Aachener Antoniusstraße: Auf der Suche nach den Zuhältern

Aachener Antoniusstraße : Auf der Suche nach den Zuhältern

Der Rückschlag schmerzt. Weitere Auswirkungen wären fatal. Nun steht das komplette Projekt „Neuentwicklung des Büchel-Altstadtquartiers“ vor dem Abgrund. Niels-Christian Schaffert, Leiter des Fachbereichs „Stadtentwicklung und Verkehrsanlagen“, ließ in einer nicht-öffentlichen Sitzung durchblicken, dass man täglich – wohl spätestens bis Ende Januar – mit einem angekündigten Brief der Projektentwickler Norbert Hermanns (Landmarken AG) und Gerd Sauren (Aachener Immobiliengesellschaft) rechnen müsse.

In diesem könnte von Investorenseite womöglich das endgültige Aus aller bisherigen Planungen mitgeteilt werden. Wenn sich nichts ändert. Offiziell bestätigt wird das von keiner Seite. Aber das Zerwürfnis greift tiefer denn je.

Nicht nur deshalb: Reihenweise laufen der Stadt die Zuhälter und Prostituierten aus der Rotlichtmeile Antoniusstraße davon. Der Grund: Dank Prostituiertenschutzgesetz und einer sogenannten Veränderungssperre – was einerseits bauliche Umbaumaßnahmen zum „Wohl“ der Sexarbeiterinnen erzwingt, die andererseits wegen der Sperre vielfach nicht genehmigt werden können – sind derzeit dem Vernehmen nach nur zwei von insgesamt 20 Parzellen legal als Bordellbetriebe verzeichnet. Der Rest, teils seit den 50er Jahren, ist illegal. Und da haben die Baubehörden, eben wegen Prostituiertenschutzgesetz und Veränderungssperre, seit einigen Monaten offenbar mehr mitzureden als früher. Was nicht nur Oberbürgermeister Marcel Philipp längst für überfällig hält.

Der Planungsausschuss der Stadt Aachen hat sich nun mit der delikaten, weil teils selbst verschuldeten, Misere befasst. Denn: Die Politik, abgesehen von der FDP, will die Prostitution eigentlich im östlichen Teil der Antoniusstraße in einer Art neuem Laufhaus konzentrieren. Dessen Baubeginn steht allerdings mehr denn je in den Sternen. Befürchtet wird, dass sich Zuhälter wie Prostituierte bis dahin längst neue Standorte an anderen Straßen und in Wohnungen gesucht haben – verteilt über weitgehend unbekannte Orte im Stadtgebiet. Weil diese Abwanderung fast alle Kommunalpolitiker für gefährlich halten, sucht man nun nach Wegen, um das horizontale Gewerbe in die historische Altstadt zurückzulocken.

Genehmigungsfähig? Planungspolitiker und Verwaltung wollen Zuhältern und Prostituierten in der Antoniusstraße – für einen bestimmten Zeitraum – legalisiertes Bordellgewerbe in alten Gemäuern ermöglichen. Foto: ZVA/Harald Krömer

Es klingt absurd: Aber Politik und Stadtverwaltung fahnden im Sinne der Zuhälter tatsächlich nach Wegen, eigentlich illegale Bordellbauten zumindest für einen weiteren, noch zu definierenden Zeitraum mit einer begrenzten Betriebserlaubnis auszustatten. Was die Aachener Rechtsdezernentin Annekathrin Grehling natürlich im Ausschuss in rhetorischer Perfektion juristisch viel vorsichtiger formuliert. Da auch das ziemlich delikat ist, finden solche Debatten vornehmlich hinter verschlossenen Ausschusstüren in nicht-öffentlichen Sitzungsteilen statt. 

Juristische Winkelzüge 

Tatsache ist: Die Bauverwaltung will nun mit dem Landesministerium und der Bezirksregierung Köln kurzfristig nach juristischen Lösungen für befristete Betriebsgenehmigungen für Bordelle suchen, die eigentlich nicht genehmigungsfähig wären. Etwa weil der Brandschutz nicht auf dem neuesten Stand ist, weil Ruheräume für Prostituierte fehlen, weil Notalarmknöpfe noch nicht installiert sind oder Bad-, Betten- wie Zimmergrößen nicht den aktuellen gesetzlichen Erfordernissen entsprechen. Und weil die „Veränderungssperre“ größere bauliche Modernisierungsmaßnahmen ausschließt – da man ja das komplette Altstadtquartier Büchel umsortieren und überbauen will.

