Maria 2.0: Ausstellung regt Katholiken zum Nachdenken an

Maria 2.0 : Ausstellung regt Katholiken zum Nachdenken an

Die Wanderausstellung „Maria 2.0“ macht Station in Aachen. Der Weg, auf den sich viele Gläubige machen, könnte die Kirche revolutionieren. Doch bis zu einem Umdenken in der Institution wird noch viel Zeit vergehen, sind die Initiatorinnen sich sicher.

„Jetzt ist die Zeit, jetzt ist die Stunde“ sangen die Gläubigen in der Kirche St. Fronleichnam. Die Damen und Herren sahen nicht aus wie Revolutionäre – und doch könnte der Weg, auf den sich viele Gläubige machen, für die römisch-katholische Kirche revolutionär werden. Die Wanderausstellung „Maria 2.0“ macht in Aachen Station.

Mehr als 90 farbige Porträts hängen an der normalerweise kahlen weißen Längswand der Fronleichnamskirche. Frauen, unter ihnen aber auch zwei Männer, deren Münder mit Pflaster zugeklebt sind. Symbol dafür, dass die Frauen in der katholischen Kirche bisher nichts sagen sollen, zu schweigen haben. Die zu Anfang des Jahres in Münster gestartete Initiative „Maria 2.0“ will das ändern. Sie fordert die Gleichberechtigung von Frauen auf allen Ebenen in der katholischen Kirche, den Zugang der Frauen zu allen Ämtern der Kirche.

Die Künstlerin Lisa Kötter aus Münster gehört zum Initiativkreis von Maria 2.0. Sie hat die Porträts gemalt – „eine wilde Mischung“, wie sie sagt, aus Familienmitgliedern, Freundinnen, Mitstreiterinnen in der Kirche. Lisa Kötter ist nach Aachen gekommen, um ihre Ausstellung nach einem einführenden Gottesdienst zu eröffnen.

Aachen ist die vierte Station von „Maria 2.0“. Anfragen kommen aus ganz Deutschland, Österreich und der Schweiz. „Wir haben niemals gedacht, dass die Ausstellung Münster einmal verlässt, dass sie so eine Welle macht“, ist die Malerin selbst erstaunt über die gewaltige Resonanz. Dass die katholische Kirche sich schnell wandelt, das glaubt sie eher nicht, der Zuspruch zeige aber, „dass die Menschen sich verändert haben“. Auf den Hinweis, sie werde wohl noch viele dicke Bretter zu bohren und noch viele Frauenbilder zu malen haben, antwortet sie nachdenklich: „Ich glaube, der katholischen Kirche in Deutschland ist immer noch nicht klar, mit welchen Austrittswellen sie zu rechnen hat, wenn sie sich nicht verändert.“

Es sind denn auch nicht die einzelnen Porträts, die der Ausstellung ihre Wirkung verleihen. Es ist schlicht die Vielzahl der Frauenbilder, die ihr eine aufrüttelnde Wucht gibt und bewusst macht, welche Machtstrukturen es Jahrtausende lang möglich machten, in der katholischen Kirche die Frauen zum Schweigen zu verurteilen. „Wir wollen eine gerechtere und partizipatorische Kirche“, setzt dem „zur Rolle der Frau in dieser Kirche“ Laila Vannahme entgegen, Mitorganisatorin der Ausstellung.

„Das Bild der Maria, das uns von der Kirche gezeigt wurde, wirft ein einseitiges Bild auf eine Frau, die sich in einer von Männern geprägten Kirche unterzuordnen hat. Maria, Fürsprecherin der Frauen in ihrer jeweiligen Zeit, hat viele Gesichter. Maria 2.0 ist eines davon“, hatte Lisa Kötter dem päpstlichen Nuntius gesagt. Sie wiederholt ihre Worte in St. Fronleichnam. Starker Beifall antwortet ihr.

„Jetzt ist die Zeit, jetzt ist die Stunde“ – im Gottesdienst erbittet das Tagesgebet „den Mut und die Kraft, Machtstrukturen zu hinterfragen“. Beim Segen spricht der junge Pfarrer Thorsten Aymanns zur Gemeinde: „Gott, wir bitten dich um deinen Segen. Segne unseren Mut und unseren Willen. Segne uns als Frauen und Männer, die geschwisterlich an deiner Kirche mitbauen wollen.“

Auf einer kleinen Wandtafel neben Porträts steht der mahnende Text: „Jesus hat nie und nimmer Menschen mit der Aufgabe der Glaubensweitergabe betraut, die 1. männlich waren, 2. Theologie studiert haben, 3. zölibatär leben sollen. Diese Kriterien richten die Kirche zugrunde.“

„Maria 2.0“ ist bis zum 15. November in St. Fronleichnam zu sehen. Ein umfangreiches Rahmenprogramm vertieft die Themen.

www.st-josef-und-fronleichnam.de