Aachen: Angekommen in Aachen: Mr. Ward will junges Publikum für sich gewinnen

Aachen: Angekommen in Aachen: Mr. Ward will junges Publikum für sich gewinnen

Den Sprung ins (gar nicht so kalte) Aachener Wasser hat er bekanntlich mit seinen Probedirigaten im vergangenen Herbst höchst virtuos gemeistert. Das hat ihn gestern Nachmittag aber nicht davon abgehalten, sich — statt in die Arbeit, denn die muss ja nun doch noch ein bisschen warten — erst einmal in die Fluten der Elisabethhalle zu stürzen.

Spätestens dort wird Christopher Ward gelernt haben, dass er selbst beim womöglich ersten wirklichen Freizeitvergnügen an seiner designierten Wirkungsstätte quasi auf den Spuren seiner Vorgänger wandelte — immerhin haben die Aachener Sinfoniker ihre Werke jahrzehntelang im provisorischen Orchesterraum direkt über dem historischen Badetempel einstudiert . . .

Und so erscheint es gar nicht abwegig, dass der frisch gebackene neue Generalmusikdirektor des Theaters Aachen — trotz Feuerprobe als erfolgreicher Debütant im Eurogress — manchem potenziellen Fan zuerst einmal in triefender Schwimmhose statt im festlichen Frack über den Weg gelaufen ist.

Bei seiner offiziellen Vorstellung in Haus Löwenstein (siehe auch Interview im Kulturteil) zog es der gebürtige Londoner freilich vor, die versammelte Medienschar, Seite an Seite mit Generalintendant Michael Schmitz-Aufterbeck, Kulturdezernentin Susanne Schwier und Stadtsprecher Bernd Büttgens, im obligatorisch-dezenten schwarzen Anzug zu begrüßen — very british eben.

Und wer den Protagonisten an diesem freundlichen Montagvormittag in die Augen schaute, durfte wohl mit Fug und Recht von einem strahlenden Empfang sprechen. „Ich freue mich sehr, dass die lange und schwierige Prozedur der Kandidatenkür am Ende zu einem solch wunderbaren Ergebnis geführt hat“, sagte Susanne Schwier. „Christopher Ward hat bei seinen Probedirigaten ebenso wie in den Gesprächen mit der Findungskommission auf ganzer Linie überzeugt.“

Herzen im Handstreich erobert

Nicht nur als versierter Musiker, sondern auch durch seine spontane und offene Art der Kommunikation (auch sein Deutsch ist inzwischen nahezu perfekt) habe der 37-Jährige bereits die Herzen vieler Öcher erobert — sozusagen im Handstreich. „Er bringt wirklich alles mit, was wir uns wünschen“, bekräftigte auch Schmitz-Aufterbeck.

Schließlich habe der junge Brite sich bei seinen höchst anspruchsvollen Probedirigaten am Ende souverän gegen 77 hoch qualifizierte Konkurrenten durchgesetzt, seine exzellenten Fähigkeiten als künstlerischer Assistent berühmter Kollegen wie Sir Simon Rattle in Berlin oder Kent Nagano in München ebenso bewiesen wie zuletzt als 1. Kapellmeister am Saarländischen Staatstheater.

Zu neuen Ufern will der groß gewachsene Mann mit dem dichten dunklen Schopf also beileibe nicht allein als passionierter Schwimmer aufbrechen. „Es interessiert mich sehr, unterschiedlichste Genres zu verbinden und damit besonders auch junge Leute anzusprechen“, sagte er. Seit er seine ersten Meriten als langjähriger Sängerknabe in seiner Heimatstadt London erworben habe, liege ihm neben einer besonderen Vorliebe für innovative Projekte im Zeichen des Brückenschlags zwischen neu interpretierter klassischer und experimentell-moderner Klangkunst vor allem die Chormusik am Herzen.

Noch ein Pfund, das er in Aachen in die Waagschale werfen kann. „Wir denken schon gemeinsam über neue Formate nach, und ich könnte mir sehr gut vorstellen, in Zusammenarbeit mit den Kollegen der freien Musikszene auch unkonventionelle Angebote zu entwickeln“, betonte Ward. So gebe es bereits Pläne, größere Konzerte zum Beispiel im neuen Kulturdepot an der Talstraße zu präsentieren, die möglichst nicht nur das traditionelle Konzertpublikum ansprechen sollen.

Spätestens ab Mitte Juni, wenn die Vorbereitungen für seine erste Spielzeit am Theater auf Hochtouren laufen, wird er Gelegenheit haben, die ersten Kontakte zu vertiefen und erste Akzente in der wichtigen Schlüsselposition als GMD zu setzen. Was ihm freilich noch fehlt, sind die Schlüssel für den geplanten Umzug ins Dreiländereck. „Schon jetzt haben die Aachener mir so viele Türen geöffnet“, sagt er lächelnd. Da dürfte die Suche nach einer neuen Wohnung für einen unverheirateten Neu-Aachener ohne Familienanhang die kleinste Herausforderung sein, die in den kommenden Monaten auf Christopher Ward zukommt.