Bordellbetreiber haben wegen der Zwangsleerstände bereits mit Schadenersatzklagen gedroht. Damit nach etwaiger „befristeter Sonderbordellbetriebsgenehmigung“ nicht auch noch auf Fortsetzung des Zustands geklagt werden kann, sind komplizierte juristische Winkelzüge notwendig. Da werden die Bordellbetreiber und ihre Anwälte, die teils im Planungsausschuss auf den Zuschauerplätzen saßen, genau hingehört haben. SPD-Politiker Norbert Plum und Michael Rau für die Grünen betonen, dass die Mehrheiten – inklusive CDU und Linke – zu dem Ratsbeschluss stehen, das Rotlichtmilieu in der Antoniusstraße zu konzentrieren. Hier müssten nun schnelle Lösungen her, das sogenannte Laufhaus müsste schnellstmöglich als neue Heimat der Prostitution errichtet werden.

Von einer Verschleppung von Genehmigungsverfahren dürfe keine Rede sein, beteuerte Rau; im Gegenteil: „Es muss schon Druck auf die Tube“, sagte er. Allerdings sorgt die von der Stadtverwaltung aufgeworfene Alternativlösung für den ausgebluteten Bordellbereich auch nicht für Begeisterung: Man könne ja baurechtlich einwandfreie temporäre Bauten – quasi „Verrichtungsboxen“ in Containern – aufstellen, hieß es. Für den Hauptausschuss und den Stadtrat der Stadt Aachen kündigte Grehling dazu eine schriftliche Vorlage der Verwaltung an. Beide Gremien tagen bereits am 23. Januar.

Hinter den Kulissen allerdings ist die Situation verfahrener denn je. Auch weil Politik und Verwaltung die Projektentwickler Hermanns und Sauren in den vergangenen Monaten und Wochen nicht gerade mit ermutigenden Nachrichten verwöhnen. So verlautet aus Verwaltungskreisen, dass die Investoren alles andere als glücklich über den Umstand seien, dass man die Quote für preiswert zu vermietenden sozialen Wohnungsbau in Aachen – bis auf wenige Ausnahmeprojekte – von 20 auf 40 Prozent erhöht habe.

Sieht erheblichen Handlungsdruck: Grünen-Sprecher Michael Rau hält die Abwanderung der Prostitution für gefährlich. Foto: Andreas Herrmann

Eine Beispielrechnung: Bei der Vermarktung jedes einzelnen der rund 12.000 Wohnungsquadratmeter im neuen Altstadtquartier Büchel lässt sich bei exklusiven Eigentumswohnungen eine attraktive Rendite erzielen. Aber sozialer Wohnungsraum ist – unter den hier besonders kostspieligen Umständen – kaum die Herstelltungskosten wert. Die Mischkalkulation kippt damit. 

Millionen Euro Verluste

 Die Verluste für die Projektentwickler würden viele Millionen Euro betragen. Was vornehmlich mit unkalkulierbaren Risiken anderer Natur zusammenhängt. Sobald das Parkhaus Büchel abgerissen wird, rücken die Archäologen an. Sie erwarten im Altstadtkern spannende Funde. Was den Untersuchungszeitraum Jahre verlängern und die Kosten dafür in Höhen von mehreren Millionen Euro treiben könnte. Heftig umstritten ist zudem, wer die hochwertige Gestaltung neuer Fußgängerzonen im Planungsbereich bezahlen soll. Auch hier geht es um tausende Euro – pro Quadratmeter. Wobei weder Verwaltung noch Politik den Investoren Bewegungsfreiheit lassen möchten. Ist das Projekt unter diesen Rahmenbedingungen noch wirtschaftlich? Was kommt buchstäblich unterm Strich heraus? Man rechnet mit dem Schlimmsten.

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