Aufarbeitung der Pogromnacht in Aachen

Die Verfolgung der Juden vor 80 Jahren : Hakenkreuze am Rathaus sind „richtig krass“

Aachener Gymnasiastinnen haben sich mit dem Thema „Das 3. Reich und die Folgen“ auseinandergesetzt. Die Ergebnisse sind jetzt in einer Ausstellung in der Stadtbibliothek zu sehen.

Den Blick schärfen für die Wirklichkeit: Diese Chance bekamen Schülerinnen des St. Ursula-Gymnasiums, als sie gemeinsam mit der Volkshochschule Aachen und dem Förderverein „Wege gegen das Vergessen“ eine Ausstellung erarbeiteten, die derzeit in der Stadtbibliothek zu sehen ist. „Am Anfang waren wir mit dem Thema nicht vertraut“, sagt Sonja Becker als eine der beteiligten Schülerinnen. Erst die Konfrontation mit dem Synagogenbrand habe sie und ihre Mitschülerinnen für das Thema sensibilisiert. Zuvor hatten sie sich schon im Rahmen des Projektes „Wege gegen das Vergessen“ mit dem Schicksal jüdischer Mädchen an St. Ursula auseinandergesetzt.

Für den Historiker Dr. Holger Dux (Volkshochschule) war die Kooperation mit den Schülerinnen von zentraler Bedeutung. Die Mädchen sollten überprüfen, inwieweit die Texte der Ausstellung zeitgemäß formuliert waren und sie gegebenenfalls anpassen. „Über einige Änderungen habe ich gestaunt“, sagt Dux.

„Es geschah in Aachen… Aufbau, Zerstörung. Neubeginn.“: Unter diesem Titel wird die Ausstellung zum 80. Gedenktag der Synagogenbrandstiftung präsentiert. Die Jüdische Gemeinde und die Deutsch-Israelische Gesellschaft sind dabei mit im Boot.

Alle gemeinsam erinnern daran, dass Juden und Christen auch in Aachen lange Zeit friedlich nebeneinander lebten. 1862 errichtete die Jüdische Gemeinde ihre Synagoge am Promenadenplatz. „Mit der Machtübernahme durch die Nazis änderte sich die Lage grundlegend“, sagt Dux, und 1939 erreichte die „Politik der Ausgrenzung und Entrechtung“ demnach einen Höhepunkt. In der Nacht vom 9. auf den 10. November wurden in der Pogromnacht in ganz Deutschland Synagogen in Brand gesetzt. Und nach dem Massenmord durch die Nazis brauchte es laut Dux seine Zeit, bis es in Aachen wieder so etwas wie jüdisches Leben gab.1956 errichteten die Juden eine Synagoge in der Oppenhoffallee. Erst 1995 entstand an der ursprünglichen Stelle am Promenadenplatz eine neue Synagoge.

Die Schülerinnen von St. Ursula haben sich die Geschichte zu Herzen genommen. „Wir wollen offen sein gegenüber allem Fremden und Fremde so begrüßen, wie wir selbst in einem fremden Land begrüßt werden wollen“, sagen sie. Historiker Dux freut sich, dass „wir mit der Ausstellung raus aus der Volkshochschule kommen“. In der Stadtbibliothek werde sie sicher die Beachtung finden, die sie verdiene, zeigt sich Bibliotheksleiter Manfred Sawallich überzeugt. Ihm gefällt die Ausstellung vor allem deshalb so gut, weil sie auch die Zeit nach 1945 beleuchte.

Allen gemeinsam ist wichtig, an den 80. Jahrestag der Brandstiftung durch die Nazis zu erinnern. Erst wenn man sich intensiv mit dem Thema auseinandersetze, werde einem die ganze Tragweite bewusst, meinen die Schülerinnen des St. Ursula. „Wenn man zum Beispiel Fotos vom Rathaus mit Hakenkreuzfahnen sieht, dann begreift man erst richtig, dass das alles auch hier in Aachen geschehen ist. Das ist krass“, sagt Paula Hillermann. Aber auch die Arbeit über das Schicksal jüdischer Mädchen am St. Ursula hat die Schülerinnen demnach sehr berührt.

Die Ausstellung „Es geschah in Aachen… Aufbau. Zerstörung. Neubeginn.“ ist noch bis zum 1. Dezember in der Stadtbibliothek zu sehen.

Mehr von Aachener Zeitung