Aachen: Anwesenheitspflicht in Aachener OGS noch nicht geklärt

Aachen: Anwesenheitspflicht in Aachener OGS noch nicht geklärt

„Klarheit und Rechtssicherheit“ verspricht NRW-Schulministerin Yvonne Gebauer für Eltern sowie für Schulen, Kommunen und freie Träger. Doch ganz so klar sind die Richtlinien für den offenen Ganztag in Aachen auch drei Wochen nach Inkrafttreten ihres Erlasses für mehr Flexibilität nicht, wie Heinrich Brötz, Leiter des Fachbereichs Kinder, Jugend und Schule, auf AZ-Anfrage sagt.

Im Dezember hatte die Schulministerin mehr Freiräume für Aktivitäten außerhalb der Schule versprochen. Bislang ist bei einer Teilnahme an der OGS die Anwesenheit der Schüler in der Regel an fünf Tagen in der Woche Pflicht.

In dem Erlass vom 19. Februar, der „mit sofortiger Wirkung“ in Kraft trat, heißt es, dass Schulen, Träger und Kommunen sicherstellen müssen, dass Schüler „an regelmäßig stattfindenden außerschulischen Bildungsangeboten“ (zum Beispiel im Sportverein, in der Musikschule oder beim Erlernen eines Musikinstruments), an ehrenamtlichen Tätigkeiten (etwa in Kirchen, Vereinen und Jugendgruppen) sowie an Therapien oder an familiären Ereignissen teilnehmen können.

Gleichzeitig müssten „eine dauerhafte und möglichst vollumfängliche Teilnahme an den Ganztagsangeboten gewährleistet und Regel und Ausnahme deutlich voneinander unterscheidbar“ sein.

5200 Jungen und Mädchen

Was das konkret für die rund 5200 Jungen und Mädchen bedeutet, die derzeit in Aachen die offene Ganztagsschule besuchen, kann Heinrich Brötz zum aktuellen Zeitpunkt noch nicht sagen. Denn: „Der Erlass ist nicht so leicht umzusetzen.“

Viele Fragen bleiben offen: etwa, ob ein Kind in Zukunft nur an vier, drei oder sogar zwei Tagen in der Woche die OGS besuchen kann. Und welche Auswirkung das womöglich auf den Elternbeitrag haben könnte. „Das ist über den Erlass nicht eindeutig geklärt.“ Ein Umstand, den der Städtetag bereits am Erstentwurf des Erlasses kritisiert habe, sagt Brötz. „Ich verstehe das so, dass die Kommunen das für sich klären sollen.“

Die Herausforderung wird laut Brötz nun sein, ein Gleichgewicht zwischen der von den Eltern gewünschten Flexibilität und der „gleichzeitig hohen Qualität der OGS“ zu finden. Um diese „Gestaltungsaufgabe“ anzupacken, findet am 19. März ein erstes Treffen der Stadt und verschiedener Träger der Jugendhilfe, die sich in der sogenannten AG78 zusammengeschlossen haben, statt. Weitere dürften folgen. Für Brötz ist klar: „Ein ständiges Kommen und Gehen wäre nicht zuträglich.“ Zumal der offene Ganztag bisher schon „kein absolut starres System“ gewesen sei.

Das betont auch Stefanie Koszucki, Geschäftsführerin des Vereins Betreute Grundschulen, der in Aachen an zwölf Grundschulen in städtischer Trägerschaft mehr als 1600 Grundschüler im offenen Ganztag betreut. „Dass ein Kind die OGS mal früher verlässt, weil die Oma zu Besuch kommt, war schon vorher möglich. Wir haben immer bedarfsorientiert agiert.“

Enttäuscht ist Koszucki vor allem darüber, dass in dem Erlass die Forderungen der freien Wohlfahrtsverbände nach einheitlichen Standards im OGS-Bereich und einer Auskömmlichkeit der Finanzierung nicht berücksichtigt worden seien. Es geht um Geld: „Das bereitet uns viel mehr Kopfzerbrechen. Wir sind sehr enttäuscht, dass Frau Gebauer darauf überhaupt nicht eingegangen ist.“

Kritisch sieht auch Björn Jansen als Vorsitzender des Stadtsportbundes den Erlass des Schulministeriums. Als offizieller Kooperationspartner der Stadt Aachen koordiniert der Stadtsportbund etwa 90 Prozent des Sportangebots in den offenen Ganztagsschulen. Probleme, dass Grundschüler wegen der Anwesenheitspflicht in der OGS nicht an Vereinssportangeboten teilnehmen könnten, seien dem Stadtsportbund nicht bekannt.

„Wir befürchten aber, dass die Anzahl der vielfältigen Sportangebote in den Schulen zurückgeht, weil den Eltern der Sport als Freizeitbeschäftigung überlassen wird“, teilt Jansen auf Anfrage mit. So bestehe die Gefahr eines Qualitätsverlustes in den Bewegungsangeboten, „wenn die bestehenden Kooperationen zwischen Schule und Verein beziehungsweise Übungsleiter wegfallen sollten“.

Alternativangebot

Klagen darüber, dass sich immer weniger Kinder und Jugendliche auf Vereinsebene engagieren, sind allerdings auch in Aachen seit Jahren zu hören. „Wir haben schon gemerkt, dass es insgesamt weniger Kinder gibt, die sich dauerhaft dem Vereinssport anschließen. Allein schon weil das Alternativangebot so groß ist“, sagt etwa Bernd Lohmüller, stellvertretender Vorsitzender und Fußball-Jugendleiter des DKJ FV Haaren.

Vor einigen Jahren habe der Verein zwar selbst noch einen Kurs in der OGS der Gemeinschaftsgrundschule Am Haarbach angeboten. Das Angebot habe man jedoch einstellen müssen, weil sich keine Übungsleiter fanden, die die Kinder in den frühen Nachmittagsstunden betreuen konnten. Dass es Grundschülern nun erleichtert werden soll, sich außerhalb des Unterrichts zu engagieren, begrüßt Lohmüller.

Zwar sei der allgemeine Mitgliederschwund in Vereinen sicherlich nicht allein auf die OGS zurückzuführen. „Doch ob Kinder, die nachmittags erst nach Hause kommen, dann noch Lust haben, zum Verein zu fahren, sei mal dahingestellt.“