„Anstiftung zur Stadtgestaltung“ in Aachen

„Create your city“ : „Anstiftung zur Stadtgestaltung“ – und 400 Aachener sind begeistert

Wie wollen, wie könnten wir leben in Aachen? Wohin sollte sich die Stadt entwickeln? Was erhält sie lebens- und liebenswert? Wie bleibt sie attraktiv, lebendig? Können die Bürgerinnen und Bürger dabei mitwirken und wie? Solchen Fragen ging die Veranstaltung „Create your city“ nach, zu der der städtische Kulturbetrieb eingeladen hatte.

Dass die Thematik einer zukünftigen Stadtgesellschaft mehr und mehr Menschen beunruhigt und umtreibt, zeigte sich auch an diesem Abend. Trotz widrig schwüler Temperaturen füllten zu aller Überraschung rund 400 Gäste den damit ausgebuchten und vollbesetzen Ballsaal des Alten Kurhauses. Drei Stunden und mit nicht nachlassender Aufmerksamkeit hörten sie Innovations- und Inspirationsstiftern aus Kultur und Kreativwirtschaft zu, die unter dem Motto „Anstiftung zur Stadtgestaltung“ über außergewöhnliche Projekte in ihren Kommunen berichteten. „Aufregendes, Neues, Überraschendes“ erwartete denn auch Kulturdezernentin Susanne Schwier. Sie und alle Zuhörer wurden nicht enttäuscht. Im Ballsaal kam Aufbruchstimmung auf.

Als Leiter der kulturellen Stadtentwicklung in Mannheim zeigte Matthias Rauch, was passiert, wenn Kultur, Wirtschaft und Wissenschaft gemeinsam die Stadtentwicklung vorantreiben. Die städtische Gesellschaft „startup-mannheim“ fördert Existenzgründer und junge Unternehmen, wobei das Branchenspektrum von der Musik-, Kreativ- und Modewirtschaft bis hin zur Informationstechnik, Medizintechnik und Technologie reicht. „Startup-City Mannheim“ informiert Investoren aus aller Welt.

Rauchs Mannheimer Kollege Hendrik Meier gab nach Vorbildern in Zürich, Amsterdam und New York als erster Nachtbürgermeister Deutschlands einen „Einblick in die Arbeit der Nacht“. Bei Konflikten im Nachtleben vermittelt er zwischen lärmenden Partygästen und ruhebedürftigen Anwohnern. Er ist Schnittstelle zwischen Anwohnern, Feiernden, Betreibern von Klubs, Kneipen und Bars und der Stadtverwaltung. Anwohner und Akteure der Nacht holt er, die Verwaltung massiv entlastend, an den Runden Tisch.

„StreetPong“ in Hildesheim“

Einen amüsanten und den Ballsaal erheiternden Einblick in ihre „Agentur für Game-Design und urbane Überraschungen“ gab Amelie Künzler aus Hildesheim. Sie will den „Spieltrieb im öffentlichen Raum“ fördern, ihn in einen Ort des Staunens verwandeln. Menschen erleben ihre Umwelt neu, alltägliche Situationen werden spannender. „StreetPong“ etwa heißt ein Projekt, das an der Ampel wartenden Fußgängern Spaß machen soll: ein Ampelschalter mit Touchscreen-Funktion und eingebautem Spiel, beide Straßenseiten sind über den Schalter miteinander verbunden, so dass man während der Rotphase den gegenüber Wartenden herausfordern kann. „Das Spiel reduziert die Rot-Läufer“, sagt Künzler.

Amüsant auch der Grazer Aktions- und Konzeptkünstler Merlin Bauer, der seit 1999 in Köln lebt. Seine Kölner Kampagne „Liebe deine Stadt“ lenkte die Aufmerksamkeit auf unentdeckte Architektur und Plätze, sie eroberte Nicht-Orte und stiftete zum urbanen Dialog der Bürger an. Bauer kurvte mit einem in den Stadtfarben rot-weiß dekorierten Eisverkäufer-Dreirad durch die Domstadt, wo er stoppte, wurde der Nicht-Ort zum Ort der Begegnung. „Unter dem Pflaster der Strand – momentane Orte“ nennt der Künstler das.

Ein völlig neues Lebenskonzept schilderten Anu Beck und Mona Beckmanns aus Köln. Beim Projekt „nowpow“ im Bergischen Land experimentiert ein Kollektiv in einem modernen, ökologisch gebauten Holzhaus als gemeinsames Domizil und Zukunftslabor mit neuen Lebens- und Arbeitsmodellen. „Wir glauben an ein artgerechtes, natürliches Leben im Einklang mit technischem Fortschritt“, sagen die beiden jungen Frauen. Stadt-Kultur treffe auf Landkultur, „Co-Working auf Co-Living“, wie das neudeutsch heißt. Unternehmen buchen den „magischen und inspirierenden Workshopraum im Grünen“.

„Ingenieure retten die Erde“

Gemessen am lang anhaltenden starken Beifall hinterließ RWTH-Professor und Streetscooter-Gründer Achim Kampker den nachhaltigsten Eindruck. Mit seiner Initiative „Ingenieure retten die Erde“ kämpft er gegen Klimawandel und Umweltverschmutzung an. Sein Beitrag war aufrüttelnd, mitreißend, Mut fordernd. „Wir müssen eine vernünftige Erde hinterlassen“, appellierte Kampker und mahnte: „Wir stehen nicht vor einem unlösbaren Problem, aber die Zeit tickt. Es ist wichtig, anzufangen.“ Eindringlich immer wieder seine Forderung: Anfangen! Machen! Kampkers großer Plan: Bau einer grünen „Modellstadt Humanotop“, in der alle Ressourcen vor Ort produziert und verbraucht werden.

Die neue Stadt kann vielleicht in fernen Ländern, nicht aber im dicht besiedelten Deutschland aus der Erde gestampft werden. Dennoch ruft Kampker Regionen und Städte auf, sich für ein im Oktober startendes Projekt zum Thema „Verkehrswende plus Energiewende“ zu bewerben. Wobei der Aachener Professor es gerne sähe, wenn sich auch Aachen mit einem Stadtteil beteiligen würde.

Mit wahren Jubelrufen quittierten die jungen Zuhörer im Publikum den Beitrag von David J. Becher über die „Utopiastadt Wuppertal“. Ein stillgelegtes historisches Bahnhofsgebäude als Zentrum eines Kultur- und Kreativquartiers zieht als „Stadtlabor für Utopien und Treffpunkt für gemeinschaftliche Stadtgestaltung“ in Scharen Alt wie Jung an.

Gegenüber den auftretenden Städten und Initiativen steht Aachen nun nicht völlig unbedarft da. So vergaß nach den drei hochspannenden Stunden der locker Regie führende Moderator Kai Hennes aus Aachen nicht, das „kreative Potenzial der Kultur- und Kreativwirtschaft aus und für die Aachener Stadtentwicklung und die Region“ zumindest schlaglichtartig aufzuzählen. Als Leiter des Projekts „Future Impact Maker“ führte er die Namen der vorigen Preisträger an und lockte: „Mit ihnen können wir eine tolle Stadtzukunft haben. Damit es einmal heißt: Aachen, die Stadt, in der man gerne bleibt.“

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