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Hochzeitsmesse Aachen: Auf der Jagd nach Freudentränen

Hochzeitsmesse Aachen : Auf der Jagd nach Freudentränen

Die Aachenerin Lina Wirtz ist Traurednerin. Mit ihren Worten muss sie die Herzen des Brautpaares und der Gäste berühren.

Feierlich, persönlich und berührend – so soll nach Wunsch der allermeisten Brautpaare ihre Trauzeremonie ausfallen. Allerdings geht es bei der standesamtlichen Trauung oft arg sachlich zu. Und eine kirchliche Trauung findet zwar in einem feierlichen Rahmen statt, kommt aber aus vielerlei Gründen für manche Paare nicht infrage. Deshalb sind freie Trauungen inzwischen so beliebt geworden. Sie ermöglichen es Brautpaaren, sich unabhängig von Religion, Weltanschauung, Sexualität oder Geschlecht in einer feierlichen Zeremonie das Ja-Wort zu geben.

Die freie Trauung

Eine freie Trauung kann an jedem beliebigen Ort stattfinden und folgt auch keinen bestimmten formellen Richtlinien, sondern darf ganz nach Wunsch individuell und einzigartig ablaufen. Individuell ist dabei auch die Wahl des Trauredners oder der Traurednerin. Lina Wirtz ist eine von ihnen. Die Aachenerin arbeitet nebenberuflich als Traurednerin („Redefreude“), begleitet Paare an ihrem Hochzeitstag und muss mit ihren Worten mitten ins Herz treffen. Sie ist es, die an diesem Tag Emotionen weckt, Menschen zum Lachen bringt und sie zu Tränen rührt. „Ich habe immer gerne geredet“, sagt sie, „und schon als Kind angefangen, Theater zu spielen. Irgendwann habe ich begonnen, Reden für alle möglichen Anlässe zu schreiben – zu Geburtstagen, zu Weihnachten“.

Ihre erste Traurede hielt sie vor vielen Jahren bei der Hochzeit ihres jüngeren Bruders am Bodensee. „Das hat mir schon bei der Vorbereitung so viel Freude bereitet, dass ich davon mehr wollte. Bald schon kam der nächste Auftrag und die Sache nahm rasch Fahrt auf – übrigens auch durch die Teilnahme an der RegioHochzeit in Aachen. Über die Hochzeitsmesse sind viele Paare auf mich aufmerksam geworden.“

Nervös sei sie nicht nur beim allerersten Mal gewesen, erinnert sich Lina Wirtz. Ein gehöriges Kribbeln spüre sie bis heute vor jeder Trauung, konstatiert die 34-Jährige, die im Hauptberuf Physiotherapeutin ist. „Kurz bevor die Musik anläuft, das ist der Moment, an dem man dasteht, tief durchatmet und denkt: Jetzt geht’s los.“ Letztlich sei aber jede Trauung auf ihre Weise herausfordernd.

Manchmal passiere dabei Unvorhergesehenes. „Bei meiner letzten beispielsweise kam es drei Zeilen vor dem Ja-Wort zu einem ultimativen Wolkenbruch mit Hagel und Sturm und wir saßen draußen unter einem Pavillon – in dem Moment muss man flexibel sein und gleichzeitig funktionieren, und das ist es, was den Job letztlich auch so spannend macht. Gewissermaßen bin ich im Zweifelsfall auch Krisenmanagerin.“

Unerlässlich für den Job seien Empathiefähigkeit, Verantwortungsbewusstsein und Kreativität. Zunächst müsse man alle Situationen, Erlebnisse und Anekdoten, die das Paar gemeinsam erlebt hat, sammeln. „Man nährt sich sozusagen an ihren besten Erinnerungen und Momenten, hört die schönsten Liebeserklärungen und emotionalsten Geschichten“, sagt sie. Feingefühl brauche man schließlich bei der Art, wie man das Erzählte später rüberbringt. „Ich führe die Interviews immer getrennt mit den Paaren. Dann weiß der eine nicht, was der andere sagt. Das hat bisher immer gut geklappt“.

Und dann kommt der Tag der Tage, bei dem Lina Wirtz nur diesen einen Moment hat, der sitzen muss. Weder die Hochzeitsgesellschaft noch das Paar selbst kennen ihre Rede, bei der es um ganz viele Emotionen und Überraschungen geht. „Es gilt dabei, die gesamte Hochzeitsgesellschaft abzuholen, nicht nur das Brautpaar alleine“, erklärt Lina Wirtz. „Man begibt sich sozusagen auf eine Reise. Und am Ende dieser Reise stehen alle da und freuen sich wahnsinnig, dass genau diese zwei Menschen sich lieben und sich gefunden haben.“

Das Highlight bei ihrem Job sei, mit Worten, die sie wählt, anderen Menschen eine derart große Freude zu bereiten, dass diese Tränen in den Augen haben und zutiefst dankbar sind. „So gesehen kann man mich als Sammlerin von Freudentränen bezeichnen – und meinen Job als den schönsten der Welt.“ Nach jeder Trauung fahre sie mit einem breiten Grinsen nach Hause und wenn sie im Nachhinein die Gästebucheinträge und Feedbacktexte lese, dann sei sie es, die bewegt ist und „ein paar Tränchen“ vergießt. Dabei ist die Zeit, die sie pro Hochzeit investiert, schon ganz schön üppig bemessen. „Man kann es nicht pauschalisieren, aber ich investiere schon 30 bis 40 Stunden in eine einzige Trauung.“ Über 20 Trauungen hat sie schon begleitet.

Die meisten Termine für freie Trauungen finden zwischen April und September statt. Der Frühling steht dabei hoch im Kurs, der Hochsommer weniger. Dieses Jahr hatte Lina Wirtz die große Ehre, eine ihrer besten Freundinnen zu trauen. „Es war die Hochzeitsrede, die ich bislang am häufigsten üben musste, damit ich nicht selbst anfange zu weinen. Bis kurz vor dem letzten Satz habe ich es auch geschafft ...“