Andreas Grude rezitiert Rilke in der Stadtbibliothek Aachen

Nacht der Bibliotheken : Auf den Spuren von Rainer Maria Rilke

Bei der Nacht der Bibliotheken wurde in der Stadtbibliothek mal wieder deutlich, dass Bibliotheken nicht nur Lernorte, sondern auch Erlebnisorte sind.

Zum achten Mal luden die Bibliotheken Nordrhein-Westfalens unter dem Titel „Mach es!“ zur langen Nacht der Bibliotheken ein. In Aachen ließ sich Schirmherrin Susanne Laschet in die digitale Welt entführen, reiste mit der VR-Brille in ferne Welten und begutachtete das umfassende digitale Angebot der Aachener Stadtbibliothek.

E-Books können ausgeliehen werden, der Press Reader bietet weltweit erscheinende Zeitungen. Diese Angebote lassen sich auch bequem von zu Hause abrufen, sofern man ein Benutzerkonto der Bibliothek hat. Wer zu Hause noch alte Schätzchen aus der analogen Zeit besitzt, die Lieblingsschallplatte, das erste Mix-Tape oder alte VHS-Filme, kann diese in der Stadtbibliothek digitalisieren lassen. Während der Öffnungszeiten stehen Besuchern in der Erwachsenenbibliothek und in der Jugendbibliothek „Youthfactory“ Internetarbeitsplätze zur Verfügung. „Bibliotheken sind Lernorte“, unterstrich Bibliothkeksleiter Manfred Sawallich, und sprach von Lernorten, in denen sich digital und analog miteinander verbinden.

Dass Bibliotheken auch Erlebnisorte sind, stellte Rezitator Andreas Grude mit der Konzertgitarristin Anrea Gémes unter Beweis. „Du musst das Leben nicht verstehen“ lautet der Titel von Grudes aktuellem Programm, in dem er Werke des Dichters Rainer Maria Rilke rezitiert und kommentiert. „Einzig in ihm war das Wort von uns allen schon Musik“, sagte Stefan Zweig über den Dichter. Rilke, 1875 im Prag der K-und-K-Monarchie geboren, gilt als Erfinder der Dinglyrik, als Wegbereiter des Symbolismus und Expressionismus, wurde von Zeitgenossen als Prophet, als großer Heiliger der modernen Kunst verehrt. Gottfried Benn hingegen fand ihn „ein bisschen dumm“.

Grude möchte Rilke vor allem als Menschen zeigen – „mit all seinen Widersprüchen und Fragen“. Ob und was Rilkes Lyrik bedeutet, dürfe das Publikum gerne für sich selbst entscheiden, lud Grude ein. Behütet und etwas verhätschelt wuchs Rainer Maria Rilke auf, die Eltern hatten sich eigentlich ein Mädchen gewünscht, trotzdem besuchte er die Militärschule in St. Pölten und später die Militäroberschule. Obwohl ihm der Drill nicht behagte und seine Begabung eindeutig woanders lag, strebte er mit 16 Jahren noch eine Karriere im Militär an – vorgetragen von Grude im zackig-militärischen Ton – sein „Ungenügend“ im Fechten dürfte der Karriere etwas im Weg gestanden haben.

Zeit seines Lebens, kommentierte Grude, erdichtete sich Rilke immer wieder seine Welt. Russland war sein Sehnsuchtsland, die furchtbaren Lebensbedingungen der russischen Bauern allerdings ignorierte er. Mit Paris tat er sich schwer, doch verdankte er der Stadt künstlerisch viel. Zwei seiner bekanntesten Gedichte, „Der Panther“ und „Herbsttag“, entstanden dort. Er verliebte sich in die 15 Jahre ältere Literatin Lou Andreas-Salomé, in Worpswede gleich in Paula Becker (später Modersohn-Becker) und Clara Westhoff – letztere wurde für ein Jahr seine Ehefrau. Die Pflichten eines Ehemanns und Vaters waren allerdings nicht sein Ding. Immer wieder wurden seine Gedichte vertont, Rilke selbst war der Auffassung, Musik und Poesie seinen nur zwei Ausdrucksformen derselben Sache. Allerdings mochte er die Vermischung von Musik und Poesie gar nicht und polemisiert regelmäßig gegen Vertonungen seiner Gedichte. Die Rezitationen ergänzte Andrea Gémes mit Gitarrenwerken von José Vinas, Mauro Giuliani und Henry Purcell.