung zahlreicher, meist selbstloser Helfer, kamen die beiden Jungs bis zur Befreiung durch die Amerikaner im Herbst 1944 in unzähligen Verstecken unter — Helmut sprach später einmal von über 40 verschiedenen Orten. (...) Ich weiß noch heute, wie nahe mir der kurze Einblick in die Lebensgeschichte dieses mir bis dahin gänzlich unbekannten Mannes ging. Hier stand mir also jetzt jemand gegenüber, der diese unfassbare Zeit hier im Grenzland nicht nur miterlebt, sondern glücklicherweise — bei vielen „Schutzengeln auf zwei Beinen“ — wie er es mir gegenüber später einmal ausdrückte — überlebt hat. (...) Ein Lebensanliegen von Helmut Clahsen war es, an Schulen aus seinem Leben zu berichten, nicht nur auf beiden Seiten der deutsch-belgischen Grenze, sondern auch an weiter entfernten Orten. Im Frühsommer 2015 hat er noch an der Universität Antwerpen vor 1300 Zuhörern gelesen. Helmut war einer der wenigen Zeitzeugen, den man auch unbedenklich zu ganz jungen Schülern schicken konnte. Er hatte die wirklich höchst seltene Gabe, diesen Kindern etwas zu vermitteln ohne dass auch nur das geringste Gefühl von Angst aufkam.“