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Anwohner der Münsterau beklagen Raserei

Anwohner beklagen Raserei : „Münsterau ist eine tickende Zeitbombe“

Die schweren Unfälle der vergangenen Wochen haben die Anwohner in der Münsterau dazu bewegt, noch einmal für ihre Sorgen mobil zu machen. Während der vergangenen zwei Jahre haben sie bereits mehrfach versucht, die Behörden für die Gefahren auf der Landesstraße 238 zwischen Vicht und Zweifall zu sensibilisieren – bislang ohne Ergebnis.

Weder wurde die Geschwindigkeitsbegrenzung ausgeweitet noch ist etwas von Tempokontrollen zu bemerken. Das monieren Tatjana von Lindenau, Claudia Laukamp und Helmut Breuer auch namens ihrer Nachbarschaft, die vor allem entlang des Abschnitts wohnt, auf dem auf einer Strecke von gut 500 Metern 100 km/h gefahren werden darf.

Teil eines Rennrundkurses

Das alleine sei schon gefährlich genug für Anlieger wie für Verkehrsteilnehmer. Aber während der letzten beiden Jahre habe sich die Lage zunehmend dramatisiert: „Hier werden nachts Autorennen gefahren“, sagt Helmut Breuer. „Man kann das anhand der Motorengeräusche sehr gut verfolgen“, sagt Tatjana von Lindenau, die auf dem von der Landesstraße etwas abgelegenen Junkershammer, dem einst wohl größten und bedeutendsten Reitwerk im Stadtgebiet, eher ruhig wohnt.

„Aber um Mitternacht verwandelt sich die Landesstraße immer wieder in eine Rennstrecke“, so von Lindenau. Nicht unbedingt an den wenigen Tagen mit Schnee, aber oft genug, um eine gewisse Regelmäßigkeit zu erkennen. Ihre Recherchen haben ergeben, dass die Münsterau Teil eines Rundkurses für die Raser ist. Treffpunkt soll der Kaufland-Parkplatz sein. Von dort gehe es in Richtung Vicht durch die Münsterau, den Frackersberg hoch und über Breinig wieder in Richtung Innenstadt.

Einige schwere Unfälle

„Es ist nur eine Frage der Zeit, bis der nächste schlimme Unfall passiert“, stimmt Claudia Laukamp zu und erinnert an die jüngsten schweren Unfälle. Im September vergangenen Jahres fuhr eine Autofahrerin in eine Koppelumzäunung. Latten bohrten sich ins Auto und verletzten die Fahrerin schwer.

Im Mai 2017 waren zwei Schwerverletzte die traurige Bilanz eines Unfalles, nachdem ein Fahrer geglaubt hatte, eine vor ihm fahrende Autokolonne überholen zu müssen. Im September wurde ein Motorradfahrer verletzt. Wenn es kracht in der Münsterau, dann sind die Unfälle zumeist schwerwiegend – wegen des hohen Tempos. Davon sind die Anlieger überzeugt.

Gemäß der Vorschriften der Polizei reicht das nicht aus, um die Münsterau als Unfallhäufungspunkt einstufen zu können. Mindestens drei schwere Unfälle müssten sich innerhalb einer bestimmten Zeit an einer Stelle aufgrund derselben Ursache ereignen. Das sei zwischen Vicht und Zweifall nicht der Fall.

„Der nächste schwere Unfall wird bestimmt passieren“, fürchtet Helmut Breuer. „Die Münsterau ist eine tickende Zeitbombe.“ Und die ticke seit den vergangenen Monaten immer schneller, vor allem seit die Landesstraße Austragungsort von Autorennen geworden sei. Aber auch im normalen Alltag haben die Anlieger oft großes Glück gehabt.

Claudia Laukamp ist es ebenso passiert wie Tatjana von Lindenau: Als sie aus ihren Einfahrten auf die Landesstraße einbiegen wollten, kam ihnen auf ihrer Fahrspur verbotenerweise ein Auto entgegen: „Weil es andere Fahrzeuge überholte“, sagen die beiden Damen wie aus einem Munde. Mehrfach mussten sie deshalb auf den Grünstreifen ausweichen. „Ein Überholverbot fehlt hier ebenfalls“, sagt von Lindenau weiter. „Dass hier ein halber Kilometer ohne Geschwindigkeitsbegrenzung bleiben soll, ist doch einfach lachhaft.“

Da zweifeln die „Münsterauer“ an der Argumentation der Behörden. Weil der Schulweg ihrer Kinder zur nächsten Bushaltestelle als zu gefährlich eingestuft wird, erhalten sie von der Stadt ein paar Cent Kilometergeld, damit sie ihren Nachwuchs selbst chauffieren. Und gleichzeitig lehne die Stadt es ab, verkehrssichernde Maßnahmen zu ergreifen. „Der Sachbearbeiter hat mir immer nur erklärt, warum das nicht geht“, erbost sich Helmut Breuer. „Ich erwarte dagegen, dass alle Möglichkeiten ausgeschöpft werden, um den Bürgern zu helfen.“

Schriftwechsel, Telefonate, Email-Verkehr: Zwei Jahre kämpften die „Münsterauer“ vergeblich gegen die Behörden. Das sei auch eine schlechte Kunde für die Tiere. „Wir haben hier alle Tiere“, sagen die drei. Geflügel, Hunde, Katzen und vor allem Pferde. 16 Einstaller zählt Tatjana von Lindenau auf dem Junkershammer: „Wir können die gegenüberliegenden Wiesen auf der anderen Seite der Landesstraße nicht nutzen, weil es einfach zu gefährlich ist, mit den Pferden die Fahrbahn zu überqueren.“

Helmut Breuer könnte ganze Bücher schreiben von seinen Erlebnissen, wenn er mit seiner Kutsche unterwegs ist und nach links zurück auf seinen Hof abbiegen will. „Da kann ich vorsichtig sein und winken, wie ich will, ich werde trotzdem noch fast überholt“, ärgert sich der passionierte Pferdefreund. Auch der zuständige Jagdaufseher könnte Geschichten erzählen, die nicht dem berüchtigten Jägerlatein entstammten. Etwa von Wildschweinen, die sich im Straßengraben tummeln, während die Autos vorbeirasen würden. „Irgendwann knallt es“, sagt Breuer und betont erneut: „Die Münsterau ist eine tickende Zeitbombe.“ Dabei wollten die Anwohner dort nur in Ruhe leben können.

„Ich habe schon überlegt, noch einmal eine Partei zu gründen“, sagt Helmut Breuer augenzwinkernd. Wer ihn kennt, weiß, dass er Wähler zu mobilisieren weiß. In den 90er Jahren gründete Breuer im Kampf gegen die „Regensteuer“ die Stolberger UWG. Sie zog mit sieben Mandaten in den Stadtrat ein.

Über Antrag wird verhandelt

Ende 2017 hatten in einem gemeinsamen Antrag CDU und SPD eine Temporeduzierung für den noch ungehemmt befahrbaren Abschnitt gefordert. Ein Ergebnis liegt noch nicht vor, wird aber absehbar avisiert. „Wir befinden uns in zielführenden Gesprächen mit den beteiligten Behörden“; sagte ein Sprecher der Stadt auf Anfrage. In Bälde könne mit einem Bericht für den zuständigen Verkehrsausschuss in Stolberg gerechnet werden